Waiblingen

Wildschweine pflügen Stückle um

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„Wir sind weit davon entfernt, jemandem einen Vorwurf zu machen“: Stücklesbesitzer Alfred Widmann will niemandem dafür die Schuld geben, dass seine Wiese in der Schnaiter Buchhalde bereits zum vierten Mal innerhalb weniger Wochen von Wildschweinen verwüstet wurde. Er wird nun bis Herbstende warten, ehe er den entstandenen Schaden wieder richtet. © Laura Edenberger
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Spuren der Übeltäter auf Alfred Widmanns Stückle. © Laura Edenberger
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© Wolfgang Reiff / Wildkamerabild

Weinstadt. „Wenn ich morgens hoch bin, dann roch es noch nach Schwein“: Alfred Widmanns Wiese ist von Wildschweinen mehrfach verwüstet worden – und der Schnaiter ist kein Einzelfall. Auch in anderen Orten sind Eigentümer betroffen, darunter auch Wengerter. Laut Ehrenkreisjägermeister Günther Heissenberger gibt es diverse Gründe, warum die Lage 2017 besonders heftig ist.

„So wie es jetzt aussieht, bin ich zwei Tage beschäftigt“: Alfred Widmanns rund ein Ar große Wiese bei der Schnaiter Buchhalde gleicht einem Acker. Mittlerweile zum vierten Mal haben Wildschweine sein Grundstück umgepflügt, das er vor rund zwei Jahren erworben hat. Probleme mit Wildschweinen hatte er davor noch nie. Er fragt sich schon, ob es ein Fehler war, das Stückle zu mähen – denn auf niedrigem Gras, das hat er mittlerweile erfahren, fühlen sich die Tiere besonders wohl. Nun will Alfred Widmann erst mal alles so lassen, wie es ist – und den Schaden im Spätherbst beheben. Das haben ihm Leute geraten, die von den Gewohnheiten der Wildschweine Ahnung haben. „Man arbeitet ja nicht umsonst.

Kein gewerblicher Nutzen - keine Entschädigung

Vorwürfe möchte der Schnaiter niemandem machen. Weder der Stadt noch den Jägern. Dass er für den Schaden, der auf seinem Stückle entstanden ist, keinen Cent Entschädigung erhält, weiß Alfred Widmann mittlerweile auch. Geld gibt es in der Regel nur für jene, die ihre Wiese für gewerbliche Zwecke nutzen. Außerdem ist ihm bewusst, dass er nicht der Einzige ist, der von Wildschweinen heimgesucht wird. Wengerter sind genauso betroffen wie Landwirte und andere private Stücklesbesitzer. Doch warum sind die Wildschweine in diesem Jahr solch eine Plage? Unsere Zeitung hat bei einem nachgefragt, der es wissen muss: Günther Heissenberger, Jagdpächter in Schnait und langjähriger Kreisjägermeister. Er stellte schon mal klar, dass es eines nicht gibt: den einen, alles entscheidenden Auslöser.

Frostschäden vom Frühjahr haben Nahrungsangebot reduziert

Laut Heissenberger liegt es an vielen Faktoren, warum die Wildschweine im Remstal 2017 besonders negativ auffallen. Ein Grund sind die Frostschäden vom April, die in der Landwirtschaft zu gravierenden Einbußen geführt haben, allen voran im Weinbau und beim Obst. Aber auch die Wildschweine leiden: Sie finden in diesem Jahr viel weniger Nahrung. Ob Äpfel, Eicheln oder Bucheckern: Es herrscht Mangel. Dass die Tiere nun 2017 im Remstal besonders häufig den Boden aufwühlen, hat laut Heissenberger mit ihrem Hunger zu tun. „Die brauchen natürlich Eiweiß – und Eiweiß ist im Boden drin.“

Drückjagd im Dezember

Ein weiteres Problem sieht Heissenberger darin, dass 2016 im benachbarten Staatswald keine Drückjagd stattfand. Die, sagt der Weinstädter, sei gar nicht mehr so einfach zu stemmen. Wer zwischen Schnait und Manolzweiler eine Drückjagd organisieren will, muss zum Beispiel dafür sorgen, dass die Kreisstraße gesperrt wird – damit keine Verkehrsunfälle passieren. Dieses Jahr im Dezember soll es laut Günther Heissenberger nun wieder eine geben, was er als sehr wichtig ansieht. Für die Jäger ist der Fall klar: Die Jagd sehen sie als Möglichkeit, den Bestand an Wildschweinen in Schach zu halten. Seit einiger Zeit fühlen sie sich allerdings von der Politik ein Stück weit im Stich gelassen.

Schonzeit von zwei Monaten

Im April 2015 traten in Baden-Württemberg neue Jagdzeiten in Kraft, umgesetzt hatte das Ganze die damalige grün-rote Landesregierung. Sie wollte einen stärkeren Schutz der Tiere durchsetzen. So gilt nun laut Heissenberger für Wildschweine eine generelle Schonzeit von zwei Monaten, in der sie nicht gejagt werden dürfen. Früher, sagt Heissenberger, habe es die nicht gegeben, zumindest nicht pauschal für alle Tiere.

Jagdpächter müssen für Schäden aufkommen

Wenn Wengertern oder Landwirten Schäden durch Wildschweine entstehen und diese offiziell melden, sind es übrigens die jeweiligen Jagdpächter, die dann finanziell geradestehen müssen. Ein Umstand, der Günther Heissenberger gewaltig stinkt. Als gerecht empfindet er das nicht. Er fragt sich zudem, ob sich in zehn Jahren in Weinstadt überhaupt noch genügend freiwillige Jäger finden. Wäre das nicht der Fall, käme das die Stadt teuer. „Dann müsste die Stadt Jäger einstellen.“


Auch die Wengerter leiden

„Der größte Schaden sind die Unebenheiten“: Laut Claus Mannschreck, Vorstandsvorsitzender der Remstalkellerei, machen den Wengertern vor allem die aufgewühlten Böden zu schaffen, die Wildschweine derzeit in den Weinbergen hinterlassen. Claus Mannschreck musste deshalb jüngst einen Vollernter mit Stahlseilen aus dem Weinberg ziehen lassen – und das alles nur wegen der zerstörten Grasnarbe und der Löcher, die von den Tieren verursacht wurden.

Um die Reben selbst macht sich Mannschreck weniger Sorgen. „Der Schaden an den Trauben ist gering.“ Hier sind laut Mannschreck weniger die Wildschweine ein Problem als viel mehr die Rehe, die im Frühjahr die Triebe abfressen.

Natürlich können die Wengerter ihren Schaden bei Jagdpächtern geltend machen. Mannschreck verweist jedoch darauf, dass sich der Aufwand dafür nur lohnen würde, wenn der Schaden groß sei. Außerdem weiß er, dass es die Jagdpächter auch nicht leicht haben. „Mein Schwiegervater ist Jäger.“ Je höher die Zahl der gemeldeten Wildschäden, desto weniger springt bei der Jagd heraus.

Im Zusammenhang mit den Wildschäden kritisiert auch Claus Mannschreck die von der vorherigen grün-roten Landesregierung geänderten Jagdzeiten mit der neuen zweimonatigen Schonfrist. „Die Wildsauen sind eh schwierig zu jagen – die sind so schlau.“ Er hat den Eindruck, dass die Änderung mit Blick auf den Tierschutz zwar gut gemeint war, aber in der Praxis mehr schadet.

Unpraktikabel zum Schutz der Wengert sind aus Mannschrecks Sicht Elektrozäune. Selbst bei Maisfeldern, sagt der Vorstandsvorsitzende der Remstalkellerei, sei es schon vorgekommen, dass diese trotz Zaun verwüstet wurden – weil die Wildschweine bereits innerhalb des Feldes ihr Quartier aufgeschlagen hatten.