Waiblingen

Yuriy Gurzhy in Waiblingen: Tagebuch im Schatten des Ukraine-Kriegs

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Der gebürtige Ukrainer Yuriy Gurzhy im Schwanen. © Ralph Steinemann Pressefoto

Zum ersten Mal in seinem Leben habe er keine Freude mehr an Musik, erzählte der Musiker, DJ, Produzent und Autor Yuriy Gurzhy einem kleinen Zuhörerkreis im Waiblinger Kulturhaus Schwanen. „Bis vor kurzem musste ich meine Heimatstadt noch buchstabieren“, sagt Yuriy Gurzhy. Inzwischen ist die Millionenstadt Charkiw Kriegsschauplatz und mehrmals täglich in den Nachrichten. Die drastischen Bilder in den Medien sowie Schilderungen und Mitteilungen von Menschen vor Ort erreichen Yuriy Gurzhy hier in Deutschland, seit Mitte der 1990er Jahre sein Lebensmittelpunkt. 15 Jahre war er an der Seite von Autor Wladimir Kaminer als DJ in der Reihe „Russendisko“ tätig und spielt in einer Band mit ihm: „Kaminer & Die Antikörpers“.

Eigentlich war der 47-jährige Künstler auf Lesereise, um sein im November erschienenes Buch zu präsentieren. Titel: „Richard Wagner & die Klezmerband, auf der Suche nach dem neuen jüdischen Sound in Deutschland“. Viel Zeit und Energie habe er reingesteckt in die thematisierte Suche nach der jüdischen Musik in Deutschland; eigentlich habe er nicht mehr vorgehabt, zu schreiben dieses Jahr, fährt Yuriy Gurzhy fort. Doch seit fünf Wochen ist alles anders.

Schreiben fühlt sich jetzt "richtig" an

Er schreibt wieder. Hält dokumentarisch fest, wie er von hier aus den Krieg erlebt. Daraus wurde sein „Kriegstagebuch“, das er zwei Tage nach Beginn der Invasion begonnen hat und das der Tagesspiegel alle zwei Tage veröffentlicht. Sein aktuelles Buch sei aus gegebenem Anlass in den Hintergrund gerückt - er liest daraus einige Passagen im Schwanen.

Das „Kriegstagebuch“ steht aber im Mittelpunkt - für ihn sei das Schreiben ein Halt, wie auch das Sprechen darüber fühle sich Schreiben im Moment „richtig“ an, sagt er.

Dokumentarfilm zum Mitlesen

Täglich erreichen ihn erschütternde Nachrichten von Menschen vor Ort, die in U-Bahnstationen fliehen und ihr Zuhause verlassen mussten. Auch das Slowo-Gebäude in Charkiw sei getroffen worden, in dem viele Schriftsteller und Künstler wohnten. „Ich denke an die Menschen, die ich bei Aufnahmen meines Albums dort getroffen habe“, skizziert er seine Bezüge zu dem Kulturzentrum. Nach dem Aufwachen, sofern er überhaupt zum Schlafen komme, gibt es nur eins: „Sofort mit den neuesten Nachrichten konfrontiert zu werden“. Eine gute Nachricht bedeute im besten Fall „nur etwas weniger von den schlechten Nachrichten“ - auch das hat er im Kriegstagebuch verewigt, das wie ein Dokumentarfilm zum Mitlesen geschrieben ist.

Eine Bombe schlägt in der Straße der Familie ein

Am 3. März notiert er: „Kiew wurde bombardiert. Scheiße! Viele liebe Freunde von mir sind in der Stadt. Ich hoffe, alle haben diese Nacht überlebt.“ Aus seiner Geburtsstadt Charkiw sei nichts Gutes zu hören. „Kurz nach 22 Uhr las ich, dass in der Straße des 23. Augusts, wo meine Familie im Haus 43 jahrzehntelang gelebt hat, das Haus 2 von einer russischen Bombe zerstört wurde.“ Mit jedem neuen Bombeneinschlag gehen Hoffnungen zugrunde, unter jedem einstürzenden Gebäude brechen menschliche Schicksale entzwei. Dem Schwanen-Publikum erzählt er von Musikerkollegen und Kulturschaffenden aus der Ukraine. „Manche von ihnen kenne ich seit meiner Kindheit.“ Er sehe in Social-Media-Gesichter von Bekannten, die Waffen in Händen halten. Während viele in Deutschland sich Gedanken um „Tolstojewski“ (eine Wortschöpfung aus den Autoren Tolstoj und Dostojewski) machten, kämpften lebende Autoren für die Ukraine, so Gurzhy.

Verwunderung über die russischen Künstler

Am 27. März hält er fest: „Ich kann gerade keine Musik mehr hören und es fällt mir schwer, über Musik zu sprechen. Das passiert mir zum ersten Mal im Leben.“

Angesichts der Schrecken wirkt er bei der Lesung erstaunlich gefasst. Vielleicht sei er inzwischen „etwas in Übung“, nach sechs Veranstaltungen innerhalb einer Woche. In Waiblingen bestreite er den ersten Auftritt ohne Mikro. Als Autor eben, nicht als Musiker, wo er „grundsätzlich verstärkt“ auf die Bühne gekommen sei. Gerade die persönliche, intime und ruhige Stimmung im Schwanen habe er als angenehm empfunden, sie gab zudem Raum für Fragen. Etwa die nach seiner Wahrnehmung von Präsident Selenskyj. „Ich stelle eine Veränderung fest, er ist eine andere Person geworden“, sagt Gurzhy. Er und Freunde, die ihn nie gewählt hätten, seien „schwer beeindruckt“. Erschreckend für ihn sei die breite Unterstützung für Putin.

Zahlreiche russische Musiker, darunter neuere Stars der Pop- und Rockmusik, erstaunten ihn. Er vermisse konkrete Reaktionen. Statt Stellung zu beziehen, werde vermieden, von Krieg zu reden. „Es wirkt, als falle es ihnen schwer, Krieg und Ukraine in einem Satz zu sagen.“ Die Hoffnung, über die Kultur etwas zu retten, nachdem alles andere abgebrochen ist, habe einen Dämpfer bekommen.

Zum ersten Mal in seinem Leben habe er keine Freude mehr an Musik, erzählte der Musiker, DJ, Produzent und Autor Yuriy Gurzhy einem kleinen Zuhörerkreis im Waiblinger Kulturhaus Schwanen. „Bis vor kurzem musste ich meine Heimatstadt noch buchstabieren“, sagt Yuriy Gurzhy. Inzwischen ist die Millionenstadt Charkiw Kriegsschauplatz und mehrmals täglich in den Nachrichten. Die drastischen Bilder in den Medien sowie Schilderungen und Mitteilungen von Menschen vor Ort erreichen Yuriy Gurzhy hier

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