Waiblingen

Was ist dran am Winterspeck?

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Ist die Gewichtszunahme im Winter genetisch programmiert – oder liegt’s doch eher am guten Essen? © Pixabay/CC0 Public Domain
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Ernährungsberaterin Stefanie Altpeter-Schweizer
Stefanie Altpeter-Schweizer. © Alexandra Palmizi
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Dr. Schuler Waiblingen Dr. Markus Schuler ist der neue (und alte) Vertreter der Waiblinger Ärzteschaft. Wir stellen ihn vor.
Allgemeinmediziner Markus Schuler. © Benjamin Buettner

Waiblingen. Bären tun es, Igel auch und auch Fledermäuse: Sie alle fressen sich einen dicken Winterspeck an, um gut durch die kalte Jahreszeit zu kommen. Aber wie ist das mit Menschen? Ist es auch bei uns ein Naturgesetz, dass wir im Winter zunehmen, oder liegt es vielleicht doch eher am guten Weihnachtsessen? Ein Allgemeinmediziner und eine Ernährungsberaterin erklären: Winterspeck – Mythos oder Wahrheit?

Alle Jahre wieder ist es dasselbe: Je weiter die Temperaturen fallen, desto höher steigt der Zeiger der Waage. Leicht erklärt wäre dieses Phänomen mit unserer biologischen Herkunft: Viele Säugetiere sorgen für die kalte Jahreszeit vor, indem sie Winterspeck ansetzen – wieso sollte das bei uns nicht genauso sein?

„Das wäre in der Tat eine tolle Ausrede für die zusätzlichen Kilos im Winter“, sagt Stefanie Altpeter-Schweizer. Doch ganz so einfach ist es laut der Ernährungsberaterin nicht: Tiere fressen sich den Speck vor dem Winter an, um davon zu zehren. Menschen hingegen nehmen erst im Winter, insbesondere über die Festtage, zu. Ein weiterer Hinweis dafür, dass der Winterspeck beim Menschen nicht genetisch angelegt ist, findet sich im Fettgewebe.

Was dem Menschen fehlt: Braunes Fettgewebe

„Dem Menschen fehlen neben dem Fell auch nennenswerte Mengen an braunem Fettgewebe“, erläutert der Allgemeinmediziner Markus Schuler. Dieses Fettgewebe dient der Wärmeregulierung: Es kann überschüssige Fettreserven in Wärme umwandeln und findet sich bei allen neugeborenen Säugetieren, außer beim Ferkel – also auch bei Säuglingen. Tiere, die Winterschlaf halten oder Winterspeck ansetzen, besitzen auch noch im Erwachsenenalter größere Mengen an braunem Fettgewebe und können teilweise sogar weiße Fettzellen in braune umwandeln. Ein erwachsener Mensch hingegen besitzt fast ausschließlich weißes Fettgewebe, das vor allem der Speicherung überschüssiger Energie dient und verantwortlich für die Entstehung von Übergewicht ist.

Wieso nehmen wir nun aber gerade im Winter zu? Braten, Rotkohl, Knödel, Weihnachtsplätzchen – das ist geballte Energie. Weil die Tage aber im Winter kürzer und grauer sind und die Witterung unfreundlich, gehen wir weniger freiwillig an die frische Luft, darin stimmen die Ernährungsberaterin und der Arzt überein. Im Garten ist kaum etwas zu tun, zur Arbeit fahren wir lieber mit dem Auto als mit dem Fahrrad und die Abende verbringen wir gerne auf dem Sofa im Warmen.

Wir essen gegen die trübe Stimmung an

Uns fehlt Bewegung. „Die meisten Menschen lassen es im Winter insgesamt gemütlicher angehen und versuchen außerdem, die graue Stimmung mit Süßigkeiten oder deftigem Essen zu kompensieren“, sagt Altpeter-Schweizer. Die Folge: Die Kalorienbilanz stimmt nicht mehr, wir nehmen mehr zu uns, als wir verbrauchen. Das schlägt sich auf der Waage nieder. Einfach erklärt sind die zusätzlichen Winter-Kilos demnach schon – bekämpft allerdings nicht ganz so leicht. Aber ist das überhaupt notwendig?

Zumindest sei es sinnvoll, ihn im Auge zu behalten, sagt die Ernährungsberaterin. Wehret den Anfängen, denn auch wenn es jedes Jahr „nur“ zwei Kilo mehr werden – auf zehn Jahre hochgerechnet ergibt das 20 Kilo. „Und die wieder loszuwerden, ist bitter, bitter, bitter. Eine lange Zeit mit vielen Entbehrungen und Krisen.“ Altpeter-Schweizer spricht aus der Erfahrung ihrer Praxis. Besser sei es daher, den Winterspeck mit einer Entschlackungswoche im Frühjahr wieder loszuwerden – oder aber, ihn sich gar nicht erst zuzulegen.

Hierzu empfiehlt Altpeter-Schweizer, Tage einzulegen, an denen ganz bewusst und gesund gegessen wird. Sie nennt diese Tage Schalttage: „Weil man da einen Gang runterschaltet und ein bisschen zu sich kommen kann.“ Das könne beispielsweise ein Tag sein, an dem nur Gemüsesuppen gegessen werden oder nur Obst verzehrt wird. Am liebsten legt die Ernährungsberaterin diese Tage montags ein. „Nach einem Wochenende mit vielen Einladungen tut das richtig gut“, ist sie überzeugt. Um die Entschlackungswoche geht es im nächsten Teil der Ernährungsserie.

Fette Feiertage

Aus einer finnischen Studie mit knapp 3000 Probanden geht hervor, dass Menschen vor allem über die Feiertage zunehmen.

So war die Gewichtskurve der deutschen Teilnehmer nach den Weihnachtstagen auf dem höchsten Stand, die der Amerikaner schon Ende November, also nach Thanksgiving.

Als Erklärung dient in der Studie auch das Sozialverhalten: In Gesellschaft neigen Menschen dazu, mehr zu essen und mehr Alkohol zu trinken.

Außerhalb der Feiertage nahmen die Studienteilnehmer im Winter kaum mehr Kalorien zu sich als im Sommer – vielleicht wäre die richtige Bezeichnung also Feiertagsspeck.