Waiblingen

Wie der Waiblinger Musiker John Noville Rassismus erlebt und ihn in seinen Songs verarbeitet

John Noville
Seit 1987 lebt der Sänger und Songwriter John Noville in Deutschland und fühlt sich in seiner Wahlheimat Waiblingen wohl. © Gabriel Habermann

„Hey, hast du einen Joint?“, „Weißt du, wo man irgendetwas besorgen kann?“ – mit diesen und ähnlichen Fragen wird der Sänger und Songwriter John Noville häufig konfrontiert. Weshalb? „Nicht wegen meiner Hautfarbe“, sagt er. „Wegen meinen Haaren.“ Aufgrund seiner Rastazöpfe werde er häufig mit der Reggae-Ikone Bob Marley verglichen. Und dieser wird nun mal wie kein anderer Sänger so sehr mit Marihuana-Konsum in Verbindung gebracht. Obwohl Bob Marley sein größtes Idol ist, möchte Noville nichts mit dem Kiffen zu tun haben. „Ich rauche nicht einmal“, sagt er. Lieber hält er an den Liedern und Songtexten des Helden fest – wie dem Lied „War“. Wie reagiert er auf solche Drogen-Fragen? „Mit einem Lächeln“, sagt er und: „Sorry, ich kann dir nicht helfen.“

Sowohl auf dem Altstadtfest als auch bei "Summer in the City" zu hören

Wir haben den Musiker, der 1954 in Barbados in der östlichen Karibik auf die Welt gekommen ist, nach seinen Alltagserfahrungen mit Rassismus gefragt. John Noville ist mit seiner Musikrichtung Reggae, Afro-Beat und karibische Rhythmusmusik sowohl jedes Jahr auf dem Waiblinger Altstadtfest als auch bei der Veranstaltungsreihe „Summer in the City“ in Schorndorf zu hören. Darüber hinaus ist der 66-Jährige seit den achtziger Jahren global mit seiner Musik unterwegs.

Männer fangen an zu schreien: "Ausländer raus"

Hat er jemals rassistische Vorfälle erlebt? „Nicht wirklich“, sagt er. Dafür sei er Zeuge geworden, als andere davon betroffen waren. So auch an einem Sommertag in Berlin – nach dem Mauerfall. Auf dem Ku’damm habe ein afrikanischer Mann mit Trommeln Musik gemacht, viele Leute hätten ihm zugehört und im Takt geklatscht. „Dann gab’s eine kleine Gruppe von Männern“, sagt er und vermutet, dass es Skinheads waren. „Die vier trinken Bier und fangen an zu schreien ,Ausländer raus’.“

Was für ein Problem die Schreihälse haben, habe er gefragt. Sie hätten Angst, dass Ausländer ihnen die Arbeit wegnehmen würden, so Noville. Dann habe er einem von ihnen folgenden Vorschlag gemacht: „Willst du einen Job? Geh zu dem Bürgermeister in deiner Stadt und sag’ ihm, dass du die Außenfassade der Kirche restaurieren willst.“ Wie kam der Vorschlag bei seinem Gegenüber an? „Er hat keine Antwort gefunden, wurde aggressiv und hat weiter ,Ausländer raus’ geschrien.“

Kontrollen am Flughafen

Dadurch, dass er geschäftlich auf Tournee ist und in viele Länder fliegt, werde er bei seiner Ankunft in Deutschland häufig am Flughafen aus der Menge der Urlaubsrückkehrer herausgepickt und kontrolliert. Er vermutet, dass der Grund dafür seine vielen Gepäckstücke und sein Aussehen seien. Sein Motto lautet stets, kooperativ zu sein und freundlich zu bleiben – denn er habe nichts zu verbergen.

"Deutschland ist meine Wahlheimat"

Darüber hinaus gerate er wegen seines barbadischen Passes ins Visier der Beamten. So erinnert er sich an einen Vorfall: Ein Polizist habe sich ziemlich lange seinen Pass angeschaut. Noville sagt: „Ich hätte wetten können, dass der Beamte eine vorgefasste Meinung hatte.“ Nachdem er schließlich nichts Auffälliges habe finden können, habe er gesagt: „Ja, Sie sind viel unterwegs. Warum leben Sie in Deutschland und nicht in Barbados – dort ist es viel schöner.“ John Novilles Antwort, der seit Februar 1987 in Deutschland lebt: „Deutschland ist meine Wahlheimat.“ Auf solche Bemerkungen reagiere er lässig. „Ich kann darüber lachen“, sagt er. Aber nicht alle könnten damit so umgehen wie er.

