Weinstadt

Corona-Notbremse: Mode-Händler in Weinstadt zurück bei "Click & Collect"

Notbremse
„Click & Collect“: Kundin Claudia Hertle nimmt von Hainka-Mitarbeiterin Heike Welte ihre Mode-Bestellung entgegen. © Alexandra Palmizi

Wer eine Notbremse betätigt, löst damit in aller Regel eine Vollbremsung aus, die rasch zum Stillstand führt. Für die jetzt in Kraft getretenen Corona-Regeln, die ja gerne als Notbremse bezeichnet werden, gilt diese Definition nicht. Im Weinstädter Einzelhandel werden sie einmal mehr als ungerecht empfunden, weil sie nicht alle betreffen – und dafür mitunter seltsame Blüten treiben. Unsere Redaktion hat sich am Dienstagmorgen in der Endersbacher Ortsmitte umgehört.

Deko-Shop verkauft nur Blumen, Parfümerie hat regulär geöffnet

Ein Beispiel: Tania Venturas Geschäft „Zuckerkerndel“ in Endersbach. Das Geschäft ist kaum größer als 15 Quadratmeter, doch sämtliche Regale mit Tassen, Figuren, Büchlein und anderen kleinen Freuden sind mit Absperrband umwickelt. Nur die paar Blumen in ihrem Sortiment darf die Inhaberin noch an Laufkundschaft verkaufen. Für den Rest müsste sie theoretisch Termine zur Abholung vereinbaren. Dass in dem Laden ohnehin kaum zwei Kunden gleichzeitig Platz haben – geschenkt.

Sie habe mit der Handelskammer telefoniert und das Vorgehen so abgeklärt: „Ich will wirklich nichts falsch machen und hatte Angst vor Ärger“, sagt Tania Ventura. Nach Ostern, wenn die Blumen weg sind, wird sie vorerst wieder schließen. Ihr Laden sei so klein und so kleinteilig, da könne sie schlecht einen Onlinehandel aufmachen, sagt sie. Wer aber im Schaufenster was entdecke, dürfe sich melden und einen Abhol- oder Liefertermin ausmachen.

Nur zehn Schritte weiter in derselben Straße befindet sich der Eingang zur Parfümerie Greis. Das Ladengeschäft hat ganz normal geöffnet. Beim letzten Lockdown hatte die Parfümerie noch geschlossen gehabt. Auf Anfrage in der Zentrale der Kette heißt es: Das Sortiment decke den täglichen Bedarf der Menschen nach Rasierschaum, Duschgel, Seife und mehr. Die Öffnung in Endersbach sei mit dem Ordnungsamt abgeklärt und durch die neueste Corona-Verordnung gestützt.

Warum eine Blumenladenbesitzerin dem „Mack“-Chef so dankbar ist

Neben Drogerien führen unter anderem Supermärkte, Bau- und Gartenmärkte, Bäckereien und Tankstellen „Produkte des täglichen Bedarfs“ und dürfen offen bleiben. Ebenfalls nicht ausgebremst von der „Notbremse“ werden die Blumenläden.

Das wäre für Tanja Kretzschmar, Inhaberin von „Flowerpower“ in der Strümpfelbacher Straße, auch ein Desaster gewesen, so kurz vor Ostern. Ihr Blumengeschäft befindet sich gegenüber dem Remstalmarkt Mack. Dessen Inhaber Rocco Capurso ist die Selbstständige unendlich dankbar: Der Supermarktbesitzer hat während der Schließzeit ihre Ware in sein Sortiment aufgenommen, selbst nichts daran verdient und so die Umsatzeinbrüche von Tanja Kretzschmar an Weihnachten und zum Valentinstag wenigstens abgefedert. Seit vier Wochen hat sie wieder geöffnet, immer beide Türen zeitgleich, für den Durchzug.

Manche warten auf den „harten Lockdown“, für andere gilt er schon

Wie lange noch? „Ich rechne nach Ostern mit einem harten Lockdown“, sagt Tanja Kretzschmar und bindet einen Strauß Blumen. Die Ungewissheit, das Hin und Her, die finanzielle Belastung, nachdem sie alles in den Laden gesteckt hat, sagt sie: „Das schlägt alles sehr, sehr aufs Gemüt.“ Das Ostergeschäft nimmt Tanja Kretzschmar mit, Gott sei Dank, doch schon heute bangt sie um den Muttertag im Mai.

Wo die Notbremse wirklich eine Notbremse ist, auch in Weinstadt? Bei den Betrieben „zur Erbringung körpernaher Dienstleistungen“. Kosmetik-, Nagel-, Massage-, Tattoo- und Piercingstudios sowie kosmetische Fußpflegeeinrichtungen müssen (schon wieder) geschlossen bleiben.

„Total ungerecht“ findet eine Kundin den Umgang mit Mode-Geschäften

Immerhin noch die Möglichkeit „Click & Collect“ anzubieten, haben die Modegeschäfte in der Einkaufsstraße. Wobei sich alle, mit denen man darüber spricht, einig sind, dass das Infektionsrisiko durch die „Click & Meet“-Regelung schon auf ein Minimum begrenzt war. Claudia Hertle, die an diesem Vormittag am Modehaus Hainka eine Tüte mit neuen Klamotten abholt (darunter ein Kleid, das sie in einer Online-Modenschau von Hainka entdeckt hat), findet es jedenfalls „total ungerecht“, wie mit den kleinen Einzelhändlern umgesprungen wird.

Modehaus-Besitzerin Jeanette Schneider: "Kein richtiger Lockdown"

Inhaberin Jeanette Schneider vom Modehaus Hainka kann da nur zustimmen: „Das ist für mich kein richtiger Lockdown. Dann sollen sie lieber mal für zehn Tage alles zumachen, da wäre uns mehr geholfen.“

Die Unternehmerin will aber auf keinen Fall „jammern“, wie sie sagt, sondern zunächst einmal das Beste aus ihrer Situation machen. Für mehr Schnelltests haben sich die Einzelhändler ja bereits eingesetzt. Fürs Geschäft macht sich Kreativität bezahlt: Über Facebook und Instagram läuft der Verkauf laut Jeanette Schneider verhältnismäßig gut. Und zur Not würden die Kundinnen eben virtuell durch den Laden geführt.

Wer eine Notbremse betätigt, löst damit in aller Regel eine Vollbremsung aus, die rasch zum Stillstand führt. Für die jetzt in Kraft getretenen Corona-Regeln, die ja gerne als Notbremse bezeichnet werden, gilt diese Definition nicht. Im Weinstädter Einzelhandel werden sie einmal mehr als ungerecht empfunden, weil sie nicht alle betreffen – und dafür mitunter seltsame Blüten treiben. Unsere Redaktion hat sich am Dienstagmorgen in der Endersbacher Ortsmitte umgehört.

Deko-Shop verkauft

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