Weinstadt

Der Neckar-Käpt’n kommt aus Strümpfelbach

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Susanne Thie (59) und Wolfgang Thie (61) arbeiten sieben Tage die Woche zusammen – für beide in der Hauptsaison völlig normal. „Das machen wir mit Herzblut.“ Unser Foto ist auf dem Büroschiff der Thies entstanden, das den Namen „Bad Cannstatt“ trägt. © Ralph Steinemann Pressefoto
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Die Thies sind seit 33 Jahren verheiratet. Ihr Rezept für eine gute Ehe: Vertrauen. Im Hintergrund befindet sich übrigens die MS Wilhelma, das 1962 erbaute Flaggschiff des Paars. © Ralph Steinemann Pressefoto

Weinstadt-Strümpfelbach/Stuttgart. Schon als Kind stand Wolfgang Thie hinterm Steuer – und seine Frau Susanne fuhr einst mit dem Schiff zur Arbeit. Kurz und gut: Die Thies, beide gebürtige Hamburger, kennen sich auf Wasser aus. 1997 haben sie sich in Strümpfelbach niedergelassen und in Stuttgart die Schifffahrtsfirma von Berta Epple übernommen – heute besser bekannt als Neckar-Käpt’n.

„Wir sind sieben Tage die Woche da“, sagt Susanne Thie und lächelt. Es ist Dienstag, offizieller Ruhetag, an dem keines ihrer Neckar-Käpt’n-Schiffe zu einer Tour aufbricht – und trotzdem ist die 59-Jährige mit ihrem Mann Wolfgang vor Ort, hier an ihrer Anlegestelle bei der Wilhelma. Auf der Bad Cannstatt, ihrem Versorgungsschiff und Büro, gibt es schließlich immer was zu tun. Da werden dann die Touren geplant, etwa mit der MS Wilhelma, dem Flaggschiff der Thies, oder ihrem Stuttgarter Partyfloß. „Ab Weihnachten ist es ruhiger – da hat man dann ein normales Wochenende“, sagt Susanne Thie. An dieses Arbeitspensum hat sich das Paar längst gewöhnt. Sie kennen es nicht anders. „Das machen wir mit Herzblut.“ Und die ein oder andere Entbehrung gehört zum Leben von Seeleuten eben dazu.

Keine Liebschaften am Hafen und keinen Blödsinn zu Hause

Ihr Mann Wolfgang Thie war schließlich in jungen Jahren monatelang auf hoher See unterwegs, zu Zeiten, als es weder Internet noch Handys gab. Wenn ihn Susanne Thie sprechen wollte, so konnte sie dies höchstens über den Küstenfunk – aber da hätte dann auch jeder mitgehört. „Es ist bloß 30, 35 Jahre her – aber es war alles ganz anders als heute“, sagt Susanne Thie. Sechs Monate auf den Weltmeeren unterwegs, dann ein paar Wochen zu Hause, dann wieder sechs Monate nonstop auf dem Schiff – das muss eine Partnerschaft erst mal aushalten. Vertrauen, sagt Susanne Thie, sei letztlich der Schlüssel, warum ihre Ehe seit mittlerweile 33 Jahren hält. „Er hatte keine Liebschaften am Hafen und ich habe keinen Blödsinn zu Hause gemacht.“

In Hamburg kennengelernt

Kennengelernt haben sich Wolfgang und Susanne Thie in ihrer gemeinsamen Heimatstadt Hamburg. In einem Tanzlokal war das, sie war 15, er zwei Jahre älter. „Er wollte mich gleich heiraten“, sagt Susanne Thie. Ihre Eltern, erzählt die Hanseatin, hätten das allerdings nicht gut gefunden. Also machte sie erst mal ihre Ausbildung als Chemielaborantin fertig und fing danach bei Blohm und Voss an, einer deutschen Werft mit Hauptsitz in Hamburg. Dort leitete sie das Labor in der Werkstoffprüfung. Und wenn sie morgens zur Arbeit wollte, fuhr sie nicht mit dem Auto oder Rad, sondern mit dem Schiff. „Ich war schon immer schifffahrtsaffin.“

Nach dem Abitur auf die hohe See

Wolfgang Thie lenkte bereits als Kind ein Schiff. „Ich war schon mit acht Jahren am Steuer“, sagt er, durchaus mit Stolz in der Stimme. Väter- und mütterlicherseits waren die Männer in seiner Familie fast durchgängig als Binnenschiffer auf Flüssen unterwegs. Wolfgang Thie zog es dann nach dem Abitur erst mal ganz woanders hin, nämlich auf die hohe See. Zugute, erzählt der 61-Jährige, kam ihm freilich seine Erfahrung aus der Binnenschifffahrt, so dass er auf manche derben Scherze der Schiffsmannschaft für die Neulinge erst gar nicht hereinfiel. Andere dagegen liefen auf der Suche nach dem sogenannten Kielschwein, das angeblich gefüttert werden muss, mit einem Kübel übers ganze Schiff – dabei ist das Kielschwein kein Tier, sondern ein bestimmter Teil des Schiffs.

An Bord immer in Uniform

Wenn die Thies an Bord sind, dann tragen sie laut eigenem Bekunden stets ihre Dienstkleidung. Susanne Thie hat eine Uniform mit einem geflügelten Merkurstab auf den Schultern, der von zwei Schlangen umwunden wird. Das steht für den sogenannten Zahlmeister, der sich unter anderem ums Kaufmännische, den Proviant und das Personal kümmert. Wolfgang Thie trägt bei den Fahrten seine Kapitänsuniform, die Fachkundige an den vier Streifen auf seinen Schultern erkennen. Und natürlich hat er seine Kapitänsmütze auf. „Das soll den Menschen auch Sicherheit geben – da können Sie nicht lumpig aussehen.“ Außerdem, sagt Wolfgang Thie und lacht, wirke man durch die Mütze auch größer.

Nach 20 Jahren in Schwaben heimisch geworden

Dass ein Kapitän ein standesgemäßes Verhalten an den Tag legen sollte, ist Wolfgang Thie sehr wichtig. Als er erfuhr, dass Francesco Schettino, der verantwortliche Schiffsführer des Unglücks um das Kreuzfahrtschiff Costa Concordia, das Schiff vorzeitig verließ, ärgerte ihn das sehr. 32 Menschen verloren damals im Jahr 2012 ihr Leben. „So was geht nicht. Da haben wir von Anfang an gesagt: Der muss in den Knast.“

Nach mittlerweile 20 Jahren im Schwabenland fühlen sich die Thies längst heimisch und haben nicht vor, noch mal woanders neu anzufangen. Manchmal fragen sie sich allerdings, was geworden wäre, wenn sie weiter in Holland geblieben wären, wo Wolfgang Thie lange gearbeitet hat – und wo das Ehepaar auch gute Freunde fand. Oder was passiert wäre, wenn Wolfgang Thie vor vielen Jahren das Angebot wahrgenommen hätte, mit der Familie nach Kuala Lumpur zu gehen. Aber eigentlich, sagt Susanne Thie, geht ihr hier im Schwabenland nicht wirklich etwas ab – „auch wenn ich manchmal den Wind und mehr Wasser vermisse.“


Viel Herzlichkeit in Strümpfelbach erlebt

„So schön wie in Strümpfelbach mit so offenen Armen sind wir noch nirgends aufgenommen worden“, sagt Susanne Thie. Sie und ihr Mann haben die Leute als sehr aufgeschlossen erlebt. Wolfgang Thie mutmaßt, dass dies vielleicht auch mit den vielen Auswanderern zusammenhängt, die es in Strümpfelbacher Familien gibt – zum Beispiel bei den Idlers.

Freilich haben auch die Thies ihren Beitrag geleistet, um als Nordlichter in der neuen Heimat anzukommen. Als Susanne Thie mit ihrem Mann sowie den beiden Kindern Vianney und Danny 1997 vom niederländischen Den Haag nach Strümpfelbach zog, trat sie recht bald in den Chor der evangelischen Kirchengemeinde ein – und dort singt die 59-Jährige heute noch.

Vier Jahre später wurde Susanne Thie in den Kirchengemeinderat der evangelischen Gemeinde Strümpfelbach gewählt, in dem sie insgesamt zwölf Jahre saß. Aufgehört hat sie dann, weil die Arbeit im Betrieb mehr wurde. Dafür spielt die 59-Jährige mittlerweile Trompete im Posaunenchor. „Wir sind hier jetzt verwurzelt.“