Weinstadt

In Weinstadt alt werden – aber wie? Warum bald Pflegeplätze fehlen werden

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Symbolbild. © Pixabay License

Fast ein Drittel aller Weinstädter ist über 60 Jahre alt. Doch was treibt die Senioren in den fünf Stadtteilen um? Was müssen Stadtgesellschaft und Verwaltung in den kommenden Jahren für ihre Alten unternehmen? Reichen die vorhandenen Pflegeplätze aus? Das Mainzer Marktforschungsinstitut LQM hat die Situation der Senioren in Weinstadt unter die Lupe genommen, mehr als 800 Weinstädter befragt und jetzt auf mehr als 200 Seiten spannende Erkenntnisse geliefert sowie konkrete Handlungsoptionen gegeben. Ein Überblick.

Die Struktur: Je älter, desto mehr Frauen

29 Prozent der Weinstädter sind über 60 Jahre alt, immerhin fast 13 Prozent sogar über 75 Jahre alt. Tendenz: steigend. Auffallend ist: Je älter die Gruppe ist, die man betrachtet, desto höher ist der Frauenanteil. Bei den 60- bis unter 65-Jährigen liegt die Quote bei rund 51 Prozent, bei den Weinstädtern über 85 Jahren bei rund 64 Prozent. Entsprechend fällt die Statistik der Alleinlebenden aus: Zwischen 65 und 70 Jahren liegt der Anteil der Singlehaushalte bei 20 Prozent, von den über 85-Jährigen leben 41 Prozent alleine. Kein Wunder, dass in den Pflegeheimen laut Marktforscher Dr. Klaus Kortmann eine „starke Konzentration auf hochbetagte Frauen“ herrscht: Sie machen 80 Prozent der Bewohner aus.

Gepflegt altern: Wie sieht die Zukunft der Pflege aus?

Womit wir beim umfangreichsten Themenkomplex der Sozialraumanalyse angelangt wären: Wie sieht die Zukunft der Pflege in Weinstadt aus? „Wir können wegen Corona überhaupt nicht einschätzen, wie sich der Bedarf an Pflegeplätzen entwickeln wird“, sagte Kortmann kürzlich bei seiner Präsentation im Sozial- und Kulturausschuss des Gemeinderats. Abzusehen sei aber, dass es bis 2025 „einen sehr starken Anstieg der Personen im pflegebedürftigen Alter“ geben wird. Kortmann sagt: „Der Bedarf wird sehr schnell entstehen. Man muss sich jetzt bereits überlegen: Wie gehen wir mit der Situation um?“ Nach der Prognose der Marktforscher wird sich in den kommenden fünf Jahren ein Zusatzbedarf von 143 stationären Pflegeplätzen ergeben. Aktuell leben in den fünf Alten- und Pflegeheimen in Weinstadt 176 Menschen in stationärer Pflege. Seit 2008 ist keine neue Einrichtung mehr eröffnet worden. Überraschend sei, sagt Kortmann: Nur knapp die Hälfte der Bewohner stammt aus Weinstadt.

Solange es allerdings geht, wollen die Weinstädter zu Hause wohnen bleiben, auch das hat die Umfrage ergeben. Die große Mehrheit, 76 Prozent der Senioren, hat demnach angegeben, sich ihren Lebensabend im betreuten Wohnen vorstellen zu können, am liebsten in den eigenen vier Wänden. Der Umzug in ein Mehrgenerationenhaus (42 Prozent) oder die Gründung einer Senioren-WG (38 Prozent) kommen für deutlich weniger Menschen in Weinstadt infrage. 30 Prozent können sich vorstellen, in den privaten Kreis zu ziehen, 39 Prozent in ein Pflege- oder Altenheim. Die Frage, die sich für Marktforscher Kortmann stellt: „Was muss man hier machen, um die älteren Menschen in einer Form zu unterstützen, wie sie es gerne hätten?“ Seine Antwort: Die Kapazitäten von ambulanten Diensten sollten kontinuierlich ausgebaut werden. Aber: „Es wird auch zunehmend Fälle geben, bei denen die ambulante Pflege an ihre Grenzen stößt“, so der Marktforscher. Auf kommunaler, aber auch auf Ebene des Landkreises müsse darüber diskutiert werden, wo und wie neue stationäre Pflegeplätze entstehen könnten. Dabei sollten auch die Bürger einbezogen werden. „Ohne den weiteren Überlegungen vorwegzugreifen, liegt es nahe, die künftigen Pflegeplätze dezentral bereitzustellen“, so Kortmann in seiner Präsentation. Vorrang könnte der Stadtteil Schnait haben, wo das Heim Sonnenhalde geschlossen wurde. Eine weitere Option sieht er in der Erweiterung bestehender Einrichtungen wie dem Luitgardheim (momentan 30 Plätze) oder dem Wilhemine-Canz-Zentrum (71 Plätze).

Flankierend müsste laut den Marktforschern die Zahl der Kurzzeit- sowie Tages- und Demenzpflegeplätze steigen. Einen Anfang macht die Tagespflege der Sozialdiakoniestation im kommenden Herbst. Sie soll um 15 Plätze erweitert werden.

Eine Idee, die Kortmann dem Neubau einer großen Pflegeeinrichtung, wie sie sich manche in Weinstadt vorstellen können, vorziehen würde, ist es, Wohnpflegegemeinschaften zu schaffen. Die Trägerschaft für diese Gemeinschaften, in denen acht bis zwölf Bewohner leben, könnte ein Verein übernehmen. Ein Thema, das mit Sicherheit in der Bürgerbeteiligung diskutiert wird, mit der die Verwaltung beauftragt ist.

Hürden im Haus: Altersgerechtes Eigenheim?

Eng mit dem Thema Pflege verwoben ist die Wohnsituation der Senioren in Weinstadt – eben weil sich die Menschen wünschen, möglichst lange zu Hause leben bleiben zu können. Wie die Mainzer Marktforscher berichten, wohnen rund 80 Prozent der über 65-Jährigen in Weinstadt in ihren eigenen vier Wänden, nur rund 20 Prozent zur Miete. Doch wie sieht es mit der Barrierefreiheit aus? Ein Ergebnis der Umfrage lautet, dass nur die Hälfte der Senioren nach eigener Einschätzung in einer Wohnung lebt, die ihnen „weder aktuelle noch künftige Probleme bereiten wird“. Was den Senioren die größten Probleme bereitet: Stufen und Treppen in und vor dem Haus. Besonders in Strümpfelbach ist das für viele ältere Menschen ein Problem. Die Marktforscher empfehlen, dass jede zweite der rund 700 Wohnungen, die bis 2035 in Weinstadt entstehen könnten, altersgerecht ausgestaltet sein sollte. Ihr Vorschlag: ein möglichst zentral gelegener Wohnkomplex nach dem „Bielefelder Modell“ für Mehrgenerationen-Wohnen. Außerdem solllte die Wohnberatung des Seniorenrats ausgebaut und stärker beworben werden.

Im Auto mobil: Der ÖPNV hat einige Defizite

Das dritte große Thema für Senioren in Weinstadt ist die Mobilität. Hier herrschen zwischen den Stadtteilen bedeutende Unterschiede. Während die Endersbacher und Beutelsbacher Senioren ihre Einkäufe häufig zu Fuß erledigen können, sind insbesondere die Schnaiter und Strümpfelbacher enorm auf das eigene Auto angewiesen. Defizite macht die Analyse im Öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) sichtbar. Zwar deckten die acht Buslinien und die S 2 die Stadtteile „grundsätzlich“ gut ab, aber „besonders höher liegende Wohngebiete sowohl in Großheppach als auch in Schnait und Strümpfelbach werden durch die Buslinien nicht erschlossen“, ebenso wenig Gundelsbach, Baach oder der Trappeler.

Einer Verbesserung des Nahverkehrsangebots räumen die Marktforschung eine hohe Priorität ein: Neben dem seniorengerechten Ausbau der Bahnhöfe sollten zum Beispiel das Einkaufszentrum in der Benzstraße und der Bahnhof Beutelsbach besser angeschlossen werden, empfehlen die Experten. Positiv wird das neu geschaffene Seniorenmobil erwähnt, das das Mobilitätsangebot deutlich verbessere. Weitere Maßnahmen, deren Empfehlung aus der Befragung resultieren: die Errichtung von zentrumsnahen Toiletten und die Aufstellung von Ruhebänken, die systematische Beseitigung von Barrieren auf Gehwegen sowie die Einrichtung von Zebrastreifen.

Fast ein Drittel aller Weinstädter ist über 60 Jahre alt. Doch was treibt die Senioren in den fünf Stadtteilen um? Was müssen Stadtgesellschaft und Verwaltung in den kommenden Jahren für ihre Alten unternehmen? Reichen die vorhandenen Pflegeplätze aus? Das Mainzer Marktforschungsinstitut LQM hat die Situation der Senioren in Weinstadt unter die Lupe genommen, mehr als 800 Weinstädter befragt und jetzt auf mehr als 200 Seiten spannende Erkenntnisse geliefert sowie konkrete Handlungsoptionen

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