Weinstadt

Bistro, Bar, Tankstelle: Der "Palmer" in Weinstadt ist Kult

Palmer
Über Spritpreise wird alle Jahre wieder diskutiert, wissen „Palmer“-Geschäftsführerin Sylvia Schurer und ihr Assistent Kristoffer Brandt. © Benjamin Büttner

Hohe Ölpreise und Steuern, dazu die neue CO2-Abgabe – der Sprit ist so teuer wie lange nicht. Den Zorn der Autofahrer bekommen die Angestellten in der Endersbacher Kult-Tankstelle „Palmer“ aber nicht zu spüren – der richte sich eher gegen Vater Staat, berichtet Geschäftsführerin Sylvia Schurer (49), die den Familienbetrieb in dritter Generation führt. „Die Leute klopfen ihre Sprüche, sie sagen aber auch: Ihr könnt ja nichts dafür.“ Tatsächlich profitieren die Weinstädter selbst nicht von den hohen Preisen. Sie haben überhaupt keinen Einfluss darauf, welche Ziffern unter dem Logo des französischen „Total“-Konzerns aufleuchten – die Anzeige an der Schorndorfer Straße wird zentral gesteuert.

Als junge Frau kletterte Sylvia Schurer selbst auf den Preismast

Zumindest das war nicht immer so: „Ich musste früher immer mit der Leiter auf den Preismast hochklettern und die Preise ändern“, erinnert sich Sylvia Schurer an Zeiten, als diese Arbeit noch von Hand erledigt werden musste.

Sylvia Schurer hieß damals noch Sylvia Palmer. Sie hat fast ihr ganzes Leben auf der Tankstelle verbracht. Schon als kleines Mädchen schmierte sie Brote, kassierte Benzingeld. 1990 stieg sie offiziell als Auszubildende mit ein. Als der Vater viel zu früh starb und die Mutter hart getroffen war, hielt sie die Tankstelle am Laufen, mit gerade mal Anfang 20. Heute führt sie die Endersbacher Institution gemeinsam mit ihrem Schwager Andreas Palmer.

Die Tankstelle ist zugleich Späti, Bistro, Bar und Treffpunkt, Getränkehandel und, weil das riesige Sortiment seinesgleichen sucht und der Palmer jeden Tag rund um die Uhr geöffnet hat, immer wieder Rettung in höchster Not. Ob im Sommer bei einer Party das Bier oder das Grillfleisch ausgehen, ob kurz vor Weihnachten die Lichterkette erlischt oder der Wein korkt – wenn alle Stricke reißen, auf den Palmer ist Verlass.

Sylvia Schurer sagt: „Es ist für mich das Schönste, wenn die Leute sagen: Danke, ihr habt mir den Arsch gerettet.“

Der „Palmer“ wurde 1936 errichtet, damals noch als „Standard Oil“-Tankstelle

Es waren ihre Großeltern Klara und Rudolf Palmer senior, die die Tankstelle 1936 errichtet haben, damals noch unter dem Label des US-Unternehmens „Standard Oil“. Palmer senior wurde im Zweiten Weltkrieg als Soldat eingezogen und kam schwer verletzt zurück. Klara Palmer musste alleine weitermachen, im Lauf der Zeit unterstützt von Sohn Rudolf Palmer junior.

Die Geschäfte liefen gut, die Aufschrift änderte sich von „Standard“ zu „Esso“, die Tankstelle wuchs, genau wie der Ort Endersbach um sie herum. Rudolfs Frau Ingeborg Palmer wurde in den 70er, 80er Jahren zur prägenden Figur im Palmer.

Kunden mit Selbstbedienung anfangs überfordert

Die taffe Unternehmerin, der die Tankstelle bis heute gehört, versenkte noch Zapfhähne in Tanköffnungen, als sie schon hochschwanger war. In späteren Jahren beruhigte sie dann die verzweifelten Autofahrer, als diese mit der neu eingeführten Selbstbedienung nicht zurechtkamen. „Da waren die Leute am Anfang heillos überfordert“, erinnert sich Sylvia Schurer und lacht.

Ingeborg und Rudolf Palmer erweiterten langsam, aber sicher das Angebot in der Tankstelle. Palmers schlossen Verträge mit Hofbräu und integrierten einen Getränkemarkt, bauten die Lebensmittelabteilung aus (Lieferant: die Firma Kriegbaum) und ließen sich Backwaren vom Bäcker Schreiber bringen.

Sylvia Schurer erinnert sich, wie die Kunden ihre Wünsche einbrachten: „Wenn ihr das schon habt, könntet ihr doch auch noch dies und jenes anbieten ... Wir waren mit die Ersten, die einen offiziellen Backshop hatten und selber Burger gemacht haben“, berichtet sie. „Und irgendwann hat sich das Sortiment verselbstständigt.“

Der Spritverkauf alleine sichert die Zukunft des Betriebs nicht

Heute bezieht der Palmer Ware von mehr als 30 Firmen deutschlandweit. Kristoffer Brandt, Assistent der Geschäftsleitung, erklärt: „Ein Tankstellenbetreiber, der Sprit verkauft, ist in aller Regel der klassische Pächter, der von einem Ölkonzern dafür bezahlt wird, dass er eine Station betreibt. Wir als komplett eigenständiges Unternehmen müssen unseren eigenen Umsatz erwirtschaften, um unsere Personalkosten etc. pp zu bewältigen. Das wäre mit dem Spritverkauf alleine nicht möglich.“

Das Kommissionsgeschäft bleibe wichtig, auch als Türöffner. Sein Überleben sichert der Palmer aber vor allem mit seinen ausgesuchten Waren. Deshalb gleicht er mittlerweile einem kleinen Supermarkt. Nach dem Umbau 2014, als Büro und Küche ausgelagert wurden, ist die Verkaufsfläche von 120 auf 160 Quadratmeter gewachsen.

Nur zweimal im Jahr ist für ein paar Stunden geschlossen

Die Tankstelle hat 24 Stunden am Tag geöffnet, sieben Tage in der Woche – und es ist eigentlich immer etwas los. Dieses Pensum zu bewältigen, funktioniert nur mit einem breiten Personalstamm: Mehr als 22 Beschäftigte plus einige Aushilfskräfte halten den Betrieb in einem Mehrschichtsystem am Laufen.

Bis Corona das Leben der Menschen veränderte, hat auch Inhaberin Ingeborg Palmer, die heute 73 Jahre alt ist, noch selbst mitgeschafft. Wenn an Heiligabend und Silvester doch einmal für wenige Stunden das Licht ausgeht, glauben Passanten regelmäßig, es sei nur vorübergehend der Strom ausgefallen.

Immer mal wieder etwas Neues ausprobieren

In den frühen Morgenstunden gehören Handwerker, die Croissants und Kaffee kaufen, ebenso zu den Kunden wie junge Nachtschwärmer, die noch ein letztes Bier trinken wollen. Hier treffen sich Trucker und Banker, Familienväter und neuerdings auch viele Wasserpfeifen-Fans, die von der großen Auswahl an Shisha-Tabak Wind bekommen haben.

Es gehört zum wirtschaftlichen Konzept und ist der unternehmerischen Freiheit gedankt, dass die Betreiber ihr Angebot immer wieder erweitern und etwas Neues auszuprobieren, was es sonst an kaum einer Tankstelle gibt. Der Ausbau der Tabak-Sparte ist auch eine Reaktion auf Corona: Weil die Pendlerzahlen stark zurückgegangen sind und damit die Erlöse aus Snacks und Getränken, musste eine neue Einnahmequelle her. Das Sexspielzeug, das hier eine Zeit lang im Regal stand, ist hingegen wieder aus dem Sortiment geflogen. „Das ist zu viel geklaut worden“, sagt Sylvia Schurer und zuckt mit den Achseln.

Irgendwann wird auch der Rock’n’Roll in die Tankstelle zurückkehren

Wieder zurückkehren soll aber der Barbetrieb, der eigentlich auch zum Palmer gehört, aber wegen der Pandemie pausiert. Wenn Corona überstanden ist, wird das knallrote Sofa wieder aus dem Keller geholt und mit ihr der Rock’n’Roll, der die Tankstelle in den letzten Jahren geprägt hat. Harley-Fahrerin Sylvia Schurer hat es mit diesem Konzept („Rock-‘n’-Roll-Tankstelle“) schließlich bis ins Fernsehen zu „Sag die Wahrheit“ gebracht.

Was die Zukunft bringt außer neuen Rekordpreisen an den Zapfsäulen? Sylvia Schurer rechnet damit, dass sich das Geschäft wandelt. Vielleicht wird sie in ein paar Jahren Wasserstoff verkaufen oder synthetische Kraftstoffe, wer weiß? Wie auch immer, die 49-Jährige wird alles dafür geben, dass die Tankstelle die Institution bleibt, die sie seit 85 Jahren in Endersbach ist. Das nächste große Etappenziel haben sie im Palmer schon im Blick: Die 100-Jahr-Feier in 15 Jahren.

Hohe Ölpreise und Steuern, dazu die neue CO2-Abgabe – der Sprit ist so teuer wie lange nicht. Den Zorn der Autofahrer bekommen die Angestellten in der Endersbacher Kult-Tankstelle „Palmer“ aber nicht zu spüren – der richte sich eher gegen Vater Staat, berichtet Geschäftsführerin Sylvia Schurer (49), die den Familienbetrieb in dritter Generation führt. „Die Leute klopfen ihre Sprüche, sie sagen aber auch: Ihr könnt ja nichts dafür.“ Tatsächlich profitieren die Weinstädter selbst nicht von den

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