Waiblingen

Wie geht es weiter mit Bosch Packaging Technology?

Bosch Packaging Technology Waiblingen Verkauf_0
Grauer Himmel über Waiblingen: Wie geht es weiter mit Bosch Packaging Technology? Aber wer genau hinsieht, entdeckt Blautöne im marmorierten Gewölk – ein Verkauf birgt nicht nur Gefahren, sondern auch Chancen. © Büttner/ZVW

Waiblingen. Was wird aus der „Packaging Technology“ in Waiblingen, an wen wird Bosch die Verpackungsmaschinensparte verkaufen? Bei der Belegschaft gären Sorgen – aber es keimen auch Hoffnungen: Vielleicht, sagen manche, können wir unter einem neuen Eigner erst so richtig durchstarten.

„Wahnsinniger Frust“, erzählen Gewerkschafter, habe sich breitgemacht, als der Bosch-Konzern Ende Juni verkündete, er wolle die Verpackungstechnik mit all ihren Standorten verkaufen. Viele aus der Belegschaft fühlten sich erniedrigt, getreten, vom Hof gejagt – „Bosch verstößt seine Kinder.“ Aber der Wind habe sich gedreht seither. Mittlerweile gebe es nicht wenige, die sagen: Moment, wäre es wirklich so schlimm, unter einem neuen Eigner zu arbeiten?

Verkauf als Chance?

Haben wir, so fragen manche Betriebsräte, nicht oft genug geklagt über die Unbeweglichkeit des Mutterschiffs? Haben wir nicht geächzt, wie stark Bosch auf Standardisierung und Vereinheitlichung setzt und wie schwierig es ist, in diesem Korsett zu tüfteln, unorthodoxen Ideen nachzugehen, findige Lösungen zu ersinnen? Wissen wir nicht alle, was die Konzernzentrale auf der Schillerhöhe antwortet, wann immer wir fragen, warum dies oder das unbedingt so und nicht anders gehandhabt werden muss?

„Das ist so üblich.“ Geht uns dieser lähmende Begriff der „Üblichkeit“ nicht schon lange mächtig auf den Senkel? Vielleicht bekommen wir unter einem neuen Eigner endlich die Chance, zu zeigen, was wir können. Vor allem unter den Jüngeren, verlautet aus Gewerkschaftskreisen, gebe es viele, die „Lust drauf“ hätten, „sich der Herausforderung zu stellen“.

Käufer ist nicht gleich Käufer

Voraussetzung allerdings wäre, dass Bosch nicht an jemanden verkauft, der den Laden bloß ausmosten und weiterverscherbeln will, nicht an einen auf kurzfristige Gewinnmaximierung setzenden Investor, der den Betrieb filetiert, hochrentable Produktionslinien behält und schwierigere Geschäftsfelder umstandslos in die Tonne tritt; sondern an jemanden, der bereit ist, gemeinsam mit einer motivierten Belegschaft den Weg in die Zukunft zu gehen.

Paragraf 613 a: Ein starker Schutz für die Belegschaft

Und dabei gibt es einen Haken. In Paragraf 613 a des Bürgerlichen Gesetzbuches heißt es: Geht ein Betrieb „auf einen anderen Inhaber über, so tritt dieser in die Rechte und Pflichten aus den im Zeitpunkt des Übergangs bestehenden Arbeitsverhältnissen ein“ – er muss zum Beispiel Tarifverträge und Betriebsvereinbarungen übernehmen und darf all diese Regeln „nicht vor Ablauf eines Jahres“ zum „Nachteil des Arbeitnehmers“ ändern.

Paragraf 613 a ist ein starker Schutz für die Belegschaft. Aber: Bosch hat die Packaging-Sparte bereits 2017 ausgelagert in eine rechtlich eigenständige GmbH, hält seither nur noch die Anteile – und bei einem bloßen Anteilsverkauf, einem „Share Deal“, greift 613 a nicht. Ein Einfallstor für Heuschrecken; es lässt sich nur schließen, wenn Bosch will: Der Konzern müsste sich dazu bereitfinden, einem künftigen Eigner Bedingungen in den Kaufvertrag hineinzuschreiben.

Und was, wenn's ein Chinese wird?

Verzetteln wir uns nicht in sinnlosen Grundsatzprotesten gegen einen Verkauf an sich, sagen deshalb manche Betriebsräte – versuchen wir, mit Bosch vernünftige Verkaufsregularien auszuhandeln! Sich darauf einzulassen, sei die „Pflicht“ des Konzerns, er müsse sich um einen verantwortungsbewussten Käufer bemühen, dürfe den Laden nicht einfach über die Köpfe der Leute hinweg an den Meistbietenden verkloppen, Bosch sei den Beschäftigten, von denen er sich nun trennen will, noch was „schuldig“: Viele haben oft genug zur Standortsicherung Zusatzstunden geschrubbt und auf Geld verzichtet. Ein Betriebsrat soll ausgerechnet haben: So habe er Bosch in 20 Jahren 50 000 Euro geschenkt.

Und was, wenn’s ein Chinese wird? Das sei nicht unbedingt ein Schreckensszenario, heißt es aus Gewerkschaftskreisen. In anderen Fällen habe man gute Erfahrungen mit chinesischen Käufern gemacht: Sie dächten nicht kurzatmig von Quartal zu Quartal, sondern planten in Zeiträumen von Jahren, eher strategisch auf Marktperspektiven geeicht als rein taktisch auf schnellen Reibach; und gingen dabei durchaus „mit Interesse auf die Arbeitnehmervertretung zu“, empfänden Betriebsräte nicht als Störfaktoren, sondern als kompetente, mit den Gegebenheiten im Betrieb vertraute Mitgestalter und Fachleute.

Lehrstück über marktwirtschlaftliche Logik

Der Verkauf von Bosch Packaging könnte ein Lehrstück über marktwirtschaftliche Logik im 21. Jahrhundert werden, so oder so: ein düsteres Beispiel für Profitgehechel; oder ein Vorbild für verantwortungsbewusst gestaltete Veränderungen. Es gibt hier eine Belegschaft, die sagt: Wir ergehen uns nicht in Gejammer, wir sind bereit, uns auf Neues einzulassen mit all unserem Können, all unserer Kraft. Falls der Bosch-Konzern mitzieht, könnte aus einem Ende mit Schrecken der Zauber des Anfangs erwachsen. Oder um es pathetisch auszudrücken: Kapitalismus mit menschlichem Antlitz.

Bosch-Konzernchef Volkmar Denner hat im Juli 2016 bei einem Vortrag gesagt: Wirtschaftlich begründeter Wandel sei unerlässlich – aber „wir machen seine Auswirkungen möglichst sozialverträglich. Das ist unser Anspruch im Ausgleich unternehmerischer und gesellschaftlicher Interessen.“

Jetzt, finden die Packaging-Leute, könne er zeigen, wie ernst es ihm damit sei.


Bosch Packaging

Bosch Packaging Technology ist spezialisiert auf Verpackungsmaschinen und hat ausweislich der Homepage an 37 Standorten in 18 Ländern (unter anderem in mehreren europäischen Staaten, USA, Brasilien, China, Indien, Japan, Nigeria, Südafrika) etwa 6200 Mitarbeiter; Umsatzvolumen: 1,3 Milliarden Euro. Hauptsitz ist Waiblingen; hier arbeiten rund 900 Leute.