Waiblingen

Wie eine Briefmarke Geschichte lehrt

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Klein, aber lehrreich: Geschichtliche Entwicklungen lassen sich durch Briefmarken belegen. © Palmizi/ZVW
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Die Briefmarkensammler von links: Horst Illing, Rolf Ehle, Roland Elstner, Helmut Proß und Kurt Schuster. Fotos: Palmizi

Waiblingen. Was in den meisten Köpfen als verstaubtes Hobby gilt, entpuppt sich bei näherer Betrachtung als eine intensive Auseinandersetzung mit geschichtlichen und gesellschaftlichen Themen: das Sammeln von Briefmarken. Die Mitglieder des Briefmarkensammler-Vereins Waiblingen widmen sich schon seit Jahrzehnten ihrer Leidenschaft – und haben dadurch viel gelernt.

„Früher hab’ ich mein Schächtele mit in die Schule genommen und dort die Marken getauscht“, berichtet Horst Illing. Er ist Schriftführer beim Briefmarkensammler-Verein. Der Vorsitzende Helmut Proß bestätigt: „Briefmarkensammeln gehörte in den 50er Jahren einfach dazu.“ Im Zigarrenkästle hat er seine Marken aufbewahrt. „Deine Marke hat ein schöneres Rot“, habe es damals auf dem Schulhof geheißen. Kriterien für einen Tausch waren die Farbe oder der Wert der Marke. Wenn eine Briefmarke aus einem weit entfernten Land kam, spielte das auch eine Rolle.

Heute zählt das für die Vereinsmitglieder nicht mehr. Beim Sammeln haben sie sich spezialisiert, nicht jede Marke ist für sie interessant. Dabei gilt es zwischen zwei Arten des Sammelns zu unterscheiden: Länder- und Motivsammlungen. Helmut Proß hat sich auf Deutschland spezialisiert. Sein ältestes Sammlerstück: ein Brief aus der Zeit um 1600.

Zwei Pfennig für den Wiederaufbau

„Bei Briefen ist es für uns wichtig, dass sie echt gelaufen sind“, so Helmut Proß. Wenn Postsendungen also keine Reise hinter sich haben, die mit einem Poststempel belegt ist, sind sie für Sammler nichts wert. Auch überfrankierte Briefe sind uninteressant. Das Porto muss stimmen. „Interessant sind Sonderformen, wie zum Beispiel Einschreiben“, sagt er. Diese sind mit rot-weißen Marken mit einem großen roten „R“ versehen. Auf vielen Briefen ist außerdem eine blaue Zwei-Pfennig-Marke zu sehen. Was das ist? Sozusagen ein kleiner „Soli“. Nach dem Zweiten Weltkrieg musste jeder Brief mit einer Steuermarke, einer sogenannten Notopfermarke, versehen werden. Zwei Pfennig pro Brief sollten von 1948 bis 1956 zum Wiederaufbau von Berlin beitragen.

„In den 60er Jahren“, erzählt er, „gab die Post hundert Millionen Marken pro Ausgabe heraus.“ Die Briefmarken, davor als Aktie des kleinen Mannes bekannt, hätten ihren Wert verloren. „Schuld daran war die Ausgabepolitik der Post. Der Preisverfall ist noch immer enorm“, sagt Helmut Proß. Doch in seinem Album hat der 76-Jährige den wohl seltensten und damit wertvollsten Satz in Deutschland: den Posthorn-Satz von 1951/1952. Da die Marken als Dauerserie liefen, schenkten die Sammler dem Satz keine Beachtung. „Spannend waren nur Sonderstempel“, so Helmut Proß. „Zu der Zeit hatten auch nur wenige Leute Geld, um Briefmarken nur zum Sammeln zu kaufen.“ Die Leute kauften Marken, um ihre Briefe zu frankieren. So kam es, dass es nur wenige Marken gibt, die nicht benutzt wurden. Und genau diese postfrischen Marken sind heute viel wert.

Mit 67 Jahren zur Jugendabteilung gehören

Horst Illing hat sich anders spezialisiert als sein Vereinskollege. Seine Sammlung handelt von Musik. „Tänzer, Instrumente, Komponisten – ich sammle alle Marken, die etwas mit Musik zu tun haben“, erklärt er. 35 Alben hat der 82-Jährige bis jetzt gefüllt. Doch von öder Anreihung kann keine Rede sein. Am Computer hat er zu jedem Künstler mindestens eine Seite mit Informationen erstellt. Die Überschrift passt sich in Form und Farbe der Briefmarke an. Der Text handelt vom Leben und Schaffen der Musiker. Ein Gesamtkunstwerk mal anders.

Roland Elstner, Kassierer und mit 67 Jahren die „Jugendabteilung“ des Vereins, sammelt Marken, die Eisenbahnen, Autos und Flugzeuge zeigen. „Weihnachtsmotive und Landschaftsbilder finde ich auch schön“, sagt er. Die Interessen unterscheiden sich deutlich. Doch alle sind sich einig: Sie haben viel gelernt. „Wenn man eine Briefmarke von weiter weg bekommen hatte, holte man den Atlas hervor und schaute nach, wo das Land liegt“, erzählt Helmut Proß. Auch logisches Zusammenstellen und Sortieren lehrten sie die Marken.

"Um zu sammeln, brauche ich keinen Verein"

Um neue Sammelstücke zu finden, sind die Vereinsmitglieder auf Messen in Europa unterwegs. Bereits in Brüssel, Graz und Wien machten sie sich auf die Suche nach fehlenden Marken.

Im Verein selbst wird inzwischen weniger getauscht, mal laden die Mitglieder Händler ein, bei denen sie ihre Marken kaufen. Doch Vorsicht sei geboten, es gebe viele Fälschungen auf dem Markt. „Es gibt zweierlei Fälschungen: zum Schaden der Post und zum Schaden der Sammler“, sagt Helmut Proß. Rund zehn Leute pro Jahr besuchen den Verein, um ihre Alben zu präsentieren und ihre Marken zu verkaufen. „Man braucht Erfahrung und großes Wissen, um alle Marken beurteilen zu können“, sagt er. Dabei hilft den Sammlern der Michel. „Das ist unsere Bibel“, sagt er und blättert dabei durch das Buch. Der Briefmarkenkatalog hilft durch detaillierte Angaben zu einzelnen Marken bei der Bewertung. Doch die Leute, die kommen, bleiben nicht. Es heißt dann: „Um zu sammeln, brauche ich keinen Verein“ und „In meinem Alter möchte ich mich nicht mehr binden“. Helmut Proß und seine Sammlerkollegen finden das schade. So gehe es doch vor allem um den Austausch und das gemeinsame Interesse.


BSV Waiblingen

Der Briefmarkensammler-Verein Waiblingen besteht in seiner jetzigen Form seit 1984. Davor gehörte die Gruppe seit 1952 als Ortsverein zum Württembergischen Philatelistenverein Stuttgart. Philatelie bedeutet übrigens Briefmarkenkunde.

Der Waiblinger Briefmarkensammler-Verein hat derzeit 16 Mitglieder, die sich aktiv mit dem Sammeln von Briefmarken beschäftigen. Mehr als die Hälfte kommt zu den Treffen.

Die Informations- und Tauschabende finden jeweils am ersten Dienstag des Monats von 15 Uhr an im Forum Mitte, Blumenstraße 11, statt. Das nächste Treffen ist am 4. Dezember die Weihnachtsfeier des Vereins.