Waiblingen

Warum wir bei Wespen cool bleiben sollten

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Machen sich Wespen über ihr Gebäck her, sollten Sie zunächst ruhe bewahren. © Ramona Adolf

Waiblingen/Stuttgart. „Nicht nach Wespen schlagen und sie nicht verscheuchen“. Das sagt sich so leicht, wenn ein Brummer gierig über unserem Obstkuchen kreist. „Panik ist fehl am Platz“, schreibt die Akademie für Natur- und Umweltschutz Baden-Württemberg in einer Pressemitteilung. Und weist auf ihr Beraternetz-werk hin, für den Fall, dass es nicht bei einem Insekt bleibt, sondern Gartenbesitzer ein Wespen- oder Hornissennest finden.

Man kann fast die Uhr danach stellen: Kaum steht der Kuchen auf dem Tisch, noch vor der ersten Gabel fliegt eine Wespe mit ihrem penetranten Gebrumme unruhig vor unseren Augen herum oder setzt sich auf den Rand des Saftschorle-Glases. Dies ist jetzt im Frühsommer im Freien fast unvermeidbar. Vermieden werden können aber Konflikte mit den Insekten. Experten raten dazu, nicht herumzufuchteln und sie entgegen unserem Instinkt nicht zu verscheuchen.

Eine Straße, die mit Rostbraten gepflastert ist

„Jetzt zur beginnenden Wespenzeit kann es vermehrt zu Begegnungen mit den Insekten kommen“, sagt Claus-Peter Hutter, Leiter der Umweltakademie. „Sie beginnen, ihre Staaten zu gründen und ihre Brut zu pflegen.“ Wenn sie in der freien Landschaft nicht ausreichend Futter finden, schauen sich die Völker nach einem alternativen Nahrungsangebot um, stoßen somit in unser Siedlungsgebiet vor und fallen über unser Grillgut und unsere Kuchenteller her.

„Für sie ist ein gedeckter Kuchentisch wie für den Schwaben eine Straße, die mit Rostbraten gepflastert wäre“, findet Hutter einen einleuchtenden Vergleich. Weil es zudem lange hell ist und wir uns häufiger in der Natur aufhalten, erhöhe sich die Wahrscheinlichkeit zusätzlich, dass wir mehr Wespen und Hornissen antreffen.

Verhält man sich ruhig, geht von Wespen keine Gefahr aus

Das Wichtigste: „Ruhig bleiben. Bei hektischen Bewegungen oder Vertreibungsversuchen greifen Wespen gerne an und stechen. Verhält man sich ruhig, geht keine Gefahr von ihnen aus“, sagt Karl Gackstatter vom Nabu Winnenden. Er empfiehlt, vorsorglich den Kuchen abzudecken oder einen kleinen Teller mit einem Kuchenstückchen als Lockmittel in fünf bis zehn Meter Entfernung anzubieten, dann lassen sie den Kaffeetisch häufig links liegen.

Wespen brauchen für ihre Larven eiweißreiche Kost

Grillfans aufgepasst: Auch Schinkenbrote oder Grillfleisch in jeglicher Form sind vor Wespen nicht sicher. „Sie brauchen für ihre Larven viel eiweißreiche Kost“, begründet Bruno Lorinser, Nabu-Vorsitzender in Waiblingen den unerwünschten „Flugverkehr“. Im Herbst hingegen wandele sich das Bild: „Sobald sie mit der Eigenversorgung beschäftigt sind, wächst ihre Lust auf Zucker, weil ihnen quasi langweilig ist.“ Langeweile dahingehend, dass die Völker groß seien, die Königin nicht mehr so viele Eier lege und den Arbeitern das Geschäft, Futter fürs Jungvolk herbeizutragen, ausgehe. Auch Lorinser rät: „Respekt vor ihnen haben, aber keine Angst.“

Hornissen nehmen kaum Notiz von Menschen

Lästig können nach Angaben der Umweltakademie nur die deutsche und die gewöhnliche Wespe werden. Alle anderen, auch die besonders geschützte Hornisse, nehmen kaum Notiz von Menschen, wenn sie sich nicht bedroht fühlen. Da die gesetzlich geschützten Wespen wie auch die Hornissen zu den Besonderheiten unserer heimischen Fauna gehören und immer seltener werden, setzt die Umweltakademie auf Aufklärung und stellt seit bald 20 Jahren Berater zur Verfügung, die bei Problemen Rat geben und bei Umsiedlungen helfen. Wespen und Hornissen bauen ihre Nester in Gartenhäusern, alten Baumhöhlen, im Dachstock, an hohlen Stellen im Holz ...

Nester umsiedeln sollten nur Fachkräfte

„Die Berater können Nester fachgerecht umsiedeln, wovon Laien besser die Finger lassen sollten“, empfiehlt Claus-Peter Hutter. Auch könnten Nester mit Fliegengitter aus Draht ummantelt werden, damit die Wespen nur noch ihren Einschlupf finden, aber nicht mehr frei im Gartenhäuschen herumfliegen können. Lorinser gibt bei manchem Nestfund den Ratschlag, es einfach hängen zu lassen, etwa wenn es nicht in unmittelbarer Nähe zum Wohnbereich oder zum Kinderzimmer gefunden wird, sondern zum Beispiel auf dem Dachboden.

Dieses Jahr keine großen Bestände

„Im Herbst sterben die Völker ab, die Königin zieht sich in einen Winterunterschlupf zurück und das Nest ist verlassen.“ Lorinser rechnet für dieses Jahr nicht mit großen Beständen. „Von einer Plage können wir sicher nicht sprechen“, meint er bezogen auf den kalten April. Karl Gackstatters Prognose klingt ähnlich: „Die überwinterten Wespenköniginnen konnten erst sehr spät mit dem Nestbau und damit mit der Volksgründung beginnen.“

Immer weniger Wespen und Hornissen

Wichtig für den Fortbestand sei aber, dass genügend Jungköniginnen fürs Folgejahr aufgezogen werden. Hornissen hat Gackstatter dieses Jahr noch keine gesehen oder gehört. „Hier scheint der Bestand sehr rückläufig zu sein.“ Eine mögliche Gefahr stellt laut Gackstatter die inzwischen in Europa angekommene asiatische Hornisse dar. Hauptproblem für Wespen wie auch für Hornissen – darin sind sich die Experten einig – ist die Verarmung des Insektenbestands. Wahrnehmbar ist dieser Rückgang der natürlichen Futterquellen auch für jeden Autofahrer beim Blick auf die Windschutzscheibe.

„Früher musste man auf der Fahrt in den Sommerurlaub mehrere Male die Scheibe putzen, um was sehen zu können, heute sind die Scheiben hingegen fast insektenfrei“, macht Bruno Lorinser den Schwund anschaulich.

Hornissen jagend andere Insekten

Die Hornisse zählt zur Familie der Faltenwespen. Süßes gehört nicht zum Ernährungsplan der Hornissen, darum fliegen sie nicht so häufig über Kuchen wie andere Wespenarten. Hornissen machen Jagd auf andere Insekten, auch auf die bei uns heimische deutsche und gemeine Wespe.

Für einen gesunden Menschen sind einzelne Hornissen- oder Wespenstiche zwar schmerzhaft, aber ungefährlich. Ein gesunder, 70 Kilogramm schwerer Mensch müsste nach wissenschaftlichen Erkenntnissen mehr als tausendmal gestochen werden, bevor er in Lebensgefahr schwebt. Personen mit Wespengiftallergie sollten sich dagegen vermehrt in Acht nehmen und ärztliche Behandlung beanspruchen. Von der Zusammensetzung des Gifts ist nach Angabe von Bruno Lorinser, Vorsitzender der Nabu-Gruppe Waiblingen, ein Bienenstich für Allergiker gefährlicher als der Stich einer Wespe oder Hornisse.

Hornissen und Wespen sind nicht nur die Falken der Insektenwelt, sondern werden auch als Gesundheitspolizei angesehen. Sie jagen andere, meist kleinere Insekten, weil die Larven tierisches Eiweiß zur Entwicklung benötigen. Unter den Beutetieren sind häufig Fliegen und Mücken, aber auch Insekten, die in der Forst- und Landwirtschaft als Schädlinge angesehen werden, wie Eichenwickler.

Und wenn man ein Hornissennest in einem Baum entdeckt?

Wespen- und Hornissenkenner Karl Gackstatter vom Nabu Winnenden empfiehlt: „Sie sollen sich ruhig verhalten und möglichst nicht näher als zwei Meter an den Baum herangehen. In unmittelbarer Nestumgebung (zwei bis zehn Meter) keinen Lärm machen, keine Unruhe verbreiten. Sie sollen lieber aus sicherer Entfernung die Hornissen beobachten. Die Hornissen tun das Gleiche, indem sie alle in ihren Nestbereich eindringenden Wesen zunächst mit Wächterhornissen beobachten. Erst, wenn sie von einer Gefahr für ihr Nest ausgehen, greifen sie durch Attacken mit Stichen ein.“