Weinstadt

Gastronomie in Weinstadt nach fast drei Wochen Lockdown: Zwischen Euphorie und großem Frust

Krone
Antonija Zoller von der Krone in Schnait bei der Burger-Produktion. Die Verpackung: Karton statt Plastik. © Alexandra Palmizi

Die Auswahl ist riesig: Für fast jeden Geschmack und in fast allen Preisklassen wird in Weinstadt derzeit Essen ausgeliefert oder zum Abholen angeboten. Den Gastronomen bleibt, weil sie wegen der Corona-Maßnahmen ihre Gaststuben schließen mussten, nicht viel anderes übrig. Doch wie geht’s ihnen dabei? Während der erste Wirt sich nach fast drei Wochen Gastro-Lockdown geknickt in die Winterpause verabschiedet, herrscht andernorts sogar Euphorie.

Antonija Zollers Laune ist blendend. „Wozu brauchst du so viele Kartoffeln?“, habe Manfred Felger vom Hofladen in Endersbach sie gefragt, berichtet die Wirtin der Krone in Schnait. Ganz überrascht sei der Gemüsehändler gewesen über die Mengen, die sie ihm vergangene Woche abkaufen wollte, mitten im Gastro-Lockdown. „Wir machen unsere Kartoffel-Wedges selbst“, erklärte ihm Antonija Zoller. Sie meint die pommesähnliche Beilage für die Burger, die an den ersten beiden Wochenenden nach der Schließung ein Mega-Erfolg waren. Annähernd 300 Stück an zwei Tagen hat die 33-Jährige mit ihrem Team nach eigener Aussage jeweils verkauft. Die Zutaten seien regional, die Brötchen selbst gebacken. „Bei mir herrscht dieses Mal keine Kurzarbeit, alle sind am Arbeiten“, sagt die Wirtin stolz.

Kronenwirtin Antonija Zoller: Auch Erzeuger sind auf Wirte angewiesen

Antonija Zoller, eine Kroatin, die vor neun Jahren als Tellerwäscherin in Stuttgart angefangen hat, dann im Korber Schützenhaus kochte und seit sieben Jahren das Restaurant Krone in Schnait betreibt, hat ihren Betrieb für den zweiten Lockdown komplett umgekrempelt. Von Mittwoch bis Sonntag verkauft sie vor Ort nicht nur warme Gerichte, sie hat auch einen kleinen Verkaufskühlschrank aufgestellt, in dem ihre Kunden selbst gemachte Knödel mit Rotkohl, Spätzle, Rinderrouladen, Salatsoßen, Maultaschen und mehr im Glas kaufen können. „Mein Betrieb ist sehr eng an lokale Produzenten gebunden – ich habe insgesamt vielleicht zehn Zulieferer, die meisten kommen aus Schnait, Beutelsbach, Endersbach“, sagt die Wirtin, die nebenbei noch Ernährungswissenschaften an der Uni Hohenheim studiert.

Diese Zulieferer seien ebenso auf Einnahmen angewiesen wie sie selbst. „Ein Bauer hat mich vor dem Lockdown gefragt: Brauchst du jetzt nichts mehr von mir? Ich habe ihm gesagt: Ich möchte deinen Rotkohl und deinen Lauch weiterhin kaufen. Auf dem Großmarkt würde er viel weniger Geld bekommen.“ Antonija Zoller ist nach den ersten Wochen seit der Schließung voller Zuversicht, den Winter gut zu überstehen.

„Gretle“-Wirt schließt jetzt doch – nicht nur wegen Corona

Eine ähnliche Frohnatur wie seine Schnaiter Kollegin ist normalerweise der Strümpfelbacher Gretle-Wirt Markus Ritter. Vor der Zwangsschließung hatte sich der 32-Jährige von den neuerlichen Maßnahmen enttäuscht, aber dennoch kämpferisch gegeben. Jetzt klingt er resigniert. Auch weil die Strümpfelbacher Ortsdurchfahrt von kommenden Montag an für zwei Wochen gesperrt sein wird, bleibt die Küche nach dem kommenden Wochenende laut Markus Ritter erst einmal kalt. „Es herrscht nicht mehr so ein Hype wie im März“, sagt der Gastronom, „das alles ist nicht mehr neu und spannend, es gibt ein Überangebot.“ Dass er in diesem Jahr noch einmal öffnet, glaubt er nicht: „Wir werden die Zeit nutzen, um ein bisschen zu renovieren.“

Dass die Kunden bei weitem nicht mehr so heiß auf Lieferungen oder Abhol-Gerichte sind, kann auch Nina Kiesel vom Adler in Baach bestätigen: „Die Leute bestellen schon noch, aber nicht so wie im Frühjahr. Die Stimmung ist insgesamt nicht mehr so gemeinschaftlich. Im Frühjahr haben wir unseren Kundenkreis total erweitert, es waren viele Jüngere dabei. Jetzt kommt eher wieder die Stammkundschaft – über die wir uns natürlich auch freuen.“ Und der Wünsche erfüllt werden, wie etwa den, einen Gänsebraten anzubieten. Dennoch hat das Gasthaus seine Öffnungszeiten verkürzt: „Unter der Woche kochen wir nur noch mittags“, sagt Nina Kiesel, „am Wochenende ein bisschen länger.“ Das Personal sei eh in Kurzarbeit, die Nachfrage wäre aber auch gar nicht groß genug, um die Gerichte bis in den Abend hinein anzubieten.

Ärger bei Uwe Schmid: „Und dann fahre ich am Baumarkt vorbei ...“

Einer, der in Beutelsbach gleich zwei Gaststuben mit mehr als 25 festen Angestellten betreibt, ist der Gastronom Uwe Schmid. Auf die aktuelle Lage angesprochen, ist er kaum zu bremsen: „Der Löwen und das Incontro sind Betriebe, die ein außergewöhnlich gutes Geschäft haben in der Nicht-Corona-Zeit: Catering, Partyservice, Feste – uns trifft es umso stärker. Außerdem läuft es beim Lieferservice um einiges schlechter als im März. Unser Problem ist: Wir können nicht mal in die Werbung gehen, weil wir voll in der Luft hängen. Es ist bis heute nicht klar, wie es im Dezember weitergeht. Für mich ist das nicht nachzuvollziehen, wie man mit der Gastro umgeht ... Wir werden von der Politik im Stich gelassen!“, schimpft der Restaurantchef.

Er habe Wärmepilze beschafft, um seine Gäste im Freien zu bewirten, drinnen umgebaut, Trennscheiben besorgt, viel investiert – alles für die Katz. Hochzeiten, Geburtstage, Taufen, alles sei storniert. „Und dann fahre ich am Baumarkt vorbei und sehe: alle Parkplätze belegt“, berichtet Uwe Schmid. Er holt tief Luft: „Es war natürlich auch eine Frechheit von den Betrieben, die sich nicht an die Regeln gehalten haben. Ich habe solche Betriebe selbst erlebt. Das kann ich nicht nachvollziehen.“ Aber insgesamt habe die Speisegastronomie die Hygienevorschriften zum Schutz von Belegschaft und Gästen gut umgesetzt. Damit, seine Gaststuben in diesem Jahr wieder öffnen zu dürfen, rechnet Uwe Schmid aber nicht.

Mit Kreativität durch die Krise: Das „Maultaschen-Abo“

Besonders viele ihrer Kollegen scheint die Schnaiterin Antonija Zoller, die sich bereits auf den nächsten Burgerverkauf am Freitag freut, mit ihrem Optimismus noch nicht angesteckt zu haben. Das ändert freilich nichts an ihrer Zufriedenheit damit, wie ihr Geschäft bislang läuft: „Wir machen an zwei Tagen den Wochenumsatz, den wir brauchen, um zu überleben“, sagt sie. Mit den Burgern sei aber noch lange nicht das Ende der Fahnenstange erreicht. Was sie seit neuestem auch anbietet: ein „Maultaschen-Abo“. Wer es bucht, bekommt die schwäbische Spezialität vier Wochen lang jeden Donnerstagabend in unterschiedlichen Variationen frei Haus geliefert.

Diese sei nicht die erste schwere Phase, die sie durchmachen müsse, erzählt die 33-Jährige. Als sie die Krone vor sieben Jahren übernommen habe, sei das Geschäft sehr schleppend angelaufen. „Da bin ich nebenher noch Putzen gewesen.“

Die Auswahl ist riesig: Für fast jeden Geschmack und in fast allen Preisklassen wird in Weinstadt derzeit Essen ausgeliefert oder zum Abholen angeboten. Den Gastronomen bleibt, weil sie wegen der Corona-Maßnahmen ihre Gaststuben schließen mussten, nicht viel anderes übrig. Doch wie geht’s ihnen dabei? Während der erste Wirt sich nach fast drei Wochen Gastro-Lockdown geknickt in die Winterpause verabschiedet, herrscht andernorts sogar Euphorie.

Antonija Zollers Laune ist blendend.

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