Waiblingen

„Wir sind keine Miethaie“

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Neubaugebiet an der Schorndorfer Straße in Waiblingen. © Palmizi/ZVW
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Martin Zerrer ist der Nachfolger von Helmut Geiger, der nach 39 Jahren den Vorsitz des Haus- und Grundbesitzervereins abgab.

Waiblingen. Die Reichen im Haus- und Grundbesitzerverein, die Armen im Mieterverein: Das ist ein Klischee, das Martin Zerrer gar nicht leiden kann. „Wir sind keine Miethaie“, sagt der neue Vorsitzende von Haus und Grund Waiblingen. „In unserem Verein sind ganz einfache Leute, die eine Wohnung oder ein Haus haben.“ Ein Gespräch über Wohnungsnot und Mieter. Und warum der Landesverband Druck machen muss auf die Politik.

Ärger mit der Gemeinde oder mit Handwerkern; welche Kosten kann ich von der Steuer absetzen; stimmt der Grundsteuerbescheid; welche Investitionen werden gefördert: Fragen gibt es viele, der Beratungsbedarf von Haus- und Wohnungsbesitzern ist groß. Das zeigen unter anderem die vielen Menschen, die freitags regelmäßig in der Fronackerstraße 22 stehen. Im Anwaltsbüro Schmid und Leibfritz bietet der Haus- und Grundbesitzerverein jede Woche von 15 bis 18 Uhr seinen Mitgliedern eine kostenlose Rechtsberatung an. Infos und Beratung gibt es auch viermal jährlich bei Vorträgen und Seminaren zu Themen wie Renovieren und Fotovoltaik, Erben und Vererben, die neue Datenschutzgrundverordnung, altersgerechtes Wohnen oder Rechte und Pflichten des Wohnungseigentümers.

95 Prozent der Mietverhältnisse laufen ohne Probleme

„Die Leute, die zu uns kommen, wollen keinen Stress“, sagt Martin Zerrer. Auch nicht und schon gar nicht mit ihren Mietern. 95 Prozent der Mietverhältnisse im Land laufen sehr gut, weiß Zerrer, der traurige Rest schafft es allerdings in die Öffentlichkeit. Auch in diesen Fällen bietet der Haus- und Grundbesitzerverein, der die Mieter auch „als Kunden“ sieht, Beratung an. Das Verhältnis mit dem Waiblinger Mieterverein sei im Übrigen ausgezeichnet, sagt Zerrer. Der Mietspiegel werde von beiden Vereinen in Zusammenarbeit mit der Stadt erarbeitet. Bei den jeweiligen Hauptversammlungen sei man präsent.

Mit seinen 5300 Mitgliedern und 40 Euro Jahresbeitrag ist Haus und Grund Waiblingen der viertgrößte Verein im Landesverband Württemberg. „Dabei sind nur 20 Prozent der Hausbesitzer Mitglieder“, weiß Martin Zerrer. Im März hat er den Vereinsvorsitz übernommen, geht es nach ihm, soll sich nun nicht nur die Zahl der Mitglieder erhöhen, sondern sollen vor allem auch jüngere eintreten. Themen gibt es aus seiner Sicht genug, gerade auch für junge Familien, die ein Haus bauen oder eine Eigentumswohnung wollen. Die drängende Wohnungsnot ist auch ein Thema für den Haus- und Grundbesitzerverein. „Wir bauen keine Wohnungen, wirken über den Landesverband aber auf die Politik ein“, so Zerrer. Unter anderem fordert der Verband bessere Anreize für Investitionen. Bauland müsse schneller ausgewiesen werden können, Umwidmungen müssten rascher vonstattengehen. Völlig daneben findet der neue Chef von Haus und Grund Waiblingen die Grunderwerbsteuer: „Das ist eine Strafsteuer. Der Staat sollte froh sein, wenn Menschen Eigentum schaffen, anstatt sie zur Kasse zu bitten.“ Aus gutem Grund habe Deutschland mit rund 50 Prozent verglichen mit anderen europäischen Ländern eine sehr schwache Eigentumsquote.

Dass junge Familien schwer an Bauland kommen, weiß der neue Vorsitzende auch als Kommunalpolitiker. In Korb sitzt er für die CDU/FW im Gemeinderat und ist Mitglied im Gutachterausschuss der Gemeinde. „Bei der Baulandumlegung am Südrand hatten wir für 15 Grundstücke 200 Bewerbungen“, berichtet er. Das Problem: Während die einen bauen wollen, regten sich die anderen auf, dass alles zubetoniert werde. „Das ist ein Spagat“, sagt Zerrer.

Wer eine Wohnung gefunden hat, zieht nicht mehr aus

Eine Folge der Wohnungsnot: Wer ein Haus oder eine bezahlbare Wohnung gefunden hat, zieht nicht mehr so schnell aus. Noch nicht einmal, wenn er sich – wie zahlreiche Senioren – gern verkleinern würde. Denn altersgerechte Wohnungen sind rar und nicht selten auch richtig teuer. Apropos teuer: Vor kurzem bekam die Gemeinde Korb das Angebot, ein Haus für Flüchtlinge mieten zu können. 30 Euro pro Quadratmeter wollte der Hausbesitzer. „Den haben wir weggeschickt“, sagt Zerrer. „Solche Leute, die die Situation anderer ausnutzen, brauchen wir nicht.“

Teure Nebenkosten beim Immobilienkauf

Die immensen Nebenkosten belasten beim Kauf einer Immobilie immer mehr. Für Makler- und Notarkosten sowie die zu zahlende Grunderwerbssteuer müssen die Käufer häufig einen Großteil ihres angesparten Eigenkapitals verwenden, zumal die Nebenkosten bei steigenden Immobilienkosten mitsteigen.

In Baden-Württemberg kommen zu den Kosten eines Hauses derzeit rund zehn Prozent für Grunderwerbssteuer (5 Prozent), Makler- und Notarkosten.

Derzeit prüft die Bundesregierung, ob sich das Bestellerprinzip auch auf Immobilienverkäufe übertragen lässt. Das würde bedeuten, dass derjenige die Maklerkosten zu tragen hat, der den Makler beauftragt hat.


Der neue Chef von Haus und Grund

Im März hat Martin Zerrer den langjährigen Vorsitzenden Helmut Geiger an der Spitze von Haus und Grund Waiblingen abgelöst.

Martin Zerrer ist Weinbautechniker und hat in Korb einen landwirtschaftlichen Betrieb. Seit 25 Jahren sitzt er für die CDU/FW im Korber Gemeinderat, seit zehn Jahren im Kreisrat. Seit 17 Jahren ist er Mitglied des geschäftsführenden Ausschusses im Haus- und Grundbesitzerverein. Eigenen Angaben zufolge hat er dort keine einzige Sitzung versäumt.