Weinstadt

Drohbriefe: Hobby-Sheriff will Weinstädter Nachbarn im Namen der „Letzten Generation“ Angst einjagen

KOL 1012K...   Sicherheit fuer Haus und Hof  2010
Wer verschickt hier Drohbriefe an seine Nachbarn? © Zuern

In Weinstadt verteilt neuerdings ein selbst ernannter Hilfssheriff Drohbriefe - und bezeichnet sich dabei selbst als „Letzte Generation Ortsgruppe Weinstadt“. Mindestens zwei Personen haben es sich wohl mit dem unbekannten Hobby-Gesetzeshüter verscherzt.

Aufregung über LED-Weihnachtsbeleuchtung

Die echten Klimaaktivisten distanzieren sich von dem Briefschreiber und stellen klar: Diese Ortsgruppe gibt es nicht. Und auch der Inhalt der Briefe entspreche so gar nicht dem Vorgehen ihrer Gruppe.

Die Vorfälle sind kurios: Ein Mann aus Weinstadt schmückt seinen Baum mit einer LED-Lichterkette und findet kurz darauf folgendes Schreiben im Briefkasten: „Guten Tag! Alle müssen Energie einsparen!!“, schreibt der Unbekannte. „Anscheinend Sie nicht auf Kosten der Vermieter und Mieter in diesem Haus.“ (Rechtschreibfehler sind so im Original enthalten). Die Weihnachtsbeleuchtung geht dem Absender offensichtlich gegen den Strich. Er oder sie schlägt ganz unverbindlich vor, die Beleuchtungszeit auf 18 bis 20 Uhr zu begrenzen.

Der Drohbrief schürt den Ärger über die Klimaaktivisten

Doch damit nicht genug: Im weiteren Verlauf wird es richtig gruselig. „Wir werden das Grundstück weiter beobachten“, steht da. Und: „Auch das Abstellen von Mülltonnen auf unbefestigtem Untergrund ist zu unterlassen.“ Gezeichnet: „Die Letzte Generation Ortsgruppe Weinstadt.“

Der Mann aus Weinstadt ist perplex, er macht seinem Ärger in der Weinstadt-Gruppe auf der Internetplattform Facebook Luft: „Liebe Letzte Generation, was ist los mit euch?“ Das Thema polarisiert stark, die Kommentarspalte füllt sich schnell, es wird viel auf die Klimaaktivisten geschimpft. Viele trauen der Gruppierung die Aktion offensichtlich zu: Ist die Letzte Generation wegen ihrer Blockaden auf Straßen und Flughäfen und Anschlägen auf Kunstwerke doch durchaus umstritten.

Die "Ortsgruppe Weinstadt" gibt es nicht

Doch spätestens der Satz mit den Mülltonnen muss den Leser eigentlich stutzig machen: Denn seit wann interessiert sich die Letzte Generation für falsch abgestellte Mülltonnen? Das klingt eigentlich eher nach einem Streit unter Nachbarn.

Wir fragen kurzerhand bei der Pressestelle der Klimaaktivisten nach, was sie von dem Schreiben halten - und bekommen auch sofort eine Antwort. „Von jemandem der letzten Generation kommt er in jedem Falle nicht“, schreibt Lilly Schubert, eine Sprecherin der Organisation. „Es gibt erstens keine „Ortsgruppe“ in Weinstadt (die nächste Gruppe an Menschen ist in Stuttgart). Außerdem haben wir bestimmt Werte, an die sich alle Unterstützer/-innen der letzten Generation halten, dazu zählt die absolute Gewaltfreiheit, die mit dieser „Drohbotschaft“ ja absolut nicht eingehalten wird.“

Mülltonnen und LED-Lichterketten interessieren die "Letzte Generation" nicht

Diese Werte seien auch auf der Website nachzulesen und bestimmen demnach das gesamte Handeln der Aktivisten und würden regelmäßig intern behandelt. „Der Zettel sieht, wie Sie auch schon sagten, stark danach aus, als würde es sich um einen verärgerten Nachbarn oder Ähnliches handeln“, so Schubert.

Der Absender regt sich über LED-Lichterketten und einzelne Mülltonnen auf - das widerspreche grundlegend dem Ziel der "Letzten Generation", die Verantwortung für die Klimakatastrophe nicht auf die Individuen abzuwälzen: „Sondern die Regierung an ihre Pflicht zu erinnern, durch politische Maßnahmen Rahmenbedingungen zu schaffen, die den CO2-Ausstoß massiv reduzieren würden und so unsere Zukunft und unser Leben schützen.“

Zweiter Brief in Weinstadt: Noch persönlicher, noch bedrohlicher

Es sei natürlich leicht, den Namen „Letzte Generation“ einfach zu nutzen: „Dass wir auf viel Gegenwind für unseren Widerstand stoßen, ist ja kein Geheimnis.“ Aber steckt vielleicht doch mehr hinter der anonymen Post als nur ein verärgerter Mitbürger? Wenige Tage nach dem ersten Vorfall und unserer Anfrage postet eine weitere Person einen weiteren Brief in der Facebook-Gruppe. Der Brief spricht die Empfängerin dieses Mal sogar mit Namen an.

Der Inhalt ist sogar noch kurioser: „Hiermit weisen wir Sie nochmals darauf hin das der Gegenüberliegende Rosengarten keine Hundetoilette für Ihren Hund und den Ihrer Angehörigen ist“, ist in dem Schreiben zu lesen (auch hier wurde die Schreibweise aus dem Original übernommen). Die Frau habe das künftig zu unterlassen. Und dann folgt direkt die Drohung: „Wir werden dies offen und verdeckt von unseren Mitgliedern kontrollieren ob Sie die Vereinbarung einhalten.“ Es folgt die gleiche Signatur wie beim ersten Brief - mit leicht abgewandelter Schreibweise.

Im Namen der „Letzten Generation“ den Nachbarn Angst einjagen

Mit Klimaschutz oder den Idealen der echten „Letzten Generation“ hat dieser Brief nun gar nichts mehr zu tun. Und mit Blick auf den Schreibstil kann man sich außerdem die Frage stellen, ob es sich überhaupt um den gleichen Autor handelt – oder ob sich hier gerade ein neuer Trend entwickelt, seinen Nachbarn ein bisschen Angst einzujagen und die eigene Unverschämtheit den sowieso unbeliebten Klimaaktivisten in die Schuhe zu schieben.

Noch etwas anderes deutet darauf hin: Wie die „Letzte Generation“ mitgeteilt hat, hat eine Familie in Delmenhorst (Niedersachsen) in den vergangenen Tagen ebenfalls einen Drohbrief erhalten, ebenfalls gezeichnet im Namen der "Letzten Generation". „Natürlich stammt der Drohbrief nicht von der Letzten Generation“, stellt die Pressesprecherin klar.

„Wir sind absolut gewaltfrei in unserem Verhalten und in unserer Sprache. Wir treten ruhig und respektvoll, aber entschlossen und standfest auf. Wir vermeiden Schuldzuweisungen und Beleidigungen und führen Menschen nicht vor.“ Teil der Werte der Aktivisten sei es auch, nie anonym aufzutreten, sondern immer mit Namen und Gesicht zum Widerstand aufzurufen.

In Weinstadt verteilt neuerdings ein selbst ernannter Hilfssheriff Drohbriefe - und bezeichnet sich dabei selbst als „Letzte Generation Ortsgruppe Weinstadt“. Mindestens zwei Personen haben es sich wohl mit dem unbekannten Hobby-Gesetzeshüter verscherzt.

Aufregung über LED-Weihnachtsbeleuchtung

Die echten Klimaaktivisten distanzieren sich von dem Briefschreiber und stellen klar: Diese Ortsgruppe gibt es nicht. Und auch der Inhalt der Briefe entspreche so gar nicht dem

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