Weinstadt

Gaststätten vor der Corona-Schließung: Weinstädter Wirt Markus Ritter ist sauer - auch OB Michael Scharmann kritisiert Maßnahmen

Gasthaus zum Gretle
„Gretle“-Wirt Markus Ritter hat sich mit dem Gasthaus in Strümpfelbach einen Kindheitstraum erfüllt. Wie viele andere Gastronomen richtet er jetzt wieder einen Liefer- und Abholservice ein, denn die Gaststube bleibt vorerst geschlossen. © ALEXANDRA PALMIZI

Die Corona-Pandemie hat erneut Fahrt aufgenommen, von Montag an wird das öffentliche Leben in Deutschland wieder stark eingeschränkt. Besonders hart trifft das die Gastronomen, die bereits zum zweiten Mal in diesem Jahr ihre Gaststuben schließen müssen. Dieser Schritt wird von vielen scharf kritisiert, auch der Weinstädter Oberbürgermeister Michael Scharmann hat sich jetzt dazu geäußert. Markus Ritter (31), der Wirt des Gasthauses „Zum Gretle“ in Strümpfelbach, gibt Einblicke in sein Gefühlsleben zwischen Sorge, Wut und Mut und spricht dabei für viele seiner Kollegen: „Bei uns liegen die Nerven blank.“

Mit dem Gasthaus "Zum Gretle" hat sich Markus Ritter einen Kindheitstraum erfüllt. Der Weinstädter ist gelernter Restaurantfachmann, hat nach seiner Ausbildung im SI-Zentrum acht Jahre lang in Österreich den Einkauf für zwei Hotels verantwortet, zwischendurch immer wieder in der Alten Kanzlei, einem Stuttgarter Traditionsrestaurant, geschafft, und schließlich nach einer Auszeit auf dem Jakobsweg die Gelegenheit beim Schopf gepackt, als das altehrwürdige „Gretle“ an der Strümpfelbacher Ortsdurchfahrt leerstand.

Ein Ende der Krise ist nicht absehbar

Gemeinsam mit seinem Vater ist er seit Februar dieses Jahres Geschäftsführer des Restaurants, in dem er auf schwäbische Küche mit regionalen Zutaten setzt. Der 31-Jährige ist eine echte Frohnatur: Er lacht viel, quatscht gern, strahlt immer gute Laune aus. Doch er hat ein hartes halbes Jahr hinter sich, ein Ende der Krise ist nicht absehbar – und Markus Ritter ist sauer.

„Wahnsinnig viel Geld“ für Schutzmaßnahmen ausgegeben

„Beim ersten Lockdown wusste niemand, wo das hinführt mit dem Virus, das war sicherlich alles legitim, wir haben uns da durchgekämpft“, sagt der Gastronom. Doch dafür, dass er jetzt zum zweiten Mal schließen muss, kann Markus Ritter nur schwer Verständnis aufbringen. „Wahnsinnig viel Geld“ habe er für Infektionsschutzmaßnahmen ausgegeben, beispielsweise für Plexiglasscheiben und Desinfektionsmittel. Im Obergeschoss sei ein Raum mit Lüftungsanlage komplett neu eingerichtet worden.  Hier sollten festliche Menüs für bis zu 16 Personen angeboten werden, abgeschottet von den anderen Gästen.

„Wir wollten den Leuten die Sicherheit geben, dass sie nicht mittendrin sitzen mit ihrer kleinen Familienfeier.“ Den Raum hat Markus Ritter jetzt wieder leergeräumt. „Ich habe die Firma erst im Februar gegründet, wir sind gleich voll reingeschlittert“, berichtet der Gastronom. „Wir haben das Beste draus gemacht, immer zu 200 Prozent. Unsere Zettel zur Kontaktnachverfolgung werden ausgefüllt, wir desinfizieren jede halbe Stunde unsere Türklinken und die Toiletten, ständig werden die Mitarbeiter geschult ... Das Hygienekonzept steht. Bei unseren Kollegen auch. Es ist kein Wirt daran interessiert, dass er zum Hotspot wird für dieses Virus.“

Und jetzt müssten sie trotzdem alle wieder dichtmachen, obwohl sich nur zwei Prozent der Corona-Positiven nachweislich in der Gastronomie angesteckt hätten.

Auch  in der Kommunalpolitik werden Stimmen laut

Mit seiner Kritik ist Markus Ritter bei weitem nicht alleine. Nicht nur seine Kollegen, viele Gäste oder der Hotel- und Gaststättenverband Dehoga schimpfen über den „Lockdown light“, auch in der Kommunalpolitik werden Stimmen laut.

Der Weinstädter Oberbürgermeister Michael Scharmann hat einen Appell von mehr als 30 Rathauschefs an Ministerpräsident Winfried Kretschmann unterzeichnet, die den Sinn der neuen Maßnahmen anzweifeln.

Scharmann: Sich auch im privaten Umfeld an die Regeln halten

Auf seiner Facebookseite schreibt Scharmann: „Es ist sehr wichtig, dass alle gemeinsam gegen diese Pandemie ankämpfen und sich an die Regeln – gerade auch im privaten Umfeld – halten, denn nur so haben wir die Chance, die Verbreitung des Virus einzudämmen. Unverständnis habe ich jedoch für all die gravierenden Einschnitte in Bereiche, die gerade in den letzten Monaten durch funktionierende Hygienekonzepte überzeugen konnten und dadurch eben keine Pandemietreiber sind.“ Wer sich zum Beispiel Heizstrahler und Luftfilter angeschafft oder schlüssige Konzepte erarbeitet habe, „wird durch diese pauschalen Regelungen doppelt bestraft“.

"Natürlich geben wir nicht auf, wir kämpfen!"

„Es ist schwer nachzuvollziehen, dass man uns wieder brachlegt“, bestätigt „Gretle“-Wirt Markus Ritter, „und unverständlich, warum zum Beispiel die Kantinen offen haben dürfen und die Friseure. Aber natürlich geben wir nicht auf, wir kämpfen!“ Das sei er seinem Koch und den mehr als 20 Aushilfskräften schuldig, die auf seiner Gehaltsliste stehen und ihm stets den Rücken stärkten.

Ab Mittwoch geht also der Liefer- und Abholservice wieder an den Start, der das Gretle schon über die erste Schließzeit gerettet hat, überwiegend mit Hamburgern und Thai-Essen anstatt frischer schwäbischer Küche: „Einen Rostbraten aus der Plastikbox? Bis der in Schnait ist, ist der kalt und durchgezogen“, sagt Ritter.

Auch von zahlreichen anderen Gastronomen in Weinstadt ist wieder zu hören: Wir kochen in den kommenden Wochen weiter, aber essen müsst ihr zu Hause. Der Vorteil dieses Mal: Die Wirte können auf ihre Erfahrungen aus dem Frühjahr bauen. Schon da war schließlich Flexibilität gefragt.

Keine Spur von Resignation? „Es hilft ja nichts“

„Du darfst halt nicht einschlafen. Du darfst nicht warten: Wann wird’s besser? In einem Jahr? In zwei Jahren? Du musst Gas geben“, sagt Markus Ritter. Keine Spur von Resignation? „Natürlich ist ein gewisser Zorn da.“ Der Wirt macht eine ausladende Handbewegung, zeigt in den leeren Gastraum. „Das ist unsere Theaterbühne, keep smiling, keep shining. Abends sitze ich dann zu Hause, grüble und bin traurig. Man zieht uns den Boden unter den Füßen weg.“ Kurze Pause. „Aber es hilft ja nichts.“

Die Corona-Pandemie hat erneut Fahrt aufgenommen, von Montag an wird das öffentliche Leben in Deutschland wieder stark eingeschränkt. Besonders hart trifft das die Gastronomen, die bereits zum zweiten Mal in diesem Jahr ihre Gaststuben schließen müssen. Dieser Schritt wird von vielen scharf kritisiert, auch der Weinstädter Oberbürgermeister Michael Scharmann hat sich jetzt dazu geäußert. Markus Ritter (31), der Wirt des Gasthauses „Zum Gretle“ in Strümpfelbach, gibt Einblicke in sein

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