Weinstadt

Kinderarzt aus Weinstadt: Anteil schwer kranker Kinder ist ungewöhnlich hoch

Dr. Volker Kemmerich
Dr. Volker Kemmerich in seiner Praxis in Endersbach. © Lynn Nagy

Die RSV-Welle hält Eltern, Kinderärzte und Kliniken in Atem - die Krankheitswelle bei den Kleinsten macht nun Probleme bei der medizinischen Versorgung deutlich, die an und für sich nicht neu sind, jetzt aber auf dramatische Weise in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt werden.

Mutter fährt mit Kindern nach Göppingen zum Arzt

Denn schon länger ist es so, dass gerade im Rems-Murr-Kreis Kinderärzte Mangelware zu sein scheinen und Familien, die neu hierherziehen, keinen Kinderarzt in ihrer Nähe finden.

Diese Erfahrung hat auch Elena Ehrmann gemacht. „Aufgrund dessen sind wir selbst nach unserem Umzug nach Weinstadt immer noch bei unserem vorherigen Kinderarzt im Landkreis Göppingen“, berichtet die zweifache Mutter. Für eine einfache Fahrt seien das dann schon 35 Minuten. „Mit richtig krankem Kind ist das schon heftig und man überlegt sich zweimal, ob man zur Sprechstunde fährt“, sagt die 28-Jährige. Weil sie sehr zufrieden mit ihrem Kinderarzt seien, sei die weite Fahrt aber vertretbar.

Weinstädter Kinderarztpraxis: „Wir sind mehr als ausgelastet“

„Aber wir hätten hier auch gar keine Alternative“, berichtet die Weinstädter Mutter. Auch die Wartezeit auf einen Termin sei inzwischen immer extrem lang - und das auch bei anderen Fachärzten, nicht nur beim Kinderarzt.

Die Situation sei „katastrophal“, bestätigt der Endersbacher Kinderarzt Dr. Volker Kemmerich. „Wir bekommen täglich fünf bis zehn Anfragen.“ Neue Patienten annehmen kann er aber nicht: „Wir sind mehr als ausgelastet.“ Seine Arbeitswoche habe zurzeit an die 70 Stunden, die reguläre Wartezeit auf einen Termin seien sechs Monate - viel zu lang, weiß der Kinderarzt.

Viel Arbeit, viel Verantwortung - wenig Honorar

Seit diesem Jahr unterstützt Stefan Englert, Arzt für Kinder- und Jugendheilkunde, in der Praxis in Endersbach. Der 33-Jährige hat davor in der Kinderklinik am Stauferklinikum Mutlangen gearbeitet. Damals habe die Kassenärztliche Vereinigung ihn angefragt, ob er nicht eine eigene Praxis eröffnen wolle. „Niemals“, sagt der junge Mediziner. „Das ist mir viel zu unsicher.“

Volker Kemmerich weiß nur zu gut, wovon sein jüngerer Kollege da spricht, er kennt die Missstände und die finanziellen Sorgen: Gerade einmal 70 Euro bekomme seine Praxis für die Behandlung eines Patienten pro Quartal, dafür, dass dieses eine Kind innerhalb der drei Monate nicht selten wiederholt in die Praxis gebracht und behandelt wird. „Die Arbeitsbelastung und Verantwortung stehen in keiner Beziehung zum Honorar.“

RSV und Influenza: Ausnahmesituation in der Praxis

Klar, die Situation sei seit einigen Wochen auch besonders ernst. So viele junge Patienten mit RS-Viren-Infektionen, Grippe, anderen Atemwegserkrankungen oder auch Lