Waiblingen

Wie Corona die Arbeit der Suchthilfe in Waiblingen verändert

Kilian Frey
Kilian Frey leitet unter anderem die Suchtberatung des Kreisdiakonieverbandes. Was vor Corona üblich war – das Foto zeigt die persönliche Beratung und ist vor der Pandemie entstanden –, kommt inzwischen zwar wieder vor, allerdings nur mit Mindestabstand und Maskenpflicht. © Metzger

Wenn junge Erwachsene ein Suchtproblem haben, beispielsweise mit Alkohol, Drogen oder Spielautomaten, können sie sich an die Suchthilfe Horizont wenden. Das machen sie aus eigenem Antrieb, weil Freunde oder Familie ihnen dazu raten oder weil sie wegen unerlaubten Drogenbesitzes straffällig werden und vom Gericht eine Suchtberatung auferlegt bekommen. Egal auf welchem Weg sie in die Waiblinger Hilfseinrichtung kommen, wenn sie unter 28 Jahre alt sind, landen sie unter anderem bei Kilian Frey und Jan Altenau. Wegen Corona hat sich aber auch hier einiges geändert.

„Jahrelang galt in der Drogenberatung der Face-to-face-Kontakt, und auf einmal waren wir mit einer Situation konfrontiert, in der es anders gehen musste“, bringt Kilian Frey das Dilemma auf den Punkt, das mit der coronabedingten Schließung der Beratungsstelle einherging. Frey leitet die psychosozialen Beratungs- und ambulanten Behandlungsstellen des Kreisdiakonieverbands Rems-Murr-Kreis in Schorndorf und Waiblingen. Dazu zählt auch die Drogenhilfe Horizont, die außer vom Kreisdiakonieverband auch von der Caritas Ludwigsburg-Waiblingen-Enz und vom Rems-Murr-Kreis getragen wird.

Vertrauliche Gespräche erfordern strengen Datenschutz

Frey und seine Mitarbeiter stellten sich die Frage, wie sie ihre Klienten weiter betreuen können. Wie viele Unternehmen wollten sie auf Videotelefonate umstellen. Doch das gestaltete sich nicht so leicht. Die Programme müssen strenge Datenschutzregeln erfüllen, da es sich um vertrauliche Gespräche handelt, die in einem sicheren Raum stattfinden sollen, sagt Frey. Um überhaupt mit Klienten telefonieren zu können, mussten diese eine unterschriebene Datenschutzerklärung an die Beratungsstelle schicken. Dazu kommt die Schweigepflicht. Ein wichtiger Bestandteil von vertraulicher Beratung, aber: „Diese im heimischen Kinderzimmer zu gewährleisten, war natürlich auch eine Herausforderung“, sagt Jan Altenau, Diplom-Sozialpädagoge im Waiblinger Horizont-Team. „Wir haben die Jugendlichen dann gefragt, ob es ungestörte Räume gibt, in die sie sich zurückziehen können, oder ob sie für das Gespräch einmal um den Block laufen können.“ Der Anfang sei etwas schleppend gelaufen, sagt Altenau. „Vor allem mit den Jugendlichen, die wir noch gar nicht kannten. Die hatten den Eindruck: Die Schule ist zu, die Uni ist zu, dann hat die Drogenberatung auch zu.“ Doch das änderte sich schnell. Die jungen Erwachsenen stellten sich auf die Drogenberatung per Telefon ein.

Mit einem Gespräch übers Telefon konnten sich nicht alle anfreunden

„Bei den Klienten, mit denen man vorher schon Kontakt hatte, war es einfacher, den Kontakt zu halten“, berichtet Kilian Frey. Es gebe aber auch Jugendliche, die ihre Suchtberatung am Telefon gestartet haben. Konnten sich Klienten nicht mit einem Gespräch übers Telefon anfreunden, teilten sie den Sozialpädagogen das direkt mit. Manche wollten lieber warten, bis ein persönliches Gespräch wieder möglich sei, sagt Altenau. So reflektiert seien die jungen Erwachsenen eben doch. „Die Jugendlichen haben sehr wohl einen Plan, die wissen sehr oft, was sie tun, und sind in ihrem Tun auch sehr reflektiert“, sagt Altenau. „Nur wir Erwachsenen neigen oft dazu, ihnen das abzusprechen.“ Für ihn sei es gut möglich gewesen, Jugendlichen übers Telefon zu helfen. „Und diese Hilfe haben sie auch eingefordert.“

Als die Landesregierung die Kontaktbeschränkungen lockerte, traf sich Kilian Frey ab und zu mit Klienten zu Spaziergängen – mit eineinhalb Metern Abstand und Mund-Nasen-Schutz. Schließlich sei der persönliche Kontakt zu den Jugendlichen in ihrer Arbeit am wichtigsten.

Inzwischen hat die Beratungsstelle wieder geöffnet

Mittlerweile hat die Beratungsstelle wieder für einzelne Personen geöffnet. Die offenen Sprechstunden finden weiterhin übers Telefon statt. Der digitale Kontakt kann eben doch ein Vorteil sein: „Unsere Auslastung der Gespräche ist wesentlich höher als vor Corona-Zeiten“, sagt Altenau. Schließlich können sich Klienten spontan bei den Sozialpädagogen melden, ohne vorher unbedingt einen Termin ausgemacht zu haben. Die Jugendlichen wüssten: „Den kann ich mal geschwind anrufen, wenn es mir jetzt gerade dreckig geht.“ Jan Altenau telefonierte beispielsweise einmal wöchentlich mit einem Jugendlichen, der in einer Lebenskrise steckt. „Das ist eine gewisse Regelmäßigkeit, die ich in der Beratungsstelle normalerweise nicht habe“, sagt er.

Seitdem die Corona-Einschränkungen gelten, sei der Zulauf an Menschen, die Beratung suchen, dennoch ein bisschen weniger geworden, berichtet Altenau. „Ich mache mir aber keine Sorgen, dass es jetzt völlig einbricht.“

Wenn junge Erwachsene ein Suchtproblem haben, beispielsweise mit Alkohol, Drogen oder Spielautomaten, können sie sich an die Suchthilfe Horizont wenden. Das machen sie aus eigenem Antrieb, weil Freunde oder Familie ihnen dazu raten oder weil sie wegen unerlaubten Drogenbesitzes straffällig werden und vom Gericht eine Suchtberatung auferlegt bekommen. Egal auf welchem Weg sie in die Waiblinger Hilfseinrichtung kommen, wenn sie unter 28 Jahre alt sind, landen sie unter anderem bei Kilian Frey

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