Waiblingen

Zwischen Weberei und Finanzamt

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Die Mayenner Straße hieß früher Stuttgarter Straße. © Ramona Adolf

Waiblingen. Vom Wohnkomplex im „Kern“ ist noch nichts zu sehen, von der Kreissparkasse nur ein Baugerüst. Trotzdem: Beim jüngsten Rätselbild unserer „Zeitreise Waiblingen“ handelt es sich um die Mayenner Straße, die damals noch Stuttgarter Straße hieß. Der Inhaber der damaligen Bäckerei, Fritz Schelling, erinnert sich bestens.

Vor einem Haus auf der linken Seite der „quirligen Straße in der Vorstadt“ ist eine Laden-Markise zu erkennen: Hier befand sich die Bäckerei Schelling. „Wenn ich mit meiner Mutter in Waiblingen zum Einkaufen war, gab es immer eine Brezel und Limonade“, schreibt zum Beispiel Erich Zerrer aus Korb. Der Bäckermeister von damals lebt noch und kann sich an die fünfziger Jahre lebhaft erinnern. Es handelt sich um den heute 91-jährigen Fritz Schelling, langjähriges Vorstandsmitglied des VfL Waiblingen und Mitbegründer der Seniorensportgruppe „Unruheständler“.

Viele kleine Tankstellen, aber wenige Autos

1952, zurückgekehrt aus Krieg und Gefangenschaft, übernahm er den Laden von seinem Vater, der wiederum ihn schon von seinem Vater „geerbt“ hatte. In bisherigen Folgen der „Zeitreise“ tauchten schon mehrere Bäckereien auf, und oft war den Geschäften eine Wirtschaft angeschlossen. So auch im Fall der Familie Schelling, die abends das Gasthaus Hirsch bewirtschaftete. Das vergoldete Wirtshauswappen, das auf dem alten Foto entweder verdeckt oder noch nicht (wieder) angebracht ist, befindet sich heute in den Räumen des Stadtarchivs. Außerdem betrieben Schellings auf der anderen Straßenseite eine kleine Tankstelle – eine von vieren an der heutigen Mayenner Straße. „Es gab viele Tankstellen und wenig Autos“, sagt Fritz Schelling lachend. Die Umsätze waren bescheiden. „Wenn wir 100 Liter am Tag verkauften, war es viel.“

Fliederzweige zum Muttertag

Auf der rechten Seite, neben dem Haus Sattler, steht ein Baum: „Wunderbar duftender Flieder, dort haben wir zum Muttertag Zweige geklaut“, erzählt Fritz Schelling, der eine Menge solcher Anekdoten auf Lager hat. Ganz unten bei der Sparkassen-Baustelle auf dem ehemaligen Hess-Garten stand ein Bauzaun mit Löchern drin. Ihn „bewachte“ oft ein etwa fünfjähriges Mädchen namens Edith, das schon guten Geschäftssinn bewies. Spähte jemand durch den Zaun, sagte sie keck: „Des koschded fünf Pfennig.“ Fritz Schelling kann fast alle Bewohner dieses Abschnitts der ehemaligen Stuttgarter Straße aufzählen, die Bantels, Weiks, Sieles – und die Zellers. Die Dekansfamilie versteckte während des Nationalsozialismus das jüdische Ehepaar Max und Ines Krakauer. Oben im Bild rechts das Haus Schechinger: „Herr Schechinger fuhr mit seiner fahrbaren Säge durch die Stadt“, schreibt Ingeborg Kuppinger, „um den Leuten die Holzstämme in handliche Teile zu schneiden, die dann noch von den Familienangehörigen gespaltet werden mussten, um im Ofen angenehme Wärme abzugeben.“ Daneben, von der Straße zurückversetzt und auf dem Foto nicht zu sehen: das kleine Arbeitsamt.

Endlich einen ganzen Brotlaib wöchentlich

Der Waiblinger Armin Bauer tauschte nach dem Krieg bei der Bäckerei Schelling Lebensmittelmarken ein und bekam 1947 im Alter von zehn Jahren als sogenanntes „Großkind“ endlich einen ganzen Brotlaib wöchentlich – ein Fest für den hungrigen Buben. Während des Krieges durften bei Fliegeralarm alle Kinder von der Karolingerschule nach Hause rennen, die dafür weniger als fünf Minuten brauchten – die anderen mussten im Keller der Schule ausharren. Armin Bauer gehörte zu denen, die rennen durften, und die Stuttgarter Straße lag auf dem Heimweg zur Blumenstraße. Folglich weiß er auch, was oberhalb der linken Straßenseite folgte: die Seidenstoffweberei. „Damals war dies eine ganz moderne und große Fabrikanlage.“ Durch die Fabrikpforte außerhalb des Bildes gingen täglich Hunderte von Arbeitern. Im obersten Haus unseres Fotos wohnten laut Fritz Schelling die Webmeister. Am unteren Ende der Straße befanden sich das Finanzamt und die Polizei.

Heimliches Wintersportgebiet

Die Steigung der Stuttgarter Straße nutzte die Waiblinger Jugend für allerlei Späße: Eines Nachmittags beobachtete Clemens Dippon drei Buben, die einem Handwagen hinuntersausten: „Wie diese Fahrt endete, weiß ich nicht – ob sich die Beteiligten erinnern?“ Winters sah Eugen Bauer junge Waiblinger auf Skiern runterfahren – und überhaupt fungierte die Straße als eine Art heimliches Wintersportgebiet. Die viel genutzte Schlittenbahn, so Armin Bauer, reichte von oben beim Postamt bis über den Postplatz.