Waiblingen

Zwei Waiblinger Unternehmer haben eigenen Gin kreiert

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Philip Zeisler (links) und Murat Bakir sind selbst Gin-Fans. © Maximilian Zeisler

Waiblingen. Gin gilt unter Barkeepern und Szenekennern als das Trendgetränk der letzten Jahre. Bei „Gin Tastings“ werden die besten Marken verkostet, auf Instagram werden Gläser stilvoll ins rechte Licht gerückt. Zwei Waiblinger Unternehmer machen ernst mit ihrer Leidenschaft für edlen Wacholder und haben ihre eigene Gin-Marke „Uerve“ kreiert.

Weinkenner imponieren mit ihrer Kenntnis von Rebsorten und Anbaugebieten, Whisky-Experten philosophieren über Torf und Eichenfässer – und auch manche Gin-Fans haben längst Spezialwissen in enzyklopädischen Ausmaßen angesammelt. Gepflegter Fachsimpelei sind dabei keine Grenzen gesetzt. Gin-Bücher werden zu Bestsellern. Die App Ginventory führt mehr als 3000 Marken auf. Der Umsatz im Gin-Segment in Deutschland hat sich laut Datenportal Statista in fünf Jahren etwa verdreifacht und liegt 2018 wohl bei 116 Millionen Euro. Allerdings spiegelt das rasche Wachstum nur eine Facette des Wacholder-Booms wider: Denn Gin, darauf legen viele Fans Wert, ist kein Getränk des Massenkonsums. Für sie ist Gin etwas ganz Besonderes – und der Preis spielt eine sekundäre Rolle. Gin verspricht Genuss auf hohem Niveau und Teilhabe an einer ganzen Gin-Kultur, die den feinen Unterschied macht. Manche schwärmen sogar vom „Gin des Lebens“.

Zeisler und Bakir teilen Leidenschaft für Premium-Produkte

Pragmatisch gehen die beiden Waiblinger Unternehmer die Sache mit dem Gin an. Beide kommen aus Branchen, die dem Getränkesektor denkbar fernliegen. Hinter der neuen Edel-Marke „Uerve“ stehen der aus Steinheim (Murr) stammende 40-jährige Philip Zeisler, Chef des BMW-Autohauses im Eisental und Administrator der fast 5000 Mitglieder zählenden Facebook-Gruppe „Du weißt, dass Du Waiblinger bist“, sowie sein in Waiblingen aufgewachsener, 44-jähriger Geschäftspartner und Freund Murat Bakir, leitender Manager in der Elektronikbranche. Beide teilen eine Leidenschaft für „Premium-Produkte“ verschiedener Art - unter anderem eben für Gin. Eines schönen Abends kam an der heimischen Bar, gewissermaßen bei einer kleinen privaten Gin-Verkostung die Frage auf: Warum schmecken so viele Sorten gleich, wenn sie eine Weile im Glas stehen oder auf dem Gaumen nachwirken? Bei einem Fachmann für Brände bekamen sie die Antwort. Sie liegt in der Zusammensetzung des Alkohols, der oft aus Wodka stammt.

Hoher Alkohol-Anteil und trotzdem erfrischend

Also beschlossen die beiden Macher-Typen, mit fachkundiger Unterstützung eines Destilleriemeisters eine eigene Spirituose zu entwickeln und als Marke zu etablieren. Von der Mischung aus 69 „Botanicals“ wie Apfel, Quitte und Schwarze Johannisbeere über Namen und Flaschendesign bis zur Vermarktungsstrategie sollte nichts dem Zufall überlassen bleiben. Als Alleinstellungsmerkmal hat „Uerve“ mit 50 Prozent einen relativ hohen Alkohol-Anteil und wirkt dennoch erfrischender als manches Konkurrenz-Produkt. Die Aromen halten sich lange, und im Hals ist kein Brennen zu spüren, aber eine angenehme Wärme. „Einige Bekannte haben ihn deshalb schon unterschätzt“, schmunzeln die Freunde. Ihre Empfehlung lautet, ihn pur oder mit einem guten Tonic zu trinken. „Am besten mit Chinin vom Chinarindenbaum.“

5000 Flaschen gibt es inzwischen

Der Name „Uerve“ kommt weder aus dem Spanischen noch dem Französischen, sondern aus der Fantasie der Erfinder. Die Buchstaben haben für beide eine persönliche Bedeutung, ganz nach Klang und Ästhetik wurden sie in eine willkürliche Reihenfolge gebracht. Das Geheimnis von Punkt, Punkt und Strich auf der Flasche versteht, wer das Morse-Alphabet kennt. Sie stehen einfach für das „U“ als Initial des Uerve-Gins. Die erste Charge des Waiblinger Wacholders wurde vor Ort produziert, die weitere Produktion findet in Bad Überkingen statt, 5000 Flaschen gibt es inzwischen. Unter anderem für Kunden in New York und für namhafte Hotels wie das Adlon in Berlin oder das Atlantic in Hamburg.


Ginstr und Co: Wacholder aus der Region

Barkeeper und Getränke-Händler bestätigen: Gin liegt voll im Trend. Zehn verschiedene Marken hat zum Beispiel die Bar des Waiblinger Restaurants Iguana im Angebot. Inhaber Daniel Trick kennt Gäste, die „total fixiert“ sind auf Gin und gerne neue Sorten ausprobieren.

Das sind oft „szenige“ Leute im Alter um die 40 oder 50, die es sich auch leisten können. Die Jüngeren halten sich lieber an bewährte Marken wie Bombay oder Hendricks. Die Kenner schwören mehr auf Monkeys und Keller’s.

Getrunken wird der Gin meist am Wochenende – es ist ja schon ein hartes Getränk –, und zwar als Gin Tonic, doch es werden auch Cocktails gemixt. Manche Gäste haben schon Gin-Seminare besucht. Monkey 47 betreibt in Stuttgart einen Laden, der darauf spezialisiert ist.

Ein Ende des Trends ist laut Tanja Binder vom Schorndorfer Weinhaus Binder nicht erkennbar. 30 Sorten hat die Getränkehandlung in den Regalen, die kleine Probierecke wird von den Kunden rege genutzt – sei es auch nur zum Riechen.

Zu den beliebtesten Gins gehören die aus der Region: „Ginstr“ von Markus Escher vom Schwaikheimer Weingut Escher und Radiomoderator Alexander Franke etwa – Goldmedaillengewinner bei den World Spirits Awards 2018. Beliebt sind außerdem „Breaks“ aus Karlsruhe und „Alice“ aus Weinstadt. „Da wird nicht einfach runtergeleert, da geht es um Genuss“, sagt Tanja Binder.

Gin-Fans experimentieren gerne – sei es mit Tonics oder Zutaten wie gefrorenen Beeren. Ende Mai bilden sich die Binders beim „Gin A’ Fair“-Festival weiter fort.

Die Marke Uerve wurde zunächst im Premium-Segment über den Online-Handel aufgebaut. Die 0,7-Liter-Flasche kostet 49,90 Euro.