Waiblingen

Zwischen Armut und Überfluss

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Von links nach rechts Gaby Wackler, Jutta Pöschko-Kopp, Mary Weischedel und Carmen Schlosser. © Büttner / ZVW
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Die Kundin und Helferin Dagmar Metzger kennen sich seit langem.

Waiblingen. Wer morgens durch die Fronackerstraße fährt, kann sie nicht übersehen. Die Menschen, die mit Taschen und Trolleys vor dem Tafelladen drauf warten, eingelassen zu werden. Dort machen sie ihren täglichen Einkauf, laden Brot, Obst und Gemüse in den Einkaufswagen, manchmal auch Schokolade und Kekse. Das richtet sich auch nach dem Angebot. Wer im Tafelladen für einen Bruchteil der normalen Preise einkauft, braucht einen Berechtigungsschein. Und er nimmt, was er bekommt.

Morgens früh um 9 Uhr im Tafelladen. Die Männer, die morgens die Tour durch Discounter, Supermärkte und Bäckereien machen, haben die erste Fahrt bereits hinter sich. Brot und Brötchen haben sie mitgebracht und eine Großspende an Kartoffeln. Alles fast einwandfreie Ware.

Die Kunden nicht nur beobachten, sondern auch kennenlernen

Nur, dass das Brot nicht ganz frisch ist und die Kartoffeln zu groß oder zu klein sind für den normierten Geschmack der Kunden. Dazu kommen Gurken und Brokkoli, Kopfsalat und Karotten, Bananen und Pfirsiche, alles Spenden, die im Nebenraum des Tafelladens nun für den Verkauf hergerichtet werden.

Dafür, dass das Obst und Gemüse am Ende appetitlich in den Regalen landen, sorgen die vielen ehrenamtlichen Helferinnen im Tafelladen. Eine von ihnen bin ich an diesem Tag. Vorgenommen habe ich mir, mir von der Arbeit der Frauen und Männer nicht erzählen zu lassen, sondern mitzuarbeiten.

Die Kunden möchte ich nicht nur beobachten, sondern – wenigstens den einen oder anderen von ihnen – auch kennenlernen. Ich, die sonst immer nur dran vorbeifährt, möchte erfahren, warum Tafelläden immer wichtiger werden. Wie es sich anfühlt, bei der Tafel zu helfen, und auch, was es bedeutet, in diesem Laden einzukaufen.

Wir sortieren die Reste der Wohlstandsgesellschaft

Halten wir zunächst einmal fest: Die Stimmung ist prima unter den Helferinnen. Da steht Carmen Schlosser („Ich bin kein Urgestein“) an ihrem erst zweiten Tag im Tafelladen neben Vize-Vorsitzender Erika Severin, die alle nur Nanny nennen, und Heidemarie Range, die seit zwölf Jahren mit anpackt.

Gut gelaunt sortieren wir aus den Resten unserer Wohlstandsgesellschaft matschige Pfirsiche aus, schnippeln braune Blätter vom Salat und unansehnliche Stellen vom Sellerie ab und packen die (zu) großen und (zu) kleinen Kartoffeln in handliche Zwei-Kilo-Tüten ab.

Ausgeputzt und abgepackt wird großzügig

Das Erste, was ich lerne: Ausgeputzt und abgepackt wird großzügig. Die Kunden im Tafelladen werden ernst genommen. Möglichst einwandfreie Waren sollen sie für ihr Geld bekommen. Was nicht mehr ganz frisch und fleckenlos aussieht, wird noch günstiger abgegeben oder verschenkt.

Doch selbst die gammeligen Gemüseteile werden nicht vernichtet: Sie kommen in eine Extra-Box und sollen am Ende noch den Hängebauchschweinen auf einem Gnadenbrothof und den Lamas auf einem Erlebnishof schmecken.

Freundlichkeit, Überzeugungskraft und im Einzelfall gute Nerven

9.30 Uhr. Vor dem Tafelladen stehen die ersten Kunden. Drinnen informiert Ladenleiterin Petra Off die Mitarbeiterinnen. „Wir haben am Sonntag beim Erntedank-Tag Trauben, Äpfel und Trockenwaren bekommen.“ Kartoffeln sollten dank der großzügigen Spende reichlich, von den Kekspackungen aber nur eine pro Haushalt abgegeben werden.

Auch das ist Tafelladen: Nicht immer ist von allem so viel vorhanden, wie sich die Kunden das wünschen. Ein alleinstehender Mann bekommt keine vier Croissants. Um das zu erklären, braucht’s Freundlichkeit, Überzeugungskraft und im Einzelfall gute Nerven.

„Trotzdem kommt’s immer wieder vor, dass manche richtig aggressiv werden, wenn man ihnen nicht so viel gibt, wie sie wollen“, sagt Helferin Johanna Krohlas. Hilfe im Tafelladen bedeutet auch den Mangel verwalten.


10 Uhr. Die Tür geht auf. Draußen drängeln sich die Wartenden, doch zunächst werden nur sechs von ihnen in den kleinen Laden eingelassen. Sie alle haben einen Berechtigungsschein, der auch kontrolliert wird. Schnell wird’s eng zwischen den Regalen.

„Alle bleiben erst mal vor dem Kühlschrank stehen“, weiß Mitarbeiterin Irene Fleschner. „Wenn die Ersten da weg sind, lasse ich die nächsten drei rein.“ Vorbei am Obst und Gemüse, am Bäckereistand, dem kleinen Regal mit den Büchern und den Drogerieartikeln führt der enge Gang zur Kasse.

Zurücklaufen soll keiner, das ist die Regel. Die andere: Mangelwaren werden gerecht verteilt. Was für Croissants und Kuchen ebenso gilt wie für Kekspackungen, Senf und Balsamico.

„Von 700 Euro kann ich so gut wie nicht existieren“

An der Kasse stehen Margot Busch und Gertrud Artmann. Die eine addiert die Preise im Kopf, die andere tippt die Zwischensummen in die Kasse. Große Summen kommen am Ende nicht zusammen, obwohl die Einkaufswagen zum Teil richtig voll sind. Zum Beispiel der eines Familienvaters, der Gurken, Bananen und Trauben, Kekse und Apfelsaft (von denen jeweils nur eine Packung pro Haushalt abgegeben wird), Melone, Paprika und Salat kauft. Am Ende kostet alles gerade mal 5,15 Euro.

Den Kunden im Tafelladen sichern diese Preise, dass sie am Ende des Tages trotz Arbeitslosigkeit und Minirenten über die Runden kommen. Und sich auch mal ein süßes Stückchen leisten können, wie eine alte Dame Ladenleiterin Petra Off einmal erklärt hat. Menschen, die nach Jahren als Niedrigjobber wenig Rente kriegen, Alleinerziehende und geschiedene Frauen, die jahrelang direkt in die Bedürftigkeit steuerten: Sie alle sind Kunden im Tafelladen.

„Es gibt viel Armut“, weiß Erika Severin. „Von 700 Euro kann ich so gut wie nicht existieren.“ Vor allem die Altersarmut von Frauen und Migranten werde ein immer drängenderes Problem. „Leider trauen sich gar nicht alle her. Weil man vor der Tür warten muss und gesehen wird.“

Die Scham bleibt auch noch nach Jahren

Einer, der vor dieser Tür auch noch nach Jahren Scham empfindet, ist ein 52-jähriger Mann aus Hohenacker. Seinen Namen will er lieber nicht sagen, nennen wir ihn der Einfachheit halber deshalb Harry. Harry hat studiert, am Theaterhaus in Stuttgart-Wangen gearbeitet. Als er seinen Job verlor, verdiente er sein Geld eine Weile als Fahrer bei den Maltesern.

Inzwischen ist er arbeitslos, seit vier Jahren hat er einen Berechtigungsschein für die Tafel. Einmal in der Woche kauft er ein in der Fronackerstraße. Und noch immer sei’s ein komisches Gefühl, draußen zu stehen und die Leute vorbeilaufen zu sehen: „Die Scham“, sagt Harry, „hat sich nicht verloren.“

Fleisch wird relativ selten gespendet

Dass Harry im Tafelladen einkauft, würde man ihm niemals ansehen. Auch nicht der jungen Frau, die gut gekleidet an der Kasse steht, oder dem Mann, der regelmäßig mit Anzug und Krawatte zum Einkaufen kam. Rund 700 Waiblinger Haushalte haben derzeit eine Kundenkarte.

700 Familien und Einzelpersonen, die so wenig Geld haben, dass sie ohne die Tafel nicht oder schwerer satt werden würden. Pro Tag kommen 80 bis 90 Leute in den Laden, schätzt Petra Off. Sie kaufen das, was sonst in der Mülltonne landen würde. Denn das ist der Sinn der Tafel: die, die wenig oder nichts haben, am enormen Überfluss in den Geschäften teilhaben zu lassen. Und das sind viele. Genau 700 zu viel.

Große Auswahl

Die Schwankungen des Überflusses sind groß. Fleisch wird relativ selten gespendet. Regnet es aber trotz angekündigten Grillwetters, landen auch Grillwürste im Tafelladen. Im Advent, wenn die Regale in den Supermärkten überquellen, ist das Angebot auch im Tafelladen groß. Ebenso im Sommer, wenn alle im Urlaub sind, die Supermärkte aber trotzdem volle Regale bieten müssen und am Ende des Tages die Hälfte davon übrig bleibt.

11 Uhr. Während die Kunden im Laden ihre Runde drehen, sorgen nebenan die Helferinnen für Nachschub. Damit es auch kurz vor Ladenschluss noch was zu kaufen gibt, werden die Regale immer wieder aufgefüllt. Gemüse wie Kürbisse, Meerrettiche und Pastinaken sind ebenso im Angebot wie frische Ananas.

Sogar recht Abwegiges wie Kartoffelpüree aus der Tüte und eine einzige Tüte Wildreis stehen im Regal mit den Raritäten an der Kasse. Die Auswahl ist groß. Die prallen Auberginen werden mir aus der Kiste genommen, noch bevor ich sie einräumen kann.

Egal, was man weitergibt, es kommt alles zurück

Groß ist auch die Spendenbereitschaft der Einzelhändler, Bäcker und Discounter. Und das Engagement der vielen Ehrenamtlichen. Während alle schnippeln, putzen, kassieren, ein- und ausräumen, steht plötzlich eine junge Frau in der Tür. „Ich bin spontan vorbeigekommen“, sagt Marta Syrenskiy.

Schon immer habe sie helfen wollen, aber bisher Vollzeit gearbeitet. „Uns geht es gut. Das sollte man auch weitergeben“, ist sie überzeugt. Und dass das, was man weitergibt, ob Gutes oder Schlechtes, irgendwann zu einem zurückkehrt. Sie nennt das Karma. Etwas einfacher formuliert ist angesichts steigender Armut das Motto der bundesweit rund 850 Tafeln: „Jeder gibt, was er kann“, lautet der simple Grundgedanke.

Das wäre doch schon mal ein schöner Anfang.


Die Tafel

  • Wer im Tafelladen in der Fronackerstraße 70 für wenig Geld gespendete Waren einkaufen möchte, benötigt eine Kundenkarte. Diese erhalten Bezieherinnen und Bezieher von Arbeitslosengeld II, Sozialhilfe / Grundsicherung, Asylbewerber, Empfänger von Wohngeld sowie Haushalte mit geringem Einkommen.
  • Öffnungszeiten sind montags, dienstags, mittwochs und freitags von 10 bis 12.30 Uhr, donnerstags von 10 bis 17 Uhr. Kleidung ist montags, dienstags, mittwochs und freitags von 9.30 bis 12.30 Uhr zu erhalten, donnerstags von 9.30 bis 16 Uhr.
  • Hinter dem Tafelladen steht der Verein Waiblinger Tafel. Die beiden stellvertretenden Vorsitzenden sind Erika Severin und Simon Busch. Der Posten des Vorsitzenden ist zurzeit nicht besetzt. Rund 70 Ehrenamtliche helfen beim Einsammeln der Ware, beim Verkauf, beim Gemüseputzen, Obstsortieren, bei technischen Problemen und bei der Organisation.
  • In den kommenden Wochen stellen wir in unserer Serie Mitarbeiter, Kunden und Angebote der Tafel genauer vor.