Waiblingen

Was Bewährungshelfer antreibt

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Symbolbild Polizei © Joachim Mogck
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Bewährungshelfer
Brigitte Bukschat-Freitag © ALEXANDRA PALMIZI
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Walter Hügle im Waiblinger Büro der Bewährungshilfe.

Waiblingen. Es sind Betrüger, Einbrecher oder Ladendiebinnen. Sie nehmen Drogen, dealen und schlagen auch mal zu. Die meisten von uns haben nie im Leben mit ihnen zu tun. Brigitte Bukschat-Freitag und Walter Hügle schon. Und zwar regelmäßig. Als ehrenamtliche Bewährungshelfer sind sie für sie da, versuchen, sie zu verstehen. Und vor allem, ihnen zu helfen, ein bis dahin verkorkstes Leben in den Griff zu kriegen.

Ihre erste Klientin wird Brigitte Bukschat-Freitag nie vergessen: Eine Frau, die, bis sie 50 war, keine Strukturen im Leben hatte und von Diebstahl lebte. „Wenn Lebensmittel ausgingen oder Kleidung fehlte, ist sie losgezogen“, erzählt Brigitte Bukschat-Freitag. Dann aber wurden in den Geschäften Kameras eingeführt, und die Frau flog immer öfter auf. Sie landete vor Gericht und saß schließlich bei Bukschat-Freitag. „Es war klar, sie musste ihr Leben ändern, mit Hartz IV auskommen. Wir haben lange gearbeitet. Es war ein ständiges Reflektieren ihrer Lebenssituation.“ Arbeit hat die Frau nicht mehr gefunden, sich aber irgendwann mit der Realität arrangiert und ihr Leben in den Griff bekommen. Der größte Erfolg für Bukschat-Freitag: „Sie hat den Mut gefunden, auch mit den Sachbearbeitern auf den Ämtern umzugehen.“

Auch Walter Hügle kennt solche Geschichten. Etwa die einer jungen intelligenten Frau, die aus Liebe zu ihrem Mann eine Unterschrift leistete und zur Betrügerin wurde. Sie musste lernen, sich von ihrem Mann abzugrenzen. Die Frau, die bis dahin kein eigenes Leben hatte: Mit Hügles Hilfe lernte sie ein Haushaltsbuch zu führen, sie schaffte eine Kasse an und entwickelte ein Gefühl für Geld. Irgendwann habe sie sich überlegt, sich von ihrem Mann zu trennen. „Das war ein großer Erfolg“, erzählt Hügle. „Sie war happy.“

Voraussetzung ist der Glaube, dass Menschen sich ändern können

Es braucht Zeit und Geduld, Einfühlungsvermögen und den festen Glauben daran, dass sich Menschen verändern können, um solche Erfolge verbuchen zu können. „Außerdem sollten die ehrenamtlichen Bewährungshelfer fest im Leben stehen, ein eigenes Auskommen haben und vorurteilsfrei sein“, sagt Angela West von der Bewährungs- und Gerichtshilfe Baden-Württemberg, die ein Team ehrenamtlicher Bewährungshelfer leitet. Das alles haben Brigitte Bukschat-Freitag und Walter Hügle mitgebracht, als sie sich um den ehrenamtlichen Job beworben haben.

Ein Zeitungsartikel hatte Bukschat-Freitag vor 13 Jahren auf die Idee gebracht. Hügle war bereits Schöffe am Landgericht gewesen, als er 2014 Bewährungshelfer wurde. Beide wollten mit ihrer Freizeit etwas Sinnvolles tun und vor allem wollten sie Menschen helfen, die diese Hilfe wirklich brauchen. Zwei Klienten betreut Bukschat-Freitag, zwei bis vier Klienten hat Hügle seitdem im Schnitt, im Moment sind es drei. Einer ist Hügle gerade abhandengekommen, weil sich der Mann der Bewährung entzogen hat und jetzt wieder einsitzt. Auch das kommt vor.

Vertrauen ist wichtig - nicht alles landet im Bericht

Was immer gilt: Am Anfang muss Vertrauen aufgebaut werden. Die Leute seien verschlossen, die Situation ist für sie ja nicht freiwillig. Für manche sei es geradezu eine Qual, weiß Hügle. Andererseits sei für sie ein Mensch, dem sie vertrauen können, ein großer Wert. „Ich versuche, die Leute kennenzulernen und mich in sie hineinzuversetzen.“ Bukschat-Freitag lässt die Menschen ihr Leben Revue passieren, wohl wissend, dass sich die Klienten vor allem darum sorgen, was davon später dem Gericht erzählt wird.

Tatsächlich sind die Bewährungshelfer die Schnittstelle zu den Gerichten. Doch nicht alles, was da unter vier Augen erzählt wird, werde in den Berichten festgehalten, sagt Bukschat-Freitag. „Wenn einer aber rückfällig wird oder die Tendenz dahin erkennbar ist, bekenne ich es schon.“ Das zu erkennen, mag manchmal auch überfordern. Walter Hügle erinnert sich an einen Fall, bei dem er ein Jahr lang perfekt angelogen worden sei. Das macht wütend, sagt er.

Hauptamtliche Bewährungshelfer betreuen 70 bis 80 Klienten

Um Lüge und Wahrheit, den Umgang und die Kommunikation mit den Klienten geht es bei den regelmäßigen Teamsitzungen der ehrenamtlichen Bewährungshelfer. Einmal im Monat treffen sie sich, holen sich für ihre Fälle Rückmeldung aus dem Team und immer wieder auch den Rat der hauptamtlichen Teamleiterin. Nur so sei die Arbeit der Ehrenamtlichen möglich, sagt Angela West. Eine Arbeit, die die hauptamtlichen Bewährungshelfer entscheidend entlastet: Laut West haben diese gleichzeitig 70 bis 80 Fälle zu bearbeiten – und sind auf die Hilfe ihrer Kollegen dringend angewiesen.

Aber auch die Ehrenamtlichen profitieren persönlich von ihrer Arbeit. „Für mich ist eine neue Welt dazugekommen“, sagt Walter Hügle. Während der teilweise sehr langen Bewährungszeiten lerne man die Leute gut kennen und baue Beziehungen auf. Als Unternehmer habe er früher immer mit Menschen zu tun gehabt. „Aber jetzt bin ich realistischer geworden. Mir ist nichts Menschliches mehr fremd.“ Das sagt auch Brigitte Bukschat-Freitag. Als Bewährungshelferin habe sie Menschen aus völlig anderen Lebensstrukturen kennengelernt und gelernt, sich darauf einzulassen. „Ich bin toleranter geworden. Heute würde ich nie mehr sagen: Das könnte mir nicht passieren.“

 


Wie wird man ehrenamtlicher Bewährungshelfer? Eine Grundausbildung über sechs Abende

„Die Bewährungshilfe kann hauptamtlich oder ehrenamtlich geleistet werden“, sagte Angela West. Vom Gesetz her seien beide gleichgestellt. „Ehrenamtliche Bewährungshelfer betreuen voll umfänglich ihre Fälle, allerdings mit Unterstützung der Teamleiterin.“ Die Bewährungshelfer haben Schweigepflicht. Nach Angaben Wests sind die Klienten oft sehr erstaunt, wenn sie erfahren, dass jemand diese Arbeit mit ihnen ehrenamtlich macht.

Ehrenamtliche Bewährungshelfer sind gesucht. Fachkenntnisse sind keine Voraussetzung. Bei einem Bewerbergespräch wird die grundsätzliche Eignung der Interessenten geprüft. Anschließend folgt eine sechs Abende dauernde Grundausbildung, bei der es unter anderem um juristische Fragen, finanzielle Probleme und Kommunikation geht. Auch nach der Grundausbildung können Interessenten ihre Bewerbung noch zurückziehen. Danach sollten sie ihr Ehrenamt aber ernsthaft betreiben wollen. „Man übernimmt Verantwortung“, sagen Brigitte Bukschat-Freitag und Walter Hügle unisono.

Die Ehrenamtlichen sollten bereit sein, mindestens zwei Klienten zu betreuen. „Sonst stürzt man sich zu sehr auf den Einzelnen“, sagt Angela West.

Treffen mit den Klienten finden in der Regel einmal im Monat statt, dazu kommen die Berichte, die geschrieben werden müssen. Beim Verfassen der Berichte hilft der Teamleiter. Bei zwei Klienten müssen laut West etwa zwölf bis 15 Stunden im Monat investiert werden. Brigitte Bukschat-Freitag und Walter Hügle sind im Ruhestand, die meisten ehrenamtlichen Bewährungshelfer seien indes noch berufstätig, so West. Bei der Zeiteinteilung seien sie flexibel. Als Aufwandsentschädigung gibt es pro Klient 30 Euro im Monat. Sexualstraftäter und schwere Gewaltverbrecher dürfen von Ehrenamtlichen nicht betreut werden.

Interessenten sollten mindestens 21 Jahre alt sein. Sie dürfen nicht vorbestraft sein, sollten daran glauben, dass sich Menschen weiterentwickeln können, und sich von kleinen Rückschlägen nicht abhalten lassen.

Interessenten für den Standort Waiblingen wenden sich an die Bewährungs- und Gerichtshilfe Baden-Württemberg, Sekretariat Einrichtung Stuttgart, Tel.: 07 11/6 27 69-3 00. E-Mail: stuttgart@bgbw.bwl.de.