Weinstadt

Ausstellung: Spuren des Mittelalters in Weinstadt

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Archäologe Thomas Schlipf (links) und Stadtarchivar Bernd Breyvogel (rechts) vor einem Grab aus dem siebten Jahrhundert nach Christus, das für die neue Ausstellung in der Endersbacher Heimatstube mit den 1987 ausgegrabenen Originalsteinen rekonstruiert wurde. © Schneider/ZVW
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Typische Grabbeilagen: Kämme aus Knochen. © Schneider/ZVW
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In dem in Weinstadt gefundenen Grab wurde vor mehr als 1300 Jahren vermutlich ein Kind beerdigt. © Schneider/ZVW
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Gefäße zum Händewaschen: ein Aquamanile. © Schneider/ZVW

Weinstadt-Endersbach. „Das sind die Originalsteine aus dem Grab“: Archäologe Thomas Schlipf ist stolz auf das rekonstruierte Grab aus dem siebten Jahrhundert nach Christus. Entdeckt wurde es 1987 in Weinstadt, so wie all die anderen Funde, die von Sonntag an in der neuen Ausstellung in der Endersbacher Heimatstube gezeigt werden – seien es Krüge, Kochtöpfe oder Ofenkeramik.

Video: Fundstücke aus dem Mittelalter in einer Ausstellung in Endersbach.

Wenn die Menschen im Mittelalter gegessen haben, waren die Finger schnell fettig. Wer sich danach die Hände waschen wollte, der griff zu einem Aquamanile – ein Wassergefäß, meist aus Keramik und in Form einer Tiergestalt. „Es gab ja keinen Wasserhahn wie bei uns“, sagt Thomas Schlipf. Der Archäologe ist der Sohn des Endersbacher Goldschmieds Hermann Schlipf, der in den 50ern anfing, im Auftrag des Landesamts für Denkmalpflege ehrenamtlich auf Endersbacher Gemarkung zu graben. Viele der Fundstücke aus Weinstadt, die jetzt wie dieses Aquamanile in der neuen Mittelalter-Ausstellung in der Endersbacher Heimatstube präsentiert werden, sind Hermann Schlipf zu verdanken. Um dessen Erbe kümmert sich mittlerweile Sohn Thomas Schlipf, der seit vielen Jahren als technischer Grabungsleiter in Rottweil arbeitet. Zusammen mit dem Weinstädter Stadtarchivar Bernd Breyvogel ist so eine Ausstellung entstanden, die einen großen Bogen spannt – von der Alemannenzeit Mitte des dritten Jahrhunderts nach Christus bis zum Spätmittelalter.

„Man lebte noch in zwei Vorstellungswelten“

In der Alemannenzeit war der christliche Glaube bei den Siedlern auf der Gemarkung von Weinstadt noch nicht besonders verbreitet, was Archäologen wie Thomas Schlipf an den vielen Beigaben erkennen, die bei Gräbern aus dieser Zeit gefunden werden. Selbst als das Christentum stärker wurde, mischten die Menschen noch den alten und den neuen Glauben. „Man lebte noch in zwei Vorstellungswelten“, sagt Stadtarchivar Breyvogel. Das zeigt sich zum Beispiel an einer in Beutelsbach gefundenen Fibel, mit der früher Umhänge oder Mäntel zusammengehalten wurden. Bei ihr ist nämlich nicht eindeutig erkennbar, ob sie einen Adler darstellt oder eine Taube. Letzteres ist ein klares Symbol für den christlichen Glauben, während der Adler als heidnisch einzustufen ist.

Reiseutensilien ins Jenseits

Die gezeigten Funde in der Heimatstube decken übrigens ein breites Spektrum an Gegenständen ab. So gibt es Ofenkeramik zu sehen, die einst in Kachelöfen eingemauert war, um die Fläche, die Wärme abstrahlt, zu vergrößern. Oder Kämme aus Knochen, die als Grabbeilage Frauen und Männern mitgegeben wurden. „Das gehört zu den Reiseutensilien ins Jenseits“, sagt Thomas Schlipf.

Mehr als 30 alemannische Gräber entdeckt

Ergiebig waren die Ausgrabungen auf Weinstädter Gemarkung vor allem in Beutelsbach und Endersbach. Die letzte große Grabung fand 1996 im Endersbacher Kalkofen statt, dabei wurden mehr als 30 alemannische Gräber entdeckt. Dabei geht Thomas Schlipf aufgrund der Anordnung davon aus, dass es sich um zwei Familien handeln muss, die dort begraben sind. Mit Blick auf künftige Baugebiete in Weinstadt ist auch nicht ausgeschlossen, dass weitere Funde aus dem Mittelalter oder auch aus der Römerzeit auftauchen. Beim künftigen Endersbacher Wohngebiet Halde V wird laut Stadtarchivar Bernd Breyvogel beispielsweise Günter Romberg im Auftrag des Landesamts für Denkmalpflege immer mal wieder nach dem Rechten sehen – alles übrigens ehrenamtlich, so wie einst der Vater von Archäologe Thomas Schlipf. Wenn er was entdeckt, dann kann’s in Weinstadt wieder eine richtige Grabung geben.

Veranstaltungen

Eröffnet wird die Ausstellung in der Heimatstube (Schulstraße 12) am Sonntag, 9. April, um 11.15 Uhr. Für einen mittelalterlichen Imbiss sorgt Claudia Greiner, die die Ausstellung auch grafisch gestaltet hat. Mindestens zwei Jahre soll sie zu sehen sein – und zwar von März bis November an jedem ersten Sonntag im Monat von 14 bis 17 Uhr. Auf Anfrage beim Stadtarchivar (0 71 51/6045 873) sind Führungen außerhalb der Öffnungszeiten möglich.

Einen Vortrag von Thomas Schlipf zu den Alemannen gibt es am Donnerstag, 27. April, von 19 Uhr an. Übers Hoch- und Spätmittelalter sprechen Thomas Schlipf und Bernd Breyvogel am Donnerstag, 22. Juni, von 18.30 Uhr an. Und um Kleidung und Mode der Stauferzeit geht es am Donnerstag, 19. Oktober, von 18.30 Uhr an. Hier wird die Familia Swevia auftreten, die das Leben eines schwäbischen Ministerialen und seiner Familie nachspielt.