Weinstadt

Corona-Impfung ohne Priorisierung mit Astrazeneca und Biontech in Weinstadt: Kaum online, schon vergeben

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Lange warten auf den Impfstoff? Vielen schlägt das aufs Gemüt, wissen Hausärztin Dr. Vitzthum und die HNO-Ärzte Taxis (Mitte) und Gkotsis. © Benjamin Büttner

Einmal pro Woche, wenn die  Corona-Impftermine der HNO-Praxis Weinstadt online gehen, ist der Ansturm groß. Die Biontech- und Astrazeneca-Termine sind für jedermann buchbar, weil niedergelassene Ärzte nicht mehr priorisieren müssen. Wer einen Termin für die Folgewoche ergattern will, braucht viel Glück: Kaum verfügbar, sind die Impftermine schon vergriffen.

Für die Ärzte Delf-Hagen Taxis und Christos Gkotsis sowie ihre Nachbarin in Endersbach, Hausärztin Dr. med. Anne Gräfin Vitzthum von Eckstädt, die einen anderen Weg bei der Terminvergabe wählt, ist der Aufwand riesig.

Aber: Die Mediziner sind überzeugt, dass sich ihre Arbeit lohnt: „Wir sind der Motor der Impfkampagne“, sagt Dr. Vitzthum. Im Gespräch mit unserer Redaktion berichten die Ärzte von Überstunden am Wochenende, zäher Bürokratie, vom Frust der Patienten und der Kunst, eine zusätzliche Impfdosis aus dem Fläschchen zu ziehen.

Hausärztin Dr. Vitzthum hat einen Zwölf-Stunden-Tag hinter sich

Die Mittdreißiger Taxis und Gkotsis haben ihre HNO-Praxis in der Endersbacher Ortsmitte erst Anfang 2020 bezogen, Dr. Vitzthum („doppelt so alt“) behandelt ihre Patienten nebenan seit mehr als drei Jahrzehnten. Das Gespräch findet an einem Abend in der HNO-Praxis statt, Vitzthum hat einen Zwölf-Stunden-Tag hinter sich.

Sie sagt: „Die Belastung ist im Moment für alle niedergelassenen Ärzte deutlich höher. Covid mit allen seinen Schattierungen und die Impfkampagne belasten extrem.“ Und trotzdem impft sie fleißig mit – aus Überzeugung: „Der einzige Motor zur Erleichterung des Lebens sind die Impfungen. Wir haben so viele Hausärzte und Fachärzte, die mitmachen. Aber die Terminierung ist der Albtraum“, sagt die Ärztin.

HNO-Arzt Delf-Hagen Taxis: "Wir wissen nicht, wie viele Dosen wir verimpfen können"

Dr. Vitzthum sortiert ihre Patienten auf der 36-seitigen Impftermin-Warteliste noch händisch nach Dringlichkeit. Ihre jungen Nachbarn in der HNO-Praxis haben das Priorisieren rasch aufgegeben. Alles läuft jetzt online, einmal in der Woche werden die neuen Termine freigeschaltet.

Echte Planungssicherheit gibt es aber nicht: „Wir wissen Anfang der Woche nicht, wie viele Dosen wir nächste Woche verimpfen können“, sagt Delf-Hagen Taxis. „Für nächste Woche kann jeder Arzt zwölf Erstdosen Biontech bestellen. Beim letzten Mal waren es 24 und geliefert wurden 18. Man weiß nicht, was man bekommt. Und man kann erst wirklich die Sprechstunde aufmachen, wenn die Impfdosen zugesagt sind. Also drei oder vier Tage vor der Lieferung.“

„Meine Warteliste geht von hier bis Waiblingen“

Besonders ärgerlich wird es, wenn Zweitimpfungen in Gefahr geraten. Dr. Vitzthum, die bislang nur mit Biontech impft, berichtet: „Eine meiner Damen hat den ganzen Morgen telefoniert, um abzusagen und umzustellen, da wir heute erfahren haben, dass wir die zweite Dosis in sechs Wochen für die, die wir letzte Woche geimpft haben, nicht sicher zugesagt bekommen.“

Auch wenn sie glaubt, dass bald wieder ausreichend Stoff vorhanden sein wird: „Das geht gar nicht. Die Patienten fangen an, uns zu beschimpfen. Die werden ungeduldig. Meine Warteliste geht von hier bis Waiblingen.“

Wie Konzerttickets: Kaum sind die Termine online, sind sie vergriffen

Das Problem immerhin haben die HNO-Ärzte nicht. Hier gibt es keine Warteliste. Wer Glück hat, schlägt in der Sekunde zu, in der die Impftermine online gehen. Wer Pech hat, geht leer aus. Der Ansturm auf die Homepage der Praxis erinnert an den Verkauf limitierter Designer-Schuhe oder begehrter Konzerttickets – kaum verfügbar, sind die Termine schon vergriffen.

Bislang hatten Taxis und Gkotsis für die Prio-Gruppe 3 nur Biontech im Angebot, jetzt haben sie zusätzlich 200 Dosen des länger haltbaren Astrazeneca bestellt.

Wie auch Biontech wird die Astrazeneca-Marge bei den HNO-Ärzten in Zukunft ohne Priorisierung verfügbar sein, für jeden, der möchte. Ist der Termin gebucht, geht alles ganz schnell: Nur wenige Tage später hat der Impfling die Nadel im Arm.

Für die Ärzte ist der Piks der kleinste Teil der Arbeit

Für die Ärzte hingegen ist der Piks der kleinste Teil ihrer Arbeit. „Was die Patienten nicht sehen, ist das Bürokratie-Monster dahinter“, sagt Dr. Vitzthum. Das ist auch der Grund, warum sie bislang kein Astrazeneca verimpft hat – weil da die Aufklärung besonders viel Zeit raubt. Aber auch bei anderen Impfstoffen gelte: „Wir sollen für jeden Patienten sechs Seiten einscannen. Ich müsste dafür eigentlich noch eine Garage anmieten.“

Die Impfkampagne, sagt die erfahrene Endersbacher Ärztin, könnte noch besser laufen, wenn das „Bürokratie-Monster“ gebändigt würde.

Ein weiteres Problem: Zeit- und Personalmangel. Während die Impfzentren bestens ausgestattet sind und auch viel besser vergütet werden, geht die ein oder andere Arztpraxis aufgrund der hohen Belastung auf dem Zahnfleisch. Finanziell lohne sich der Aufwand nicht. „Wir machen das momentan nur, um schneller aus der Pandemie rauszukommen“, sagt Christos Gkotsis.

Die siebte Dosis Biontech? Der „Heilige Gral“ für den Arzt

Die zeitliche Belastung fängt schon beim äußerst aufwendigen Aufziehen der Spritzen an. Wer den Dreh einmal raushat, kann sieben anstatt der ursprünglich vorgesehenen sechs Dosen Impfstoff aus einem Biontech-Fläschchen ziehen. Dafür braucht es allerdings viel Geschick. Einen ganzen Nachmittag lang haben die HNO-Ärzte das Aufziehen mit Kochsalzlösung geübt.

„Als ich es zum ersten Mal geschafft habe, war das, als hätte ich den Heiligen Gral gefunden, ich war total aufgeregt“, sagt Delf-Hagen Taxis und lacht. Anfangs seien sogar nur fünf Dosen vorgesehen gewesen. Ärgerlich sei es, wie viele Impfdosen verschwendet worden seien beziehungsweise noch immer im Müll landeten. Denn mancherorts werden weiterhin nur sechs Dosen aus der Ampulle gezogen – mitunter aus rechtlichen Gründen.

Den ganzen Morgen damit beschäftigt, Spritzen aufzuziehen

Hausärztin Dr. Vitzthum berichtet: „Ich hatte letzte Woche 46 Dosen Biontech. Das war viel. Ich ziehe immer die siebte Dosis raus. Es ist diffizil, aber ich schaffe das. Ich bin um 6.30 Uhr in der Praxis, damit ich um 8.30 Uhr das aufgezogen habe, was ich morgens verimpfe.“

Um 48 Impfdosen zu injizieren, brauchen die Kollegen in der HNO-Praxis weitere zwei Stunden. Weil sich die Arztpraxen bei weitem nicht nur auf die Corona-Impfungen konzentrieren können, sondern nebenbei ihre Akutpatienten zu behandeln haben, fallen Überstunden am Abend und am Wochenende an.

Das sei den Arzthelferinnen auf lange Sicht verständlicherweise nicht zuzumuten, sagen die Ärzte. Sie werden deshalb beim Samstagsimpfen von Freunden und Familie aus medizinischen Berufen unterstützt.

Ärztin zuversichtlich: Im Juni wird viel Impfstoff von Biontech geliefert

Nach aktuellem Stand haben die Hausärzte im Rems-Murr-Kreis fast 40 000 Menschen die erste Corona-Schutzimpfung verabreicht. Der organisatorische Aufwand wird nicht geringer werden. Dr. Vitzthum ist sicher, dass es bald keinen Mangel mehr an Biontech-Impfstoff geben wird: „Ich glaube, dass ab Juni so viel kommt, dass wir alle Mühe haben werden, mit der Geschwindigkeit zu impfen.“

Neben den Patienten, die zornig werden, weil es mit dem Impftermin nicht klappt, hat sie auch die Erfahrung gemacht, dass die Menschen, die endlich ihre Impfung gegen das Virus erhalten, sehr dankbar dafür sind. Erst neulich sei eine Patientin mit einem Korb voll Selbstgebackenem zur Erstimpfung erschienen.

Einmal pro Woche, wenn die  Corona-Impftermine der HNO-Praxis Weinstadt online gehen, ist der Ansturm groß. Die Biontech- und Astrazeneca-Termine sind für jedermann buchbar, weil niedergelassene Ärzte nicht mehr priorisieren müssen. Wer einen Termin für die Folgewoche ergattern will, braucht viel Glück: Kaum verfügbar, sind die Impftermine schon vergriffen.

Für die Ärzte Delf-Hagen Taxis und Christos Gkotsis sowie ihre Nachbarin in Endersbach, Hausärztin Dr. med. Anne Gräfin Vitzthum

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