Waiblingen

Wie wichtig ist der Einzelhandel für die Innenstädte?

1/2
Einzelhandel_0
Ohne Einzelhandel wären die Innenstädte öde. © Schneider / ZVW
2/2
_1
Symbolbild.

Waiblingen/Schorndorf. Der gute, alte Wochenmarkt ist und bleibt der Magnet für jede Innenstadt. Der Markt ist viel mehr als frisches Obst und Gemüse. Am Markttag wird gebummelt und flaniert, man trifft sich und hält ein Schwätzle. Innenstädte mit ihren Märkten und einem vielfältigen Einzelhandel sind ein Wert an sich und dürfen regionalplanerisch geschützt werden, bestätigt eine Studie die Region Stuttgart.

„Bedeutung des Einzelhandels für die Innenstadt“ heißt die Studie, die der Verband Region Stuttgart beim Büro Dr. Acocella Stadt- und Regionalentwicklung in Auftrag gegeben hat. Der Verband will sich gegen das von der Europäischen Union betriebene Vertragsverletzungsverfahren wappnen, bei dem der Schutz des innerstädtischen Einzelhandels vor der Konkurrenz auf der Grünen Wiese* auf dem Spiel steht. „Die Beschränkung der Niederlassungsfreiheit ist gerechtfertigt“, lautet das Fazit der Studie. Es würden nämlich keine bestehenden Betriebe geschützt, sondern die Attraktivität der Innenstädte an sich.

Belebte Innenstadt ist Ziel des Stadtmarketings

Die einfache Gleichung Innenstadt = Einzelhandel geht nicht auf, sagt Gabriele Koch, Wirtschaftsförderin der Stadt Schorndorf. Zu einer attraktiven Innenstadt gehöre Gastronomie ebenso wie zugkräftige Veranstaltungen, eine hohe Aufenthaltsqualität oder zunehmend wieder das Wohnen. „Wir wollen eine belebte Innenstadt“, nennt Koch als Ziel des Stadtmarketings. Der Einzelhandel sei ein gewichtiger Aspekt, aber nicht mehr so dominant wie einst. Dass Lebensmittel-Supermärkte in die Zentren zurückkehren, wertet Koch als ein Zeichen, dass die Innenstädte an Attraktivität gewinnen.


Die schlechte Nachricht zuerst: Online kostet den Einzelhandel vor Ort Kunden und damit Umsätze. Die gute Nachricht hingegen lautet: Noch immer werden 85 Prozent der Umsätze in Läden und Geschäften getätigt. Und bei Büchern und Spielwaren scheint online bereits eine gewisse Sättigung erreicht zu sein. Dass eine Buchhandlung wie Osiander in Schorndorf erfolgreich ist, liegt nicht am Sortiment allein, sagt Gabriele Koch, Wirtschaftsförderin der Stadt Schorndorf. Eines der Erfolgsrezepte lautet, den Online- mit dem stationären Handel zu verbinden. „Die Nischen werden sich halten“, zeigt sich Koch davon überzeugt, dass Amazon & Co. nicht zwangsläufig den Tod des innerstädtischen Handels bedeutet.

Der Wettbewerb ist groß

Auch Kochs Kollege Werner Funk in Waiblingen bemerkt die Konkurrenz des Onlinehandels für die Waiblinger Einzelhändler. „Der Wettbewerb ist groß“, weiß Funk. Er kennt Beispiele, wie Einzelhändler kontern können. Sei es der Buchhändler am Marktplatz, der mit seinem Sortiment ganz bewusst Nischen besetzt, die große Ketten und das Internet nicht abdecken. Sei es mit dem Ansatz, ganz bewusst auf Erlebnis-Einkauf zu setzen. Einkaufen werde von vielen Kunden heute als Freizeitbeschäftigung aufgefasst. Sie wollen unterhalten werden. Ein Beitrag dazu kann das innerstädtische Ambiente leisten mit seinen Café und Plätzen, Läden und Märkten.

Frequenzverlust für die Innenstädte

Innenstädte werden auch künftig von ihrer „Einzelhandelslandschaft“ geprägt, heißt es in der Studie „Bedeutung des Einzelhandels für die Innenstadt“, die im Auftrag des Verbandes Region Stuttgart erstellt wurde. Im vergangenen Jahr lag der Anteil des sogenannten Distanzhandels – also Online- und Versandhandel – bei rund 13 Prozent, wobei sich die Umsatzanteile je nach Sortiment spreizen: von rund zwei Prozent bei Lebensmitteln und Drogerieartikeln bis fast 30 Prozent bei Büchern, Textilien, Spielwaren und Sport. „Zweifelsfrei haben die Innenstädte einen Frequenzverlust zu erleiden, der durch den Onlinehandel induziert ist“, heißt es in der Studie. „Dabei ist allerdings zu bedenken, dass nicht nur der Wareneinkauf im Internet zur Frequenzminderung beiträgt, sondern auch die Wahrnehmung von Dienstleistungsangeboten, wie zum Beispiel das Buchen von Reisen oder die Reservierung von Theater- oder Kinokarten zu Frequenzverlusten führen können.“

Handel selbst trägt eine Mitschuld

Die Studie weist auch dem Handel selbst eine Schuld an den Problemen zu und spricht von den „langfristigen Folgen von Fehlallokationen des Einzelhandels“. Trotz der Wachstumseuphorie und den Möglichkeiten des Onlinehandels bleibt der Einzelhandel aber das Rückgrat der Innenstädte. Dieses gilt es zu schützen und zu stärken, schreibt der Verband Region Stuttgart in der Vorlage für den am Mittwoch tagenden Planungsausschuss der Regionalversammlung. Die konsequente Steuerung des großflächigen Einzelhandels im Regionalplan auf Vorranggebiete in „Zentralen Orten“ diene auch einer verbrauchernahen Versorgung, der Reduzierung des Individualverkehrs und den daraus resultierenden

Für Werner Funk, den Wirtschaftsförderer der Stadt Waiblingen, ist der Wochenmarkt „das wichtigste Instrument des Stadtmarketings“ schlechthin. Die Märkte finden regelmäßig statt und zeigen Markttag für Markttag, dass es in der Innenstadt brummt. Zur Lebensqualität eines Zentrums .gehört über den Einzelhandel hinaus ein „gutes und vielfältiges Angebot“, sagt Funk. Außer Kneipen und Gasthöfen zählt Funk auch Ärzte dazu, schöne Plätze, nettes Ambiente und Grünflächen. „Waiblingen ist attraktiv“, kann sich Funk vor diesem Hintergrund ein Eigenlob nicht verkneifen.

Handel ist beständigem Wandel unterworfen

Handel sei einem beständigen Wandel unterworfen, weswegen es nichts nützt, Vergangenem nachzutrauern. In der Waiblinger Altstadt gebe es inzwischen Straßen wie die Lange und Kurze Straße, die für einen modernen Einzelhandel eben nicht mehr geeignet seien. Andererseits werde der Online-Handel zu einer Herausforderung, auf die die inhabergeführten Geschäfte neue Antworten bräuchten. So wie die „Koffer-Arena.de“ eine gefunden habe, zeigt Funk über den Marktplatz hinweg auf das Schaufenster des Ladens. Deren drei Geschäfte vor Ort verstünden sich eher als Showroom für das viel größere Onlineangebot denn als Laden.

Innenstädte stärken wegen der umweltfreundlichen Mobilität

In der Region Stuttgart – und zwischen den benachbarten Städten und Gemeinden – herrscht ständig Streit, welcher Einzelhandel in welcher Größe außerhalb der Innenstädte erlaubt ist. Der Regionalplan schränkt großflächigen Einzelhandel auf der Grünen Wiese zugunsten eines „Zentrale-Orte-Systems“ ein, um Dienstleistungen, soziale Infrastruktur und Grundversorgung für jedermann zu gewährleisten. Darüber hinaus tragen zentrale Orte zu einer umweltverträglichen Mobilität bei. „Der geringste Verkehr ist zu erwarten, wenn eine solche Konzentration auf einen großen und möglichst zentral in einem Umland gelegenen Ort erfolgt“, heißt es in der Studie von Dr. Acocella. Eine umweltfreundliche Mobilität ist für den Verband Region Stuttgart ein zentrales Argument, die Innenstädte zu stärken.

Streit um Fußgängerzonen und Parkplätze hat sich verflüchtigt

Angefahren werden Innenstädte überwiegend mit dem eigenen Auto. Haushalte ohne Auto, oft sind dies Alleinstehende oder Familien mit geringem Einkommen, sind auf Busse und Bahnen angewiesen. „Eine verkehrsvermeidende Ansiedlung von Einzelhandel erfüllt damit auch sozialpolitische Ziele“, heißt es in der Studie über den gewollten Effekt dieser Zentralisierung. Der einst heftige Streit um Fußgängerzonen und Parkmöglichkeiten hat sich selbst in Waiblingen verflüchtigt, sagt Werner Funk. Fußgängerzonen werden zwar von (fast) keinem mehr infrage gestellt. Aber dennoch, Parken sei nach wie vor „ein hoch emotionales Thema“, weiß Gabriele Koch und wundert sich, dass manche Autofahrer weiß Gott wie lang herumkurven, obwohl sie für einen Euro vier Stunden ins Parkhaus könnten.

„Lebendiges Ortszentrum ist ohne Einzelhandel nur schwer vorstellbar“

Wie wichtig der Einzelhandel für eine Innenstadt ist, zeigten die Befragungen des Büros Dr. Acocella in Innenstädten. Die Hälfte der Befragten war wegen der Läden in der Stadt, ein weiteres Viertel wollte in den Innenstädten bummeln. „Ein lebendiges Ortszentrum mit einem vielfältigen Angebot ist ohne Einzelhandel nur schwer vorstellbar.“ Und der Einzelhandel schafft nicht nur Umsatz, sondern zieht auch weitere Nutzungen nach sich.

Regionalplan bremst Grüne Wiese aus

Innenstadt hat für den Einzelhandel aber auch gravierende Nachteile. Die Mieten sind vergleichsweise hoch, Entwicklungsmöglichkeiten sind eingeschränkt, die Erreichbarkeit manches Mal problematisch und die Parkplätze teuer. Kein Wunder also, dass es Einzelhändler auf die Grüne Wiese und in die dortigen Shopping-Center zieht. Weil aber eine attraktive und leistungsfähige Innenstadt ein übergeordnetes Ziel ist, bremst der Regionalplan die Grüne Wiese aus. „Nicht zuletzt dient die Einschränkung des Handels an dezentralen Standorten der Reduzierung zusätzlicher Flächeninanspruchnahme.“ Ein weiterer Hintergedanke der Region Stuttgart ist dabei, die Flächen als Gewerbegebiete zu nutzen, die immer knapper werden. Zitat Verband Region Stuttgart: „Maßnahmen zum Schutz des Innenstadthandels beziehungsweise zur Einschränkung dezentraler Standorte sind kein Wettbewerbsschutz im Sinne von Konkurrenzschutz, sondern dienen dem Schutz vor ungerechtfertigten Wettbewerbsnachteilen und dienen damit einem fairen Wettbewerb.“

*Die Grüne Wiese bezeichnet im Jargon der Stadtplanung eine Planung und Bebauung auf Flächen, die zuvor nicht zum Siedlungsbereich der Stadt oder der Gemeinde gehörten. Es kann sich bei diesen Flächen sowohl um geplante Wohnsiedlungen, Gewerbegebiete, Sondergebiete oder seltener um Wochenendhausgebiete, öffentliche Grünflächen und Gemeinbedarfs­einrichtungen handeln. (Quelle: Wikipedia)


Pro Einzelhandel

Der Verband Region Stuttgart sieht sich durch die Studie „Bedeutung des Einzelhandels für die Innenstadt“ in seinem Standpunkt bestärkt, großflächigen Einzelhandel auf der Grünen Wiese einschränken zu dürfen. Attraktive Innenstädte und eine bessere Umwelt wiegen schwerer als die mögliche Einschränkung der Niederlassungsfreiheit. „Eine entsprechende Einzelhandelssteuerung sichert eine möglichst verbrauchernahe Versorgung, fördert eine verkehrsarme Siedlungsstruktur und trägt zur Reduzierung des motorisierten Individualverkehrs und der damit verbundenen Umweltbelastung bei. Hinzu kommen von innerstädtischem Einzelhandel generierte externe Effekte, die andere Angebote und Funktionen stützen.“

In Kauf genommen werden dabei auch Nachteile und Erschwernisse des innerstädtischen Einzelhandels gegenüber der Grünen Wiese: „Höhere Mieten, höhere städtebauliche Anforderungen, Denkmalschutz, schlechtere Belieferungsmöglichkeiten, kostenpflichtige Parkplätze, drohende Zugangsbeschränkungen für den Individualverkehr“, heißt es in der Vorlage für den am Mittwoch tagenden Planungsausschuss der Regionalversammlung (15.30 Uhr, Sitzungssaal Verband Region Stuttgart, Kronenstraße 25).