Waiblingen

Wanzen im Bett

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Die bräunlich gefärbten, ein bis sieben Millimeter kleinen Insekten leben von Blut. © Danny Galm

Waiblingen. Allein die Vorstellung reicht, schon kribbelt’s und juckt’s überall: Bettwanzen sitzen in Ritzen und fallen nachts über Schlafende her. Die Viecher sind heute „präsenter denn je“, warnt ein Kammerjäger. Eine Familie aus dem Rems-Murr-Kreis fühlt sich ernsthaft bedroht, weil die Wanze ihr altes Haus hartnäckig besetzt hält. Hitze kann helfen.

Eine Bekannte der Familie schlägt Alarm: Die Betroffenen sind mit den Nerven am Ende und fürchten, das alte, ritzenreiche Haus könnte nicht zu retten sein. Bisherige Versuche, dem Wanzenbefall Herr zu werden, sind offenbar fehlgeschlagen.

Die Bettwanze ist „ganz stark im Kommen“

Die Parasiten haben allem widerstanden. Nun kommt harte chemische Keule zum Einsatz, berichtet die Bekannte. Das alles kostet Geld; zumindest einen kleinen Zuschuss haben die Betroffenen nun erhalten. „Das Land ist in der Pflicht, die Leute zu sensibilisieren“, findet die Fürsprecherin der Familie. Weder sie noch die Betroffenen wollen den Schutz der Anonymität verlassen, was natürlich nicht verwundert.

Bernd Schrimpf, Geschäftsführer des Schädlingsbekämpfers „Der Puschmann GmbH“ in Esslingen, hat zwar noch nie gehört, dass ein Haus wegen Bettwanzenbefalls abgerissen werden musste. Trotzdem: Den Krabbeltieren ist nicht ganz einfach beizukommen. Die Bettwanze schien ausgestorben zu sein und ist jetzt wieder „ganz stark im Kommen“.

Ohne chemische Stoffe geht es nicht

In praktisch jeder Publikation zum Thema heißt es: Nur ein Spezialist wird das Problem lösen können.

Schädlingsbekämpfer rücken der Wanze samt deren Eiern und Larven mit Hitze zu Leibe. Notfalls muss das ganze Haus auf 60 Grad hochgeheizt werden, und das mindestens zwei Stunden lang. Das ist schwer zu bewerkstelligen, weil die hohe Temperatur bis in die hinterletzte Furche vordringen muss.

Was Insektizide angeht, sind in Fachpublikationen verschiedene Angaben zu finden. Ohne chemische Stoffe geht es nicht, heißt es; andererseits gelten Bettwanzen als längst resistent gegen verschiedene Mittel.

Letztes Mittel: Ausziehen und Wanzen verhungern lassen

Die Menschen reisen viel mehr als früher, gern auch in exotische Länder: Das ist einer der Gründe, weshalb die Bettwanze längst auch „in reichen Ländern mit hohem Hygiene-Standard“ vorgedrungen ist, wie Dr. Wolfgang Hoffmann vom Kompetenzzentrum Tropenmedizin Tübingen sagt.

Er hat von einer Wanderhütte im Hochgebirge der Alpen gehört, in der selbst härteste chemische Mittel die Wanze nicht ausrotten konnten. Die Betreiber schlossen die Hütte für ein halbes Jahr, woraufhin die Wanzen verhungerten.

Die bräunlich gefärbten, ein bis sieben Millimeter kleinen Insekten leben von Blut. Sie stechen gern nachts zu. Das Opfer spürt tagelang Juckreiz, und es können lästige Quaddeln auf der Haut entstehen. Infektionen durch Kratzen sind eine weitere unangenehme Begleiterscheinung.

„Für Bettwanzenbefall gibt es keine Meldepflicht“, informiert eine Sprecherin des Landratsamtes. Niemand weiß deshalb, wie viele Fälle im Rems-Murr-Kreis auftreten. Nach Andreas Koflers Einschätzung ist der Zenit des Bettwanzenbefalls bereits überschritten. Der Mitinhaber der Gebäudereinigung und Schädlingsbekämpfung Kofler GmbH in Fellbach hat die Jahre 2012 bis 2014 als Hoch-Zeit erlebt.

Reisende bringen den Lästling im Koffer mit

Wenn schon Privathaushalte sich mit dem ekligen Insekt herumschlagen müssen, wie viel mehr dürften erst Hoteliers die Wanze fürchten. Reisende bringen den Lästling im Koffer mit; weshalb ein Befall „kein Zeichen ist, dass der Betrieb schlecht geführt wird“, wie Daniel Ohl vom Hotel- und Gaststättenverband Dehoga Baden-Württemberg betont.

„Bei uns ist das kein Massenphänomen“, versichert Ohl – und räumt ein: „Es wird nicht geredet.“ Wie oft sich Hotels gegen Wanzen zur Wehr setzen müssen, „können wir nicht seriös sagen“. Jedenfalls existieren – nicht nur wegen der Wanzen – offenbar Rahmenvereinbarungen mit Schädlingsbekämpfern, damit die Profis im Fall der Fälle schnell handeln.

Sehr viel schneller handelt der Hotelgast: Ein Foto von einer Wanzenhaut auf dem Bett oder von roten Stellen auf der Haut ist ruck, zuck im Internet veröffentlicht, noch bevor ein Hotelier reagieren kann. Solcherlei Bewertungen und Erfahrungsberichte verkraftet kein Betrieb lange.

Auf Reisen: Erst die Unterkunft überprüfen

Besser wär’ natürlich, man schleppt die Insekten erst gar nicht ein. Reisende sollten ihr Gepäck nicht direkt neben dem Bett aufbewahren, rät Wolfgang Hoffmann vom Kompetenzzentrum Tropenmedizin Tübingen. Zudem empfiehlt es sich, eine Reiseunterkunft vor dem Bezug auf Wanzenspuren zu überprüfen.

Sind Kotspuren, leere oder noch gefüllte Eier oder Häute zu sehen? Dann schnell weg. Wolfgang Hoffmann würde beim Verdacht, dass sich im Reisegepäck Bettwanzen verstecken könnten, „die gesamte Wäsche aus dem Koffer sofort nach Ankunft zu Haus möglichst heiß waschen“. Sofern machbar, empfiehlt es sich, den Koffer für ein paar Tage in einem Kühlraum mit mindestens minus 20 Grad zu lagern.

Vorsicht beim Kauf alter Möbel

Die Wanzen verbergen sich gar in Kofferschlössern oder in Falten von Rucksäcken, warnt das Gesundheitsamt. Vorsicht ist auch beim Kauf alter Möbel, gebrauchter Teppiche, Betten, Sessel und Couches aus zweiter Hand angesagt. Bettwanzen können monatelang ohne Nahrung überleben. Was lange schon im Dachboden verstaubt, muss also nicht wanzenfrei sein.

Selbst wenn Wanzen-Opfer die Viecher endgültig losgeworden sind, leiden sie unter Umständen weiter. Im „Europäischen Kodex für Bettwanzen-Management“ ist beschrieben, mit welchen psychischen Problemen Betroffene unter Umständen konfrontiert sind. Sie berichten von Schlafmangel und Angstzuständen, manchmal gar von Wahnvorstellungen.

"In manchen Fällen müssen Betroffene therapiert werden"

Es fühlt sich für sie an, als ob sie selbst oder ihre Umgebung von unzähligen beißenden und krabbelnden Insekten heimgesucht werden: „Diese Symptome können bis weit nach der erfolgreichen Bekämpfung eines Befalls anhalten. In manchen Fällen müssen Betroffene therapiert werden, um diese Angstzustände zu überwinden.“

Die beste Vorbeugung in Privathaushalten ist laut Kodex, Wanzen frühzeitig zu erkennen und schnell zu reagieren. Die Insekten bleiben zunächst im oder am Bett, weil sie von ihrem Blutspender, dem Menschen, abhängig sind. Unsachgemäße chemische Behandlung kann dazu führen, dass die Tiere flüchten – und alles wird nur noch schlimmer, weil die Viecher dann noch mehr Ritzen besetzen als zuvor.


Die Lästlinge finden immer ein Plätzchen

  • Das Gesundheitsamt nennt zahlreiche Stellen, an denen sich die Bettwanzen gern verstecken: Sie verkriechen sich in schmalen Spalten und Hohlräumen, in Bettgestellen, zwischen den Matratzen, in Spalten der Bettkästen, unter Polstern, hinter loser Tapete, in Nagellöchern, hinter Regalen, Spiegeln und Bildern, in Lichtschaltern, in Deckenanschlüssen der Lampen, in Rissen der Deckenstucks, hinter Zierleisten im Deckenbereich, in Lichtleitungsverkleidungen, in Jalousienkästen und Gardinenvorrichtungen.
  • Bei starkem Befall sitzen sie auch im Fußbodenschwellenbereich und in Bücherrücken. In der Umgebung dieser Verstecke sieht man häufig die rundlichen, kleinen, braunschwarzen Kotflecke, die sich im Gegensatz zum Fliegenkot nicht mit Wasser abwischen lassen.
  • Weibliche Bettwanzen produzieren etwa zwei bis drei Eier pro Tag. Da die Lebenserwartung mehrere Monate beträgt, kann jedes Weibchen circa 400 bis 500 Eier im Laufe ihres Lebens ablegen.
  • Bei starkem Befall kann man die Lästlinge sogar riechen. Sie verströmen einen süßlichen Geruch nach Koriander oder Mandeln.
  • Es gibt Spürhunde, die etwa im Gepäck Bettwanzen erschnüffeln können.