Waiblingen

Wie sich der Alltag durch Corona in der Hausarztpraxis von Dr. Hans Kraus verändert hat

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Der Hausarzt Dr. Hans Kraus sieht die Corona-Politik skeptisch. © Ralph Steinemann Pressefoto

Das Coronavirus hat den Alltag der Allgemeinärzte verändert. Im Sprechzimmer des Neustädter Mediziners Dr. Hans Kraus trennt am Schreibtisch eine Plexiglasscheibe den Doktor von seinen Patienten. Doch bei den meisten Untersuchungen kann der Arzt keinen Abstand halten. Wenn er seinen Patienten in den Hals schaut, ihre Lungen abhört oder ihren Bauch abtastet, muss er eine Atemschutzmaske tragen. Das aber ist nicht die größte Veränderung in der Hausarztpraxis in Zeiten der Pandemie.

Rheuma, Diabetes, Bluthochdruck, Krebs: Die Menschen sind noch genauso krank wie vor Corona - auch wenn fast niemand darüber redet. Damit diese Patienten gefahrlos in die Praxis kommen können, tragen Hans Kraus und seine medizinischen Fachangestellten medizinische Schutzmasken. Die besonders aufwendigen FFP3-Schutzmasken sind nach Angaben des Arztes noch immer Mangelware, auch die FFP2-Masken seien anders als Einmalmasken nicht ganz einfach zu bekommen. Kraus und sein Team tragen FFP2-Masken, die ihn - wären die ersten gesetzlichen Regelungen aufrechterhalten worden - auf Dauer finanziell ruiniert hätten. Ursprünglich, erklärt er, hätten nach jeder Behandlung die Masken gewechselt werden müssen. „Bei einem Arzt und drei Helferinnen hätten wir damit täglich mehrere Hundert Masken für damals 6,50 Euro plus Mehrwertsteuer gebraucht. Das wäre nicht machbar gewesen.“ Inzwischen dürfe man jede Maske bei mehreren Patienten tragen. Damit sie trotzdem sicher sind, müssten beim Ablegen die Spielregeln genau eingehalten werden: „Man darf sie nur am Rand anfassen“, betont Hans Kraus. Etwas skeptisch ist der Mediziner, was die Alltagsmasken aus Stoff betrifft: „Medizinisch bringen diese Masken wohl nichts, und die Leute sind damit unvorsichtiger.“ Die Masken könnten nur dabei helfen, dass keine Tröpfchen mehr versprüht werden.

Zwei Patienten kamen aus Angst vor Ansteckung spät in die Praxis

Beinahe hat Dr. Kraus schon zwei Patienten an Corona verloren. Nicht, weil sie am Lungenvirus erkrankt wären, sondern weil sie viel zu spät in seine Praxis gekommen waren. Der eine mit einem Herzinfarkt, der andere mit einem Gallengangverschluss. Und beide mit der Angst, sich mit Corona zu infizieren. Diese beiden Männer sind nicht die einzigen Kranken, die zwar nicht an, aber unter Corona gelitten hätten. „Viele OPs wurden abgesagt“, sagt Hans Kraus. Bereits sechs Wochen lang würden notwendige Operationen verschoben. Er selbst hat bisher 14 Corona-Patienten behandelt. Bei einem Patienten gab es aufgrund einer Embolie Komplikationen, bei den anderen war der Verlauf eher milde.

Hausbesuche lassen sich nicht vermeiden

Doch die meisten Patienten, die sich von ihrem Doktor behandeln lassen, kommen mit Alltagsbeschwerden – und viele derzeit auch gar nicht. „Wir haben die Arschkarte“, bringt es Hans Kraus auf den Punkt. „Wir haben die Verantwortung, das Risiko, aber nur 50 Prozent des Umsatzes.“ Weil sein Honorar eine Mischkalkulation sei, gehörten dazu auch finanziell einträgliche Untersuchungen. Die aber seien derzeit nicht zu machen, weil die Patienten aus Angst vor einer Ansteckung mit dem Virus zu Hause bleiben. Hausbesuche seien dagegen schlecht bezahlt und sollten im Moment eigentlich auch gar nicht gemacht werden. „Aber“, sagt der Arzt, „es lässt sich kaum vermeiden.“

Als Hausarzt betreut er vier Seniorenheime. Einmal in der Woche macht er in jeder der Einrichtungen Hausbesuche – und trifft auch hier auf Menschen, die unter der Coronakrise leiden. Bei vielen alten Menschen in den Heimen sorgten normalerweise besonders die Ehepartner bei ihren Besuchen dafür, dass die Angehörigen regelmäßig essen und trinken. Jetzt aber steige die Dehydration der Bewohner, weil die Angehörigen nicht kommen dürfen. Das Personal treffe daran keine Schuld. „Diese Kollateralschäden durch Verlust an Lebensqualität kann man statistisch nicht erfassen.“

„Die Politik stiehlt sich aus der Verantwortung“

Seit Beginn der Krise haben sich 0,2 Prozent der Deutschen mit Corona infiziert. Die Dunkelziffer kenne niemand. Die Hälfte aller Infizierten zeige keine Symptome. Angesichts 25 000 Grippetoter vor zwei Jahren findet Kraus ohnehin, das Thema werde falsch angegangen. Kinder brauchten soziale Kontakte und bei Menschen, die ein Jahr lang arbeitslos waren, sinke die Lebenserwartung um eineinhalb Jahre. Die Politik stehle sich aus der Verantwortung, viel zu viel werde den Virologen überlassen. „Die Schweden werden reich krank, wir werden arm krank“, sagt der Arzt. „Wir verschieben es nur in die Zukunft.“

Das Coronavirus hat den Alltag der Allgemeinärzte verändert. Im Sprechzimmer des Neustädter Mediziners Dr. Hans Kraus trennt am Schreibtisch eine Plexiglasscheibe den Doktor von seinen Patienten. Doch bei den meisten Untersuchungen kann der Arzt keinen Abstand halten. Wenn er seinen Patienten in den Hals schaut, ihre Lungen abhört oder ihren Bauch abtastet, muss er eine Atemschutzmaske tragen. Das aber ist nicht die größte Veränderung in der Hausarztpraxis in Zeiten der

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