Waiblingen

Zeit verloren, Liebe gefunden

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Windräder für verstorbene Kinder Foto: Büttner © Benjamin Büttner / ZVW
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Silke Goll (links) und Andrea Ertz sind an diesem Samstag mit dem Fundbüro für Immaterielles auf dem Wochenmarkt.

Waiblingen. Verlorene Schlüssel, Handys und Brieftaschen werden auf dem Fundbüro abgegeben und gesucht. Doch wohin wendet sich einer, der die Liebe gefunden oder einen Spaß entdeckt hat? Wo meldet man andererseits den Verlust einer Freundschaft, wo die verlorene Angst, wohin mit der vielen verlorenen Zeit? Ein Fundbüro für Immaterielles, für Nicht-Dinge, rufen Silke Goll und Andrea Ertz ins Leben. Geöffnet ist es zum ersten Mal an diesem Samstag auf dem Wochenmarkt.

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Regale und Schränke braucht dieses Fundbüro nicht, um die Fundsachen und Verlustmeldungen entgegenzunehmen. Silke Goll und Andrea Ertz genügt ein Stehtisch auf dem Wochenmarkt, außerdem ein roter Teppich, ein alter Schreibtisch und eine Schreibmaschine. Formulare gibt es aber auch im Fundbüro für Immaterielles, denn die Verluste und die Funde sollen ganz genau festgehalten werden. Was genau wurde verloren, wo, wann und unter welchen Umständen? Und welche Auswirkungen sind zu vermelden? Klar ist: Nicht jeder Fund ist ein Geschenk, und nicht jeder Verlust tut weh. Folgen und Nachwirkungen haben aber nicht nur die schweren Verluste, für die es ohnehin keine Adresse gibt. Viel Stoff zum Austausch gibt es auf jeden Fall.

Mit den Menschen ins Gespräch kommen

Mit den Menschen ins Gespräch zu kommen, die Leute in der Stadt kennenzulernen, Kontakte anzustoßen: Das ist für die beiden Initiatorinnen Sinn und Zweck des ungewöhnlichen Fundbüros, das sie nach einer Idee einer Gruppe Kulturschaffender aus Zürich nun auch in Waiblingen ins Leben rufen wollen. „Es ist unsere Stadt“, findet Andrea Ertz. „Deshalb ist es auch unsere Aufgabe, uns darum zu kümmern, wie sie ausschaut, und darum, miteinander ins Gespräch zu kommen.“ Kennenlernen sollen sich die Menschen laut Ertz am Stand, aber auch vor den Schaufenstern, in denen die Verlust- und Fundmeldungen ausgestellt werden sollen.

Anders als im „richtigen“ Fundbüro im Rathaus werden die Formulare anonym ausgefüllt und im Briefkasten in der Kurzen Straße 20, Eingang Neue Gasse, eingeworfen. Dort logiert der Verein „Spagat“, den Briefkasten hat er nebst einem Teil seines Schaufensters dem ungewöhnlichen Fundbüro zur Verfügung gestellt. „Die Zettel werden wir abtippen, damit man die Handschrift nicht erkennt und sie wirklich anonym bleiben“, sagt Andrea Ertz. Auch im Schaufenster der Buchhandlung Taube sollen die besonderen Verlust- und Fundmeldungen gezeigt werden. Zudem gibt es in der Taube eine Art Außenstelle des Fundbüros: Formulare können dort geholt oder gleich ausgefüllt und abgegeben werden. Wer sie lieber runterladen will, findet sie hier

Seit rund drei Jahren hinterlassen die Physiotherapeutin Silke Goll und die Sozialpädagogin Andrea Ertz mit dem „Waiblinger Ideentausch“ immer wieder ihre Spuren in der Stadt. In diesem Frühjahr schufen sie etwa in der Talaue den Frühlingsbaum. Sie verzierten ihn mit Blumen, garnierten ihn mit witzigen oder nachdenklichen Sprüchen zum Frühling und forderten auf einem Schild die Passanten zum Mitmachen auf. Mit Windrädern und den Namen verstorbener Kinder erinnerten sie an Flüchtlingskinder, die auf der Flucht umgekommen sind. Bei einer Zettelaktion fragten sie die Waiblinger, was sie sich in ihrer Stadt wünschen.

Mit wachen Augen gehen die beiden durch die Stadt, die sie nach eigenen Angaben mittlerweile ganz anders wahrnehmen. Ungebrochen ist ihre Lust, Neues zu entdecken und anzustoßen. Das Finden und Verlieren kennen sie aus eigener Erfahrung. Silke Goll hat zum Beispiel vor kurzem das Jodeln gefunden, Andrea Ertz vermisst dagegen schon länger ihren Purzelbaum. „Er war kugelrund, die Welt stand kurz auf dem Kopf und danach war alles wieder auf seinem Platz“, beschreibt sie ihn: „Ein herrliches Gefühl.“ Verloren habe sie ihn mit etwa 35 Jahren durch ein blödes Nackenproblem. Dafür hat sie in diesem Sommer ein „Neues Blau“ gefunden. Ein zartes Wegwartenblau, das die staubigen Straßen umrandet, „ein wunderbar zurückhaltendes und altmodisches Blau, das es noch nicht einmal als Himmelsfarbe gibt“.