Sein Credo: „Behandele Menschen so, wie du behandelt werden willst.“

Es gebe immer wieder Menschen, die Vorurteile und Vorbehalte gegenüber Fremden haben und mit denen er auch bereit ist, zu sprechen. Wichtig für Noville: Dialog, Aufgeschlossenheit, Toleranz und Respekt. „Wenn jemand ein Problem mit meiner Hautfarbe hat, dann kann ich nichts machen“, sagt er. Aber wenn jemand seine Kultur nicht verstehe und Erklärungsbedarf habe, dann sei er jederzeit bereit zu einem Gespräch.

"Ich weiß, dass Rassismus existiert"

Auch wenn er selber nie direkt rassistschen Bemerkungen ausgesetzt war, ist ihm der Ernst der Lage bewusst. „Ich weiß, dass Rassismus existiert.“ Er müsse nur die Geschichte seiner Ahnen durchwühlen und werde fündig. In Bezug auf die Sklaverei sagt er: „Es war keine intellektuelle Überlegenheit, sondern eine technische. Manche fühlen sich überlegen und gehen mit unnötiger Härte vor.“

Doch fest steht für Noville: „Behandele Menschen so, wie du behandelt werden willst.“ Auch habe das Motto in seiner Familie immer geheißen: „Die Menschen, denen du begegnest, solltest du als Könige behandeln – bis es sich anders herausstellt.“

"Es ist eine Belästigung, und das ist manierlos"

Seine Großmutter, die eine Mentorin für ihn war, habe gesagt: „Dein Gegenüber kann sagen, was er will, lass dich davon nicht in eine Prügelei verleiten. Das sind nur Worte.“ Aber wenn jemand die Grenzen überschreitet und beispielsweise in seine oder in die Haare seines Kindes greife, das nehme er nicht hin. „Es ist eine Belästigung, und das ist manierlos“, sagt er. Allerdings, wenn jemand ihn auf seine Haare anspricht und interessiert fragt, „dann lade ich zum Anfassen ein“.

"Man muss miteinander sprechen"

Das beste Mittel, Rassismus entgegenzuwirken, sei der Dialog. „Man muss miteinander sprechen.“ Das Erste, was jemand sehe, seien die Hautfarbe und der Gesichtsausdruck. „Auch wenn jemand grimmig aussieht, kann er nett sein.“

Und dann gebe es auch die Kehrseite der Medaille. „Es gibt allzu viele Leute, die alle Deutschen als Rassisten abstempeln“, sagt Noville. Doch wichtig ist für ihn, dass jeder seinen Beitrag in dieser Gesellschaft leisten muss. „Ich fand immer, dass die Deutschen nicht ablehnend, sondern sehr zurückhaltend waren. Und wenn man sich integrationsbereit zeigt, dann waren sie voll dabei.“ Dennoch gebe es auch Menschen, die sich zu Gedanken oder Taten verleiten lassen können – ohne nachzudenken. „Gott sei Dank ist es nur eine Minderheit“, sagt er. „Wenn sie an Macht kommen, werden sie ihre Absichten durchboxen – deshalb darf man das nicht zulassen.“

"Wäre ich ein typischer Arbeitnehmer gewesen, wäre es anders abgelaufen"

Was denkt er, weshalb er nicht ständigem Alltagsrassismus ausgesetzt ist? „Vielleicht, weil ich in der Gesellschaft anders aufgenommen worden bin“, vermutet Noville. Dadurch, dass er in der Musikbranche tätig ist, habe er die Leute „in einem fröhlichen Umfeld getroffen“. Allerdings: „Ich bin mir sicher, wäre ich ein typischer Arbeitnehmer gewesen, wäre es anders abgelaufen.“

"Black Lives matter"

Durch das brutale Vorgehen eines Polizisten ist der Afroamerikaner George Floyd im Mai in Minneapolis zu Tode gekommen. Diesen Fall nahm der Künstler zum Anlass und schrieb ein Lied über Rassismus. Sein aktuellster Song trägt den Namen „Black Lives matter“, (dt. Schwarze Leben zählen). „Der Songtext ist fertig, wir sind gerade dabei, das Lied aufzunehmen“, sagt er. Und hofft, dass es in zwei Wochen zu hören ist. Darüber hinaus hat er ein anderes Lied zum Rassismus-Thema: „Dirty World“.

„Hey, hast du einen Joint?“, „Weißt du, wo man irgendetwas besorgen kann?“ – mit diesen und ähnlichen Fragen wird der Sänger und Songwriter John Noville häufig konfrontiert. Weshalb? „Nicht wegen meiner Hautfarbe“, sagt er. „Wegen meinen Haaren.“ Aufgrund seiner Rastazöpfe werde er häufig mit der Reggae-Ikone Bob Marley verglichen. Und dieser wird nun mal wie kein anderer Sänger so sehr mit Marihuana-Konsum in Verbindung gebracht. Obwohl Bob Marley sein größtes Idol ist, möchte Noville

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