Waiblingen

Zeitreise durch Waiblingen: Blick vom Postplatz zur Altstadt

einkaufen und bummeln in waiblingen Innenstadt
Waiblingen im Spiegel der Zeiten: Der Eingang zur Altstadt von der Postplatz-Treppe aus. © Zuern

Waiblingen. Auf unsere Leser ist einfach Verlass. Viele machten mit bei unserer „Zeitreise Waiblingen“ und steuerten ihre Erinnerungen an alte Zeiten bei. Hier also des Rätsels Lösung, die lautet: Der Fotograf blickte aus Richtung Postplatz die Lange Straße hinauf. Der direkte Vergleich zeigt: Die Ansicht ist heute kaum wiederzuerkennen.

Der Vergleich: Der Postplatz damals und heute.

Das Fiese an der ersten Folge unserer Zeitreise: Die Häuserreihen links und rechts existieren nicht mehr. Die links fielen dem Bau der Querspange 1969 und die rechts dem Postplatz-Forum zum Opfer. Wer sie nicht mit eigenen Augen gesehen hat, kann aber anhand der heutigen Parfümerie Douglas (Älteren bekannt als Drogerie Greis), des Gebäudes mit Brillen-Fielmann (früher Bekleidungshaus Kurz) und Foto-Saur im Hintergrund recht gut erkennen, wo sich der Fotograf befand, als er Anfang der dreißiger oder sogar noch in den zwanziger Jahren das so nostalgisch anmutende Bild schoss, das wir vergangenen Samstag in der Zeitung veröffentlichten. Haargenau lässt sich sein Standort nicht rekonstruieren, da es an Vergleichspunkten fehlt, anscheinend muss er aber ungefähr vor der jetzigen Bäckerei Mildenberger gestanden haben.

Die Enkelin des Bäckers

Das prächtige Wirtshausschild gehörte zum Gasthaus Waldhorn und der Bäckerei Eugen Müller. So meldete sich neben vielen anderen Renate Rott, eine Enkelin des auf dem Schild erwähnten Bäckers. „Er war mein Großvater mütterlicherseits. Sein Vater Bernhard Müller hatte Wirtschaft und Bäckerei Anfang der 1870er erworben. Während des Zweiten Weltkriegs geschlossen, wurde die Bäckerei nach dem Krieg von Hedwig Kästle, einer der Töchter Eugen Müllers, wieder eröffnet. Die Wirtschaft blieb geschlossen.“

Die flinke und fleißige Frau Kästle

Einige Teilnehmer unseres Rätsels kennen die Bäckerei unter dem Namen Göldenbodt, wie sie später hieß, recht gut. „Die fleißige und flinke Frau Kästle (später Frau Göltenbodt) bleibt mir unvergessen“, berichtet Zeitungsleser Armin Bauer, „sie schmiss ihren Laden meistens ganz alleine und putzte ihn nach Ladenschluss auch immer noch selbst sauber“. Appetitliche Erinnerungen hat Dieter Krause, Jahrgang 1951: „Mein Großvater hat mir morgens, bevor er ins Geschäft mit dem Omnibus gefahren ist, vom Göltenbodt entweder einen Waffel-Elefanten, ein mürbes Hörnle oder eine Brezel gebracht, da ich als Kind sehr schmächtig und ein schlechter Esser war.“

Hochwasser 1956: Ein VW-Käfer treibt in den Fluten

Zwischen Bäckerei und Modehaus Kässer, wohl ziemlich genau dort, wo der Fotograf stand, führte ein kleiner Weg hinauf zur Gewerbebank beziehungsweise Volksbank. Der führte unmittelbar an der Backstube von Herrn Göldenbodt vorbei, wie sich Roland Merz, Jahrgang 1953, erinnert: „Er gab uns Schulkindern hin und wieder eine noch ganz warme Brezel aus dem Fenster heraus mit! Kostenlos!“ Auf dem weiteren Weg zur Karolingerschule passierten die Kinder noch einen Krämerladen, wo man für ein paar Pfennige „Saure Gurken“ kaufen konnte. Anfang der Sechziger sorgte das Ansinnen des Bäckers, den Brezelpreis beim Schulhofverkauf von zwölf auf 15 Pfennig zu erhöhen, für Protest bei den Schülern, der sogar in eine richtige Demo mit Transparenten mündete, wie Dietmar Strohbusch erzählt. Offenbar warfen da schon die Zeiten der 68er ihre Schatten voraus.

Samstags traf man sich, um die Reste vom Metzger zu vertilgen, die keiner gekauft hatte

Zurück auf die Lange Straße. Neben der Bäckerei befand sich die Metzgerei Buhl, später Honauer. „Zwischen Bäckerei und Metzgerei war noch ein Briefkasten, der heute wieder auf dem neuen Alten Postplatz steht“, schreibt Ingeborg Kuppinger. Das gute Stück befindet sich heute vor dem Base-Handyladen. Lutz Mareck hat auf den schrägen Mauersteinen vor der Metzgerei gewartet, bis seine Mutter vom Einkauf herauskam. Ein Erlebnis wird er nie vergessen: „Meine Mutter kam aus der Metzgerei, als ihr eine etwa fünf Zentimeter große Heuschrecke an den Kleiderausschnitt sprang.“ Der Großvater von Eugen Bauer, dem Vater der Elektro-Bauer-Zwillinge, war mit Metzger Buhl befreundet. Samstags traf man sich zum Vesper, um die Reste zu vertilgen, die keiner gekauft hatte – oder die man gar nicht erst in den Verkauf bringen konnte. Hinter der Metzgerei dann Getränke Gabler, ehemals auch mit einem Gasthaus namens „Zum Pflug“. „Es gab 37 Wirtschaften zwischen Beinsteiner Tor und Postplatz“, sagt Roland Schock.

Kindermode war nicht angesagt

Auf der rechten Straßenseite ist der legendäre „Stern“ nicht zu sehen, aber das „Lamm“ im Gebäude des späteren Sport-Winters. Rechts neben dem Eingang der kleine Laden von Albert Käser, der 1935 auf die andere Straßenseite zog, um sich zu vergrößern. Im einstigen „Lamm“ bot stattdessen die Firma Erwin Winter ihre Waren an. Darauf weist der Schorndorfer Alt-OB Winfried Kübler, in Waiblingen geboren und aufgewachsen, hin: In der Broschüre zu den Waiblinger Heimattagen im Jahr 1934 pries „Erwin Winter im Lamm“ an: Pelze, elegant und kleidsam, tadellos verarbeitet und in jeder Preislage. Neben vielem anderen gab’s auch Sportartikel. „Mir kam die Szene gleich vertraut vor“, sagt der 1945 eingeschulte Winfried Kübler. „Eingekleidet waren wir Buben damals genau so wie die drei auf dem Foto. Kindermode war, so kurz nach dem Krieg, nicht angesagt. Die Hosen waren so geschnitten, dass sie auch im nächsten Jahr noch passten, die groben Wollstrümpfe juckten. In der Schule residierte Rektor Elsässer mit strenger Hand, meist mit einem Vierkant-Zollstock bewaffnet.“ Zur täglichen Schulspeisung durchs Rote Kreuz ging’s ins evangelische Gemeindehaus in der Nähe, erinnert sich Horst Stanzl. „Wir waren damals 102 Buben in einer Klasse aus der Karolingerschule.“ Wie Armin Bauer weiß er noch, dass der Kanal in der Langen Straße bei starkem Regen das Wasser von den Straßen drumherum nicht aufnehmen konnte. Da hob es die Kanaldeckel hoch. Beim Hochwasser 1956 trieben dort drei Autos in den Fluten.

Zeitreise-Fotos

Bei der „Zeitreise Waiblingen“ wollen wir in alte Zeiten entführen, Erinnerungen wecken und Staunen über die Verwandlungen der Stadt.

Die Fotos stammen aus den privaten, dem Heimatverein Waiblingen zur Verfügung gestellten Archiven Rummel und Schwarzmaier. Herr und Frau Schwarzmaier führten das evangelische Vereinshaus in der Fronackerstraße. Sie waren bekannt für ihre gute und preiswerte Küche.

Knapp nicht auf dem Zeitreise-Foto zu sehen ist das Haus Lange Straße 67 zwischen „Stern“ und „Lamm“. Dieses erwarb Anton Schmidt, der nach dem Krieg Landrat wurde. Er war vor 1933 SPD-Vorsitzender und Stadtrat.