Waiblingen

Warum die Bienen sterben

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Bienen nutzen Waben als Produktionsstätte und Lagerplatz für Honig und Pollen, außerdem züchten sie darin ihre Larven auf. © Sarah Utz
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Herbert Häbich und Ursula Maile – vor einem Bienenstock in Mailes Garten.

Kernen-Stetten. Verwilderte Wiesen mit Blühpflanzen wie Löwenzahn und Glockenblumen sind für Bienen ideal. Der IG Streuobst bereitet solche Wildnis aber Kopfzerbrechen. „Ich verstehe die IG Streuobst, es sieht ja auch schöner aus“, sagt der Stettener Herbert Häbich. Aber das Bienensterben habe genau hier seinen Grund: Dauerndes Mähen und eine hocheffiziente Landwirtschaft, die auf giftige Pflanzenschutzmittel und Sorten setzt, die nicht mehr honigen.

„Bienen fressen kein Gras“, so lautet Herbert Häbichs Devise. Der erfahrene Stettener Imker ist mit seinen 18 Bienenvölkern aus dem Haldenbachtal längst ausgewandert. Da Bienen Blütenhonig aus dem Nektar von Wiesen- und Ackerblumen erzeugen, brauchen sie eine Weide, eine attraktive Blühmischung, die es im Unteren Remstal kaum noch gibt. Die Spritzerei mit Pflanzenschutzmitteln, Giftstoffen, die das Nervensystem der Insekten angreifen, tut da ein Übriges. Nicht nur die im 14-Tages-Rhythmus gemähten verbliebenen Baumwiesen, die an gepflegten Fußballrasen erinnern, sind da ein Problem. Auch solche Wiesen, die noch landwirtschaftlich umgetrieben werden, bieten kein Angebot mehr, weil sie um des höheren Eiweißgehalts willen schon vor der Blüte gemäht werden. Und blüht der Löwenzahn, werden die fleißigen Honigbienen, die wichtigsten Bestäubungsinsekten unserer Kulturlandschaft, von den Mähwerkzeugen geschreddert.

Pflanzenschutzmittel, ertragreiche Neuzüchtungen für eine profitorientierte Landwirtschaft und das Ausräumen der Landschaft lassen Insekten massenweise sterben. Der frühere Biologielehrer Herbert Häbich weiß noch von Autobahnfahrten vor 30 Jahren, als er nach der Ankunft tote Insekten von der Windschutzscheibe waschen musste: Heute bleiben seine Autoscheiben sauber. Auch die Energiewende mit dem vermehrten flächenhaften Maisanbau fördert das Bienen-Sterben. „Wenn von offizieller Seite behauptet wird, Mais sei eine Trachtpflanze, ist das Hohn“, sagt Herbert Häbich. „Mais ist ein Windblütler und liefert minderwertige Pollen und wird deshalb nur im äußersten Notfall angeflogen.“

Er geht auf die Alb, weil es nach dem 10. Mai hier nicht mehr viel bringt

Der Stettener Imker ist mit seinen 18 Bienenvölkern aus dem Haldenbachtal längst ausgewandert. Den Sommer über stehen seine Bienenstöcke bei einem Bauern nahe Münsingen auf der Alb oder im Schwäbischen Wald. „Weil ich ohnehin auf der Alb mehr Honig kriege, habe ich Stetten aufgegeben“, sagt Freizeitimker Häbich. „Ich gehe auf die Alb, weil es nach dem 10. Mai hier nicht mehr viel bringt und weil es hier viele Völker gibt. Wenn das Wetter stimmt, honigt es dort. Etwas mehr Futter ist eine Lebensversicherung für mich.“

Moderne, großflächige Landwirtschaft und Imker sind wie Feuer und Wasser. Die kleinbäuerliche Wirtschaft ist ja verschwunden. Deshalb gibt es die kontinuierlich gesicherten, kleinen Trachten, sprich das Angebot an Nektar, Pollen und Honigtau, den die Honigbienen in den heimischen Bienenstock eintragen und dort verarbeiten, nicht mehr. Seit einigen Jahren haben der Raps und die Sonnenblume zudem aufgehört, zu honigen, also Nektar auszuscheiden, denn die Neuzüchtungen setzen auf hohen landwirtschaftlichen Ertrag. „Nektar ist ein Verlust, und ich weiß ja, dass die Bauern davon leben müssen“, sagt der Stettener Biologe Häbich. „Es gibt bei den Sonnenblumen nur noch eine Sorte, die honigt.“ Da Raps Potenzial zur Selbstbestäubung hat, wurden ihm offenbar die Honigdrüsen, die Nektarien, weggezüchtet. Auch habe ein Teil der Rapsblüten die Pollenschläuche verloren, sagt Häbich. Sie produzieren keine Pollen mehr, die im Bienenstock von den Insekten zusammen mit Nektar und Honigtau zu Honig umgewandelt werden. Dabei sei Deutschland, betont der Experte, ein Land der Honigesser. Über ein Kilo werde pro Nase jährlich verzehrt.

Tropfen auf den heißen Stein

Die Bienenweide schwindet immer mehr. Herbert Häbich, der seine 18 Bienenvölker im Winter von Stetten nach Hegnach und Fellbach umgesetzt hat, hält die Maßnahmen, die Kommunen wie Kernen jetzt ergreifen, für einen werbewirksamen Tropfen auf den heißen Stein. Blühbänder, Ackerrandstreifen, Blühpflanzen auf Rondellen seien zwar schön, aber nicht nachhaltig.

Seine Bienenstöcke stehen außerhalb der Sommermonate im Remstal zwar in der Nähe blühender Rapsfelder, aber Messungen belegen, dass ein Bienenvolk innerhalb rund eines Monats, vom 10. April bis 9. Mai 2017, rund sieben Kilo an Gewicht eingebüßt hat. Ein Indiz dafür, dass während der Blütezeit die Tracht komplett ausfällt. „Die säen hier den falschen Raps“, klagt Häbich. Ähnlich die Misere in Bittenfeld. Dort stagnierte unmittelbar neben einem Rapsfeld im April und Anfang Mai 2015 das Gewicht seines Bienenvolks bei rund 58 Kilo. „Da kommt nix rein“, klagt der Imker, während in Städten mit ihren Parks und Linden heute das Nektarangebot größer sei als auf dem flachen Lande. Stichwort: „Stuttgart summt“. So merkwürdig das klinge, sagt er: „In Städten und Dörfern soll das Trachtangebot besser sein.“

Besser sieht es auch im Garten von Ursula Maile aus, Häbichs Stettener Imker-Schülerin. Ihre zwei Bienenvölker auf der Terrasse gedeihen zwischen Obstbäumen, Efeu-Ranken und Blumenbeeten prächtig.

Kornblumen und Brennnesseln verschwinden

„Solange die Landwirtschaft so weitermacht, wird es nicht besser“, sagt Herbert Häbich. Ein Beispiel für die ökologischen Kosten ertragsintensiver Landwirtschaft ist die Kornblume. „Wenn heute jemand Weizen sät, sind keine Blütenpflanzen mehr drin. Das lässt sich alles selektieren.“ Er, Häbich, habe auch schon ewig keine Brennnesselbüsche gesehen. Deshalb beobachte er auch keine Pfauenaugen mehr, Schmetterlinge, deren Raupen die Brennnesseln als Nahrungsgrundlage haben.