Weinstadt

Corona-Abstand, Weinglas statt Krug: Wie ein Besuch im "Sonna-Besa" in Weinstadt jetzt abläuft

Besen Weinstadt Sonna Besa
Der "Sonna-Besa" in Weinstadt. © Gabriel Habermann

Bei Regen bleibt der „Sonna-Besa“ geschlossen: wie passend. Der Name des Besens von Familie Knauß ist dank Corona unfreiwillig Programm geworden, weil sich die Gäste nicht mehr reinsetzen dürfen, sondern sich mit Weinglas und Teller im Garten und im Hof trollen. Der „Besa“-Besuch ist im Corona-Jahr also stark wetterabhängig – und auch, wo es oft eng zuging, heißt es jetzt: Abstand halten.

Abstand im Besen? Vor Corona wirkte diese Idee in etwa so kurios, wie auf ein Weinfest zu gehen und eine Bierauswahl zu erwarten. Das Blatt hat sich gewendet: vorbei der „Kuschelmodus“ an überfüllten Tischen. Und das freundliche „Tschuldigung, kann ich hier mal durch?“ wird dieses Jahr nicht zu den am häufigsten verwendeten Sätzen der Mitarbeiter gehören, die sich vor Pandemie-Zeiten tellertragend an Stühlen vorbeigeschlängelt haben. Heuer zeigt sich der „Sonna-Besa“ in improvisierter, abstandwahrender Form: Die Besucher holen sich Wein und Speisen selbst und verteilen sich wie jüngst an Fronleichnam und am Wochenende im Garten vor dem Weingut, nippen genüsslich in grünen Nischen, sitzen zwischen Rosen und bunt bepflanzten Blumenkübeln, auf dem Hof, an Gartenmöbeln, auf Stühlen vor Weinfässern und an Biergarnituren, die für die 1,50-Meter-Regel aufgestellt wurden.

Mit wenig Platz kennen die Wirte des Weinguts Knauß sich aus

Mit Besen ist normalerweise eine erwünscht volle, weil als behaglich empfundene Begegnungsplattform für Freunde des Hausweins gemeint. Schoppenhebend und eine urig-gemütliche Enge erlebend sitzen sie beisammen, wenn das Weingut Knauß zweimal jährlich die Besenzeit ausruft. Wer wie Margit und Horst Knauß seit 20 Jahren eine traditionelle Besenwirtschaft betreibt, der weiß, mit limitierten Platzkapazitäten zu jonglieren; der hat mit den Jahren Ideen perfektioniert, damit immer noch was geht – auch wenn’s pickepackevoll ist: „Für Einzelpersonen findet sich immer ein Eckchen zum Dazusetzen, viele haben ihren Wein mit rausgenommen und aufm Mäuerle gewartet, bis drinnen etwas frei wurde“, so Margit Knauß.

Heuer verlagert sich die Gemütlichkeit komplett nach außen – die Besenwirte durften ihre Organisationsgabe also erneut unter Beweis stellen und sie nun auf die Umsetzung von Abstands- und sonstigen Regeln verwenden. Ihnen sei schnell klar gewesen, dass sie sich etwas einfallen lassen müssen, erzählt Margit Knauß. „Im Innenraum hätten wir den Abstand niemals einhalten können.“ Fraglich aus ihrer Sicht, ob in den abgespeckten Besen überhaupt Besucher gekommen wären. Wer in den Besen geht, der komme wegen der Gemütlichkeit: „Der würde sich vermutlich schwertun mit mundschutztragenden Kellnern und halbleeren Bänken“, so Horst Knauß.

Eigentlich sollte der "Sonna-Besa" in Strümpfelbach schon im März öffnen

Der angepeilte Besen-Start war Ende März. Im Weinberg wäre es noch ruhig gewesen. Durch die Verschiebung auf den 20. Mai laufe im Moment alles parallel, berichtet Horst Knauß: Im Weinberg sei die Blüte in vollem Gange, und die Mitarbeiter dünnen die Laubwände aus, damit genug Licht an die jungen Triebe gelangt. Im Weingut wurde ein Corona-Besen mit Hygienekonzept, Einbahn-Laufsystem, Erfassung von Besucherdaten, Desinfektionsspendern und Bodenmarkierungen konzipiert.

Aufkleber auf jedem Tisch zeigen an, wie viele Personen daran Platz nehmen dürfen. Beim WC-Gang muss gewartet werden, bis der Vorraum frei ist, damit sich die Wege nicht kreuzen. Wein holt man sich an der Theke – im Glas. Fasswein ist gestrichen, wegen der offenen Krüge. Die Speisekarte, die beim ursprünglich geplanten Termin noch deftiger ausgesehen hätte, ist sommerlich. Appetit darf man trotzdem mitbringen: Forellenbrötchen, Maultaschenburger, Flammkuchen, Käsewürfel und Oliven werden durch ein Fenster rausgegeben.

Chefin des Weinguts Knauß erklärt: Es gibt weniger warme Gerichte, um Warteschlangen zu vermeiden

Wichtig war, im Selbstbedienungsbereich lange Warteschlangen zu minimieren. „Wir machen weniger warme Gerichte, dafür Sachen, die schnell anzurichten sind und Geschirr sparen“, sagt Margit Knauß. Bis jetzt habe alles „super geklappt“. Die Besucher seien mit dem neuen Besen schnell warm geworden. „Sie freuen sich, dass sie sich wieder sehen können.“

Obwohl alles anders läuft: Dem traditionellen „Besa“, bei dem die Wirte in ihren Privaträumen Hauswein und einfache schwäbische Gerichte serviert haben, bleibe man trotzdem verpflichtet, wie Horst Knauß erläutert: „Die Gäste sitzen wie gewohnt im Privatbereich – statt im Wohnbereich eben in unserem Garten.“ Keinen Zweifel lässt das Ehepaar Knauß aber daran, wie es nach Corona weitergeht: „Sobald wir dürfen, wird es wieder innen weitergehen.“ Dann auch mit Fasswein aus Krügen.

Bei Regen bleibt der „Sonna-Besa“ geschlossen: wie passend. Der Name des Besens von Familie Knauß ist dank Corona unfreiwillig Programm geworden, weil sich die Gäste nicht mehr reinsetzen dürfen, sondern sich mit Weinglas und Teller im Garten und im Hof trollen. Der „Besa“-Besuch ist im Corona-Jahr also stark wetterabhängig – und auch, wo es oft eng zuging, heißt es jetzt: Abstand halten.

Abstand im Besen? Vor Corona wirkte diese Idee in etwa so kurios, wie auf ein Weinfest zu gehen

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