Weinstadt

Bomben-Experte in der Schorndorfer Straße in Weinstadt: Geschultes Auge für Blindgänger

Bombensuche
Hitze, Lärm und Weltkriegsbomben? An der Baustelle Schorndorfer Straße in Endersbach hat ein Experte für Kampfmittel immer ein Auge auf die Baugrube: Uwe Eligehausen (links). © Gabriel Habermann

Uwe Eligehausen ist Experte für Bomben. Es vergeht kaum eine Woche, in der er nicht einen Blindgänger freilegt. Sein aktueller Einsatzort: die Schorndorfer Straße in Endersbach, wo zurzeit die Gas- und Wasserleitungen erneuert werden. Weil genau hier im Zweiten Weltkrieg Bomben einschlugen, hat der 57-Jährige ein wachsames Auge auf die Baugrube. Sollte er tatsächlich eine Fliegerbombe entdecken, könnte es sogar sein, dass die Anwohner in Endersbach ihre Häuser verlassen müssten.

Dem Mann in der gelben Warnweste darf nichts entgehen

Der Mann in der gelben Warnweste wirkt auf den ersten Blick, als stehe er nur daneben, während die anderen schuften: Einer baggert, einer schaufelt, Uwe Eligehausen blickt konzentriert in die Baugrube. Denn entgehen darf ihm nichts: Der Mann, der einst bei der Bundeswehr zum Sprengmeister ausgebildet wurde, ist im Auftrag der Kampfmittelbeseitigungsfirma Kamiso in Weinstadt. Er soll frühzeitig Alarm schlagen, wenn im Baugrund explosives Material schlummert.

Das könnte durchaus der Fall sein, wie die Auswertung von historischen Luftbildern im Vorfeld der Baumaßnahme von Stadtwerken und Netze-BW ergeben hat. „Wir können die Bombenangriffe oft sehr exakt nachvollziehen“, erklärt Uwe Eligehausen, „das ist sehr genau dokumentiert worden. Nicht nur von den Deutschen, auch von den Engländern und Amerikanern.“

Dass an der Schorndorfer Straße Bomben eingeschlagen sind, ist nicht nur durch historische Aufnahmen belegt, sondern auch durch Akten im Stadtarchiv und Berichte aus erster Hand. Noch im vergangenen Jahr hat der mittlerweile verstorbene Weinstädter Manfred Jäger unserer Redaktion von einem Fliegerangriff im März 1944 auf Endersbach berichtet. Den hatte er als Junge miterlebt. Uwe Eligehausen bestätigt: „Die Luftbildauswertung hat gezeigt, dass genau in diesem Bereich leicht bis mittelschwer beschädigte Häuser sind.“

„Nach 30 Jahren Berufserfahrung hat man ein bisschen ein Auge dafür“

Würde es sich bei der Abwurfstelle nicht um eine Straße, sondern um einen landwirtschaftlichen Acker handeln, müsste Uwe Eligehausen nicht stundenlang bei Hitze und Lärm in die Baugrube blicken. Er säße dann auf seinem Quad, einem geländetauglichen Vierrad, das mit mehreren Sensoren ausgestattet ist, die als Metalldetektoren eingesetzt werden. Er würde über die Ebene düsen und die gesammelten Daten später am Computer auswerten. Eine solche Sondierung sei im Innenstadtbereich aber nicht möglich, da hier nach dem Krieg oft erzhaltiger Schotter oder Trümmerschutt mit Resten von Metall verfüllt worden sei.

Also ist eben Uwe Eligehausens geschulter Blick gefragt. „Nach über 30 Jahren Berufserfahrung hat man ein bisschen ein Auge dafür“, sagt er und lächelt. Schon Veränderungen in der Bodenfarbe können für ihn auf einen Bombenfund hindeuten. „Daran kann man schon einen Einschlagspunkt von so einer Brandbombe erkennen, das sieht aus wie so ein kleiner Kranz“, erklärt der 57-Jährige.

Dass Phosphor-Brandbomben gefunden würden, das komme immer wieder vor, insbesondere in Städten. „Die Verfahrensweise war: Die ersten Flugzeuge schmissen Sprengbomben. So wurden die Dächer abgedeckt. Wenn die Dächer offen waren, fielen die kleinen Brandbomben leichter rein und haben die Häuser entzündet.“ Platzt ein Blindgänger einer solchen Brandbombe heute bei Bauarbeiten auf, fängt der Phosphor Feuer, und die Dämpfe sind giftig. Das gilt es natürlich zu verhindern.

Evakuiert werden müsste das Gebiet um die Schorndorfer Straße in Endersbach aber eher bei einem größeren Bombenfund. In Baden-Württemberg gilt folgende Faustregel: Unter 250 Kilo wird im Umkreis von 300 Metern evakuiert, zwischen 250 und 500 Kilo wird im Umkreis zwischen 300 und 500 Metern das Gebiet geräumt.

Die Stadtwerke gehen bei ihren Bauarbeiten auf Nummer sicher

Für wie realistisch hält Uwe Eligehausen dieses Szenario überhaupt? Wird er in Endersbach eine Bombe finden? „Der Bereich, der hier jetzt angefasst wird, ist sehr klein“, sagt der Experte, es sei daher eher unwahrscheinlich – komme aber immer wieder vor bei Bauarbeiten. „Deswegen gehen die Gemeinden mittlerweile den Weg: lieber etwas mehr Sicherheit. Sie können sich dann sicher sein, dass nicht hinterher auf der Deponie die Granaten vom Lkw kullern.“

Sollte der Experte in der Schorndorfer Straße also fündig werden, würden die Arbeiten sofort eingestellt. „Ich gehe dann von Hand dran, lege das Fundstück frei, es wird identifiziert, um was es sich handelt. Dann wird der staatliche Kampfmittelbeseitigungsdienst vom Regierungspräsidium in Stuttgart informiert“, sagt Uwe Eligehausen. Er würde dann die Behörde mit allen Informationen versorgen. „Die kriegen mitgeteilt, was sie erwartet, können darauf reagieren und entsprechendes Gerät mitbringen.“ Außerdem müssten die Bevölkerung, Feuerwehr und Co. informiert werden – und die nahe gelegenen Tankstellen wohl ihre Kraftstofftanks leeren.

"Der Respekt ist immer da"

Wäre die Bombe „handhabungs- und transportsicher“, würde sie laut Uwe Eligehausen mitgenommen – wenn nicht, vor Ort entschärft oder sogar kontrolliert gesprengt.

Nicht immer geht das gut. In Göttingen sind bei der Explosion einer Fliegerbombe im Jahr 2010 drei Menschen ums Leben gekommen. Ist Uwe Eligehausen nicht manchmal mulmig bei seiner Arbeit? Der 57-Jährige überlegt kurz, dann antwortet er. „Der Respekt ist immer da, auch nach 30 Jahren noch. Aber im Grunde genommen ist das ein Job wie jeder andere auch. Man weiß ja, was man tut.“

Uwe Eligehausen ist Experte für Bomben. Es vergeht kaum eine Woche, in der er nicht einen Blindgänger freilegt. Sein aktueller Einsatzort: die Schorndorfer Straße in Endersbach, wo zurzeit die Gas- und Wasserleitungen erneuert werden. Weil genau hier im Zweiten Weltkrieg Bomben einschlugen, hat der 57-Jährige ein wachsames Auge auf die Baugrube. Sollte er tatsächlich eine Fliegerbombe entdecken, könnte es sogar sein, dass die Anwohner in Endersbach ihre Häuser verlassen müssten.

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