Waiblingen

Zwei Tote: Mildes Urteil für 19-Jährige

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Amtsgericht Waiblingen vor der Verhandlung: Richter Martin Luippold (Zweiter von rechts) mit den Schöffen und der Protokollantin (ganz links). © Büttner / ZVW

Waiblingen. 1000 Euro Strafe, außerdem noch weitere sechs Monate Führerscheinentzug: Vor dem Amtsgericht Waiblingen wurde der Unfall verhandelt, bei dem am 27. September 2016 bei Seiboldsweiler zwei junge Männer starben. Richter, Staatsanwältin und Verteidigerin zeigten sich beeindruckt von der 19 Jahre alten Angeklagten, ihren Freunden und den Familien der Opfer.

„Wir haben gar nicht so richtig verstanden, was da passiert ist“, sagte die 19-jährige Freundin, die in dieser unglücklichen Nacht im September 2016 auch in dem kleinen Polo gesessen war, der bei Seiboldsweiler in einen Maisacker schleuderte. Zwei junge Männer starben an ihren Verletzungen, eine zweite Freundin wurde so schwer verletzt, dass sie heute noch mit den Folgen kämpft, die fünf anderen Insassen sind inzwischen wieder wohlauf.

Zwei klettern in den Kofferraum, zwei sitzen auf dem Beifahrersitz

Was war geschehen? Ganz eindeutig konnte das Richter Martin Luippold vom Amtsgericht Waiblingen trotz aller Berechnungen des Dekra-Sachverständigen nicht mehr klären. Sicher ist: Eine Gruppe von zehn Freunden kam vom Volksfest, stieg in Geradstetten aus der S-Bahn aus und in zwei Autos ein. Ein Auto blieb stehen – der Fahrer hatte Alkohol getrunken. Die damals 18 Jahre alte Angeklagte war nüchtern. Bei Welzheim hielten die Freunde wieder. Auf einem Parkplatz, es war 1 Uhr und ein paar Minuten am Morgen, stiegen noch drei aus dem anderen Auto in ihr Auto. Zwei kletterten in den Kofferraum, drei saßen auf der Rückbank, zwei saßen gemeinsam auf dem Beifahrersitz. Nur drei, die angeklagte Fahrerin und zwei auf der Rückbank, waren angeschnallt.

19-Jährige: "Es war eine dumme Idee"

Warum sie das taten? Irgendwer war auf die Idee gekommen, dass man noch bei einem der Kumpels ein Bier trinken könnte. Die Fahrerin des zweiten Autos aber und der zehnte Freund aus der Runde wollten nicht mehr mit von der Partie sein, fuhren in eine andere Richtung. Da musste man sich halt in den Polo quetschen. „Es war eine dumme Idee“, sagt die 19-jährige Freundin.

Keiner weiß mehr so genau, was passiert ist

Die Stimmung, sagten alle, die mit im Unfallauto saßen und jetzt als Zeugen aussagten, war gut. Und dann? Dann weiß keiner mehr so genau, was passiert ist. Ein Freund erinnert sich noch, dass er gehört hat, wie sich ein Auto in Erde gräbt. Wie sich Blech verbiegt. Zwei erinnern sich, dass, als das Auto schon auf dem Dach im Acker lag, als sie rausgekrabbelt waren und die Polizei gerufen hatten, als zwei Mädchen weinten und eines vor Schmerzen schrie, noch immer die Musik lief. Wie schnell die Angeklagte gefahren war? Warum sie kurz nach dem Ortsschild von Seiboldsweiler ins Schleudern kam? Eine Erklärung hat niemand.

Hohe Geschwindigkeit und viel zu wenig Fahrerfahrung

Die Angeklagte muss mit etwa hundert Kilometern pro Stunde durch Seiboldsweiler gerauscht sein, sagt der Dekra-Sachverständige. Die Straße durch Seiboldsweiler hat zwei langgezogene Kurven. Danach muss sie wieder beschleunigt haben. Auf zwischen 105 und 125 Kilometer pro Stunde. Das muss zu viel gewesen sein. Doch warum passierte dieses Unglück? Die Strecke nach dem Ortsschild ist absolut gerade. Am Auto konnte der Sachverständige nichts feststellen, was den Unfall hätte auslösen können. Es muss die zu hohe Geschwindigkeit zusammen mit viel zu wenig Fahrerfahrung gewesen sein.

Freunde sind durch den Unfall noch mehr zusammengewachsen 

Die Angeklagte weinte. „Sind Sie ihr böse?“ fragte Richter Luippold die Zeugen. „Nein.“ Das sagten sie alle.

Die Freunde hatten nach dem Unfall einen Gottesdienst organisiert. Sie hatten eine Gedenkfeier veranstaltet, Kreuze am Unfallort aufgestellt, sich besucht, zusammen eine Gruppentherapie gemacht, geredet, Fotos angeschaut. Sie gingen zu den Eltern der Toten, besuchten die schwerstverletzte Freundin in der Reha. „Das wird alles wieder“, sagte diese dem Richter, als er sie auf ihr immer noch mit Metallschienen fixiertes Bein ansprach. Die Freunde sind, das sagen sie alle, durch den Unfall noch viel mehr zusammengewachsen.

Ein Urteil, damit sie wieder „nach vorne gucken kann“

„Sie haben sich“, sagt Richter Luippold bei der Urteilsverkündung, „vorbildlich verhalten nach der Tat.“ Die Ereignisse, die zu dem Unfall führten, seien „jugendtypisch“. „Weil man nicht viel nachdenkt“, sagte er. „Weil man denkt: Wird schon nix passieren.“ Und auch die anderen trügen einen Teil der Schuld. Sie stiegen ein ins viel zu kleine Auto. Sie schnallten sich nicht an. Doch die Angeklagte ließ zu, dass sie einstiegen, ließ zu, dass sie ungesichert mitfuhren. Und sie fuhr viel zu schnell. Tausend Euro Strafe muss die Angeklagte an den Kinderhospizverein Sternentraum zahlen. Ihren Führerschein darf sie erst in frühestens sechs Monaten wieder bekommen. Er fälle ein solches Urteil, sagte Richter Luippold, damit die Angeklagte „wieder nach vorne gucken“ könne.

Es hätte, sagte die 19-jährige Freundin im Zeugenstand, „in dieser Nacht uns allen passieren können“.


Jugendstrafrecht

Die heute 19 Jahre alte Angeklagte wurde nach dem Jugendstrafrecht verurteilt. Denn ihr Verhalten sei „jugendtypisch“.

Bei der Angeklagten – Realschulabschluss und inzwischen im dritten Ausbildungsjahr, nie polizeilich aufgefallen und ohne jeden Eintrag im Verkehrsregister in Flensburg – bestehe kein Erziehungsbedarf. Deshalb sei keine Gefängnisstrafe notwendig.

Außerdem sei die Sozialprognose sehr gut, die Angeklagte ist fest eingebunden in die Familie und den Freundeskreis.

Es sei davon auszugehen, dass ihr das nie wieder passiere.