Weinstadt

Als am Christbaum echte Äpfel hingen

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Stadtarchivar Bernd Breyvogel und Sammlerin Wiebke Behning freuen sich auf viele Besucher. © Habermann / ZVW
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Tierischer Christbaumschmuck. © Habermann / ZVW
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Früher hing der Weihnachtsbaum aus Platzgründen bisweilen an der Decke. © Habermann / ZVW
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Krippe in der Nussschale. © Habermann / ZVW
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Essbarer Baumschmuck war früher sehr verbreitet. © Habermann / ZVW

Weinstadt-Beutelsbach. Buchsbaum statt Tanne, Bomben und allerlei anderer kriegerischer Christbaumschmuck, dazu viel Essbares an den Zweigen: In Sachen Weihnachtsdeko haben die Deutschen in den vergangenen 200 Jahren viele Moden mitgemacht. Das zeigt die Ausstellung im Württemberg-Haus, die das Weinstädter Sammlerpaar Behning konzipiert hat.

Video: Weihnachtlicher Schmuck von 1850 bis 1960 aus der Sammlung Behning gibt es derzeit im Württemberghaus zu sehen.

Früher bot der Weihnachtsbaum nicht nur was für die Augen, sondern auch für den Magen. Obst und Nüsse, Gebäck und Süßigkeiten, all das hing am Christbaum ganz gleichberechtigt neben Engeln und Kugeln. Wenn sich dann Silvester näherte, war Baumplündern angesagt. Sammlerin Wiebke Behning aus Weinstadt kann sich noch genau erinnern, wie sie in ihrer Kindheit Geleekugeln und andere Leckereien von der Tanne pflückte. „Da wurden die Süßigkeiten runtergeholt und geteilt.“ Vor Jahrzehnten, als Lebkuchen und Stollen noch nicht im August in den Ladenregalen auftauchten, waren solche Leckereien eben etwas Besonderes. Damit die Besucher der Christbaumschmuck-Ausstellung sich vorstellen können, wie so ein Weihnachtsbaum vor 100 oder 150 Jahren aussah, haben die Sammler Wiebke und Hinrich Behning sieben künstliche Bäume dekoriert – von der Biedermeier- bis zur Nazizeit.

Sechste Ausstellung der Behnings

Noch bis 29. Januar gibt es den weihnachtlichen Schmuck aus den Jahren 1850 bis 1960 im Württemberg-Haus zu sehen. Es ist die insgesamt sechste Ausstellung der Behnings im alten Rathaus von Beutelsbach. Sie zeigten dort schon Engel, Adventskalender, Poesiealben, Christbaumständer und Kaffeemaschinen. Nun haben sie sich dem Christbaumschmuck gewidmet und rund die Hälfte ihrer Sammlung im Württemberg-Haus ausgestellt.

Weihnachtsbäume an der Decke

Dabei wartet so manche Überraschung auf die Besucher. Wer weiß denn schon, dass es mal eine Zeit gab, als die Menschen ihre Weihnachtsbäume an der Decke aufhängten. Der Grund dafür waren laut Wiebke Behning schlichtweg Platzprobleme. Ärmere Leute hatten oft nur eine kleine beheizte Wohnstube, die zugleich auch Küche war – ein Baum am Boden wäre da im Weg gestanden. Lange Zeit war Weihnachten ein Fest, das nur von Adeligen und wohlhabenden Bürgern mit geschmücktem Baum gefeiert wurde. „Dass es ein Massenphänomen wurde, ist eine Entwicklung des 19. Jahrhunderts“, sagt der Weinstädter Stadtarchivar Dr. Bernd Breyvogel. Dafür gibt es nach seinem Wissen zwei Gründe: Im 19. Jahrhundert verbreitete sich industriell hergestellter Christbaumschmuck rasant, wodurch ein hübsch dekorierter Baum auch für ärmere Schichten bezahlbar wurde. Des Weiteren waren Nadelbäume schlichtweg einfacher zu beschaffen: Durch die Aufforstung des Waldes waren die Preise für die meisten Deutschen plötzlich erschwinglich.

„Die Nazis haben im Dritten Reich versucht, alles umzudeuten“

Die Ausstellung der Behnings zeigt auch deutlich, wie sehr der Christbaumschmuck Moden unterliegt. Richtig militaristisch ging es während des Ersten Weltkriegs und während der Nazizeit zu. Da baumelten dann Bomben, Kriegsflugzeuge und U-Boote am Baum. Wiebke Behning hätte aus ihrer Sammlung sogar Weihnachtsschmuck mit Hakenkreuzen beisteuern können, wenn sie gewollt hätte. Das verdeutlicht, wie sehr die Nazis auch das Weihnachtsfest für ihre Propaganda ausgeschlachtet haben. Bernd Breyvogel erinnert in dem Zusammenhang daran, wie die NSDAP in den 30er und 40er Jahren in der Bevölkerung dafür warb, statt dem christlichen Weihnachtsfest ein Julfest zu begehen – und damit wie die alten Germanen die Wintersonnenwende zu feiern. „Die Nazis haben im Dritten Reich versucht, alles umzudeuten.“

Buchsbäume waren früher als Christbaum verbreitet

Als Christbaum fungierte übrigens nicht zu allen Zeiten die Tanne. Früher war tatsächlich der Buchsbaum verbreitet. Und die ersten künstlichen Weihnachtsbäume tauchten schon um 1900 auf. Solch einen Gänsefederbaum können auch die Besucher der Ausstellung bewundern. Wiebke Behning hat selbst einen hergestellt, hat dazu Gänsefedern zugeschnitten, grün gefärbt, weich gemacht und gedreht. Eins kann aus Breyvogels Sicht beim Christbaumschmuck mal mit Sicherheit festgehalten werden: „Es gibt fast nichts, was es nicht gibt.“

Äpfel am Baum: Der Tag von Adam und Eva

Dass am Christbaum früher oft Äpfel hingen, hat auch was mit dem Alten Testament zu tun. Neben der Geburt von Jesus hat der 24. Dezember noch eine andere biblische Bedeutung. „Es ist der Tag von Adam und Eva“, erklärt Breyvogel. Laut Bibel wurden beide wegen eines Apfels aus dem Paradies vertrieben, den Eva vom Baum der Erkenntnis holte und mit ihrem Adam verspeiste. Diese Verbindung zeigt in der Ausstellung auch die Kopie eines alten Aquarellbilds, auf dem ein Mädchen vom Christbaum einen Apfel pflückt und diesen ihrem Bruder reicht. Wer die Begleittexte studiert, stößt darauf, dass das heute an Heiligabend beliebte Krippenspiel aus dem mittelalterlichen Paradiesspiel entstand, in dem Adam und Evas Sündenfall dargestellt wurde. Für Letzteres war Sitzfleisch nötig: Es konnte mehrere Stunden dauern.

Noch bis 29. Januar

Die Christbaumschmuck-Ausstellung im Württemberg-Haus in Beutelsbach (Stiftstraße 11) ist noch bis einschließlich Sonntag, 29. Januar, zu sehen. Geöffnet ist sie immer samstags von 14 bis 18 Uhr sowie sonntags von 13 bis 17 Uhr. Auf Anfrage können Gruppen die Ausstellung auch außerhalb der regulären Öffnungszeiten besichtigen. Mehr Infos gibt es unter 0 71 51/6 04 58 73 bei Stadtarchivar Bernd Breyvogel.

Im Gegensatz zu den Vorjahren hat das Württemberg-Haus diesmal auch am ersten Weihnachtsfeiertag (Sonntag, 25. Dezember) sowie am Neujahrstag (Sonntag, 1. Januar) von 13 bis 17 Uhr geöffnet.

Die nächste Sonderausstellung folgt im März. Titel: „Das PC-freie Büro: Historische Büromaschinen“.