Weinstadt

Herden im Straßenverkehr

Ziege Symbol Symbolbild
Symbolbild. © Pixabay.com

Weinstadt-Endersbach. Einem Ziegenhirten ist eine 59-Jährige am Mittwochabend über den Fuß gefahren, als sie sich durch die Tiere hindurchmanövrieren wollte. Wir haben nachgefragt: Was sagt eigentlich die Straßenverkehrsordnung zu Herden? Und wie gehen Ziegenhirten mit dem Straßenverkehr um?

19.45 Uhr war es, als sich ein schweres Gewicht auf den Fuß eines 57-Jährigen legte: Im Kernenweg hatte er mit einer Autofahrerin gesprochen, die versuchte, an seinen Ziegen vorbei zur Weinbergstraße zu gelangen. Der Hirte trieb gerade seine Herde in dieselbe Richtung, mit Unterstützung zweier Hütehunde. Da immer wieder Ziegen quer liefen, konnte die 59-Jährige ihren BMW offenbar nicht vorbeimanövrieren, teilte die Polizei am Donnerstag mit. So hielt sie an, sprach kurz mit dem Hirten – und fuhr dem Mann beim Anfahren über den Fuß. Er wurde leicht verletzt und musste von Rettungskräften in ein Krankenhaus eingeliefert werden.

Während die Weinstädter Polizeibeamten noch einen Zeugen suchen – einen Autofahrer mit Balinger Kennzeichen, der den Unfall gesehen haben könnte –, hat unsere Zeitung recherchiert: Wo dürfen Herden eigentlich entlanggetrieben werden? Und wie gehen Hirten mit Straßenverkehr um?

Gegenseitige Rücksichtnahme

Die Antwort auf die erste Frage gibt David Ebert von der Pressestelle der Polizeidirektion Aalen. Nach Paragraf 28, Absatz 1, der Straßenverkehrsordnung (StVO) dürfen Haus- und Stalltiere nur dann auf Straßen geführt werden, „wenn sie von geeigneten Personen begleitet sind, die ausreichend auf sie einwirken können“. Sie dürfen dabei nicht von Kraftfahrzeugen oder Fahrrädern aus geführt werden. Für Letztere sind nur Hunde als Ausnahme gelistet. Bundesstraßen und Autobahnen sind grundsätzlich tabu. Wer Vieh führt, heißt es in Absatz 2 weiter, „unterliegt sinngemäß den für den gesamten Fahrverkehr einheitlich bestehenden Verkehrsregeln und Anordnungen.“ Dazu gehört ganz klar auch Paragraf 1 der StVO: gegenseitige Rücksichtnahme. Wenn eine Herde beispielsweise eine Straße oder einen Bahnübergang überqueren soll, muss sie nötigenfalls geteilt werden, damit Fahrzeuge passieren können. Die Autofahrer wiederum sind ebenfalls zur Rücksichtnahme angehalten.

Autos können Tiere verschrecken

Wenn Tiere über Straßen getrieben werden, ist eine Begleitperson nötig, damit die Herde überhaupt geteilt beaufsichtigt werden kann. Für Julian Nirschl ist das selbstverständlich. Der junge Ziegen- und Rinderhirte aus Aichelberg ist unter anderem bekannt vom Weinstädter Streuobsttag, wo er seine Tiere schauweiden lässt. Er hat in seinen beiden Ziegenherden durchschnittlich 35 Muttertiere, die er auf Weiden zwischen Baach und Strümpfelbach fressen lässt. Zwar stehen die Tiere unterschiedlich lang auf den Koppeln – mal zwei Tage, mal mehrere Wochen –, doch da er auch Rinder hat, ist er ein- bis zweimal pro Woche mit Tieren unterwegs. „Wenn wir umweiden, versuche ich Straßen, ob Landstraßen oder innerorts, grundsätzlich zu meiden“, sagt Nirschl. Er hatte zwar noch nie Probleme mit ungeduldigen Autofahrern, doch den Straßenverkehr sieht er einfach als Risiko. Motorräder könnten die Tiere verschrecken, durchfahrende Autos die Herde versprengen. „Das ist immer zu viel Risiko, wenn Autos zwischendurchfahren“, sagt er.

Seine Lösung: „Ich laufe nie länger auf einer Straße.“ Mit seinen Herden ist er meistens nur eine halbe Stunde lang unterwegs, um die nächste Koppel zu erreichen. Wenn er dabei doch mal auf die Fahrbahn muss, versuchen er und ein Begleiter am Ende der Herde zu verhindern, dass Autofahrer überholen – und schnell wieder auf einen Feldweg zurückzukommen.