Waiblingen

Warum Fertigsuppen krank machen

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Er gibt keine Ratschläge, sondern Informationen: Hans-Ulrich Grimm © Büttner / ZVW

Waiblingen. Farbstoffe, Aromastoffe, Geschmacksverstärker, Haltbarkeitsmacher: Unsere Lebensmittel stecken voller Zusatzstoffe, die uns eine schöne gesunde Welt vorgaukeln. Seit Jahren auf der Spur ist ihnen der Journalist und Autor Hans-Ulrich Grimm. Sein Credo: Entgegen moderner Ernährungstrends sind es nicht einzelne Lebensmittel wie Fleisch oder Weizen, die krank machen, sondern der industrielle Herstellungsprozess. Am Samstag spricht er im Bürgerzentrum.

Video: Hans-Ulrich Grimm über die Ernährung für unsere Kinder.

Hans-Ulrich Grimm, ehemaliger Spiegel-Redakteur und bekannter Kritiker der Lebensmittelindustrie, ist beileibe kein Asket. Er kocht und isst mit Vergnügen: am liebsten Hühnersuppe, gern auch schon zum Frühstück. Und Spätzle. „Schon als Kind habe ich gern gegessen und meine Mutter gefragt, wie man Linsen und Spätzle kocht“, erzählt er. Später war er für die Schwäbische Zeitung als Restaurantkritiker unterwegs, noch später hat er im Auftrag des Spiegels auf Ernährungsmessen recherchiert. Dass in einer Fertig-Hühnersuppe fast kein Huhn („zwei Gramm Trockenhuhn, das sind sieben Gramm Nasshuhn“), aber ganz viel Chemie steckt und der Erdbeergeschmack im Joghurt nicht von Erdbeeren, sondern von Sägespänen stammt, hat ihn zuerst als Feinschmecker empört, dann aber auch seinem Körper widerstrebt.

Chemie und Hitze für die Haltbarkeit

Seine Erkenntnis: Mit Aromen, Farbstoffen und Haltbarkeitsmachern erzeugt die Lebensmittelindustrie eine Parallelwelt, die gut schmeckt, mit der realen Welt aber nichts mehr zu tun hat. Fruchtgeschmack statt Früchte, Fleischaroma statt Fleisch, Zusatzstoffe statt Vitamine. Und ganz viel Chemie und Hitze für die Haltbarkeit. „Das Allerwichtigste bei der Fertignahrung überhaupt“, weiß der Journalist. Ein Fruchtjoghurt muss zwei Wochen halten, ein Kartoffelbrei aus der Tüte ein Jahr, ein Babybrei zwei Jahre. Mit Natur hat das nichts mehr zu tun, schlussfolgert Grimm. Das könnte einen kaltlassen, wenn es keinen schädlichen Folgen hätte: Der Körper, dem ständig vorenthalten wird, was er braucht, verlangt Grimms Erkenntnissen zufolge immer mehr, wird dick - und krank.

Eltern haben Vertrauen in Industrienahrung

Besonders krass wirkt sich die Parallelwelt der Lebensmittelindustrie bei Kindern aus. Für Kinder, die nur mit Fertigprodukten und industriell verarbeiteten Lebensmitteln aufwachsen, ist die bunte Welt der Fruchtzwerge und Fertigsuppen die einzige Welt, die sie kennen. Merkwürdigerweise seien ausgerechnet Eltern in einer Zeit, in der die industrielle Ernährung langsam in Verruf gerät, noch die Einzigen, die Vertrauen in Industrienahrung haben, wundert sich Hans-Ulrich Grimm, selbst Vater zweier Kinder. Im Kindergarten des eigenen Nachwuchses fragt er schon mal kritisch nach, was genau da zum Mittagessen ausgegeben wird. Wobei es ihm persönlich wurst sei, was es dort und in der Grundschul-Mensa gebe: „Unsere Kinder essen daheim gesund.“

"Wenn man eingreift, kommt alles durcheinander"

Das gilt beileibe nicht für alle Familien. Schon die Allerkleinsten, beklagt Grimm, der in Stuttgart den Online-Infodienst „Dr. Watson – Der Food Detektiv“ betreibt, kämen durch Fertig-Gläschen mit industriell hergestellter Nahrung in Kontakt. Später folgen Fischstäbchen, Cola und Gummibärchen. Früh werde dadurch das kindliche Immunsystem kaputtgemacht, schlechte Vorlieben fürs ganze Leben geprägt, während der kindliche Körper doch eigentlich auf echtes Essen programmiert sei. Das Kinder genau wissen, was sie brauchen, haben Studien längst erwiesen: „Aber“, sagt Grimm: „Wenn man eingreift, kommt alles durcheinander.“

Er kauft alles bio, auch Fleisch

Das wissen aus leidvoller Erfahrung zahllose Erwachsene, die längst vergessen haben, was ihnen guttut und wann sie satt sind. Auf eine Diät folgt die nächste, ein Ernährungstrend jagt den anderen. Von Trends wie veganer Ernährung hält Grimm indes wenig: „Diese Ernährung mag dem Tier nützen, insgesamt ist das aber nicht artgerecht für uns.“ Ihn selbst interessiere „das bessere Essen“, und dafür kauft er alles bio, auch Fleisch, kocht aus frischen Zutaten und trinkt auch gerne Wein. Auch Übergewicht ist für Grimm eine Folge der leidigen Zusatzstoffe: „Um dick zu werden, muss man das System außer Kraft setzen“, erklärt er. Glutamat und Aromen führten den Körper in die Irre, so dass das Sättigungsgefühl verloren geht. „Es gibt kein übergewichtiges Tier in freier Wildbahn, weil der liebe Gott dafür gesorgt hat, dass sie sich mit dem ernähren, was sie brauchen“, erinnert er. Dass das nicht für Hunde und Katzen gilt, die mit Dosenfutter aus der Fabrik ernährt werden, liegt auf der Hand.

Die gute Nachricht: „Auch Erwachsene können wieder lernen, was sie brauchen.“ Immer mehr Menschen wollen wieder echtes Essen, weiß Grimm. Beste Voraussetzung für die Umstellung liefert der Körper selbst: Alle drei Wochen erneuern sich die Geschmackszellen auf der Zunge. Dazu passt die neue Lust am Kochen und am Essen: mit Äpfel, Birnen, frischen Kräutern und Gemüse vom Wochenmarkt, mit geschmackvollem Käse vom Käsestand und echtem Brot vom Bäcker – ohne Backmischungen gebacken.


Hans-Ulrich Grimm

Hans-Ulrich Grimm ist Journalist und Autor mehrere Bücher. Zu seinen Bestsellern gehören „Die Suppe lügt“, „Vom Verzehr wird abgeraten“, „Die Kalorienlüge“ sowie sein neuestes Buch „Gummizoo macht Kinder froh - krank und dick dann sowieso“. Grimm betreibt den Online-Informationsdienst Dr. Watson Der Food Detektiv mit Sitz in Stuttgart. Der Service informiert rund um die Lebensmittelindustrie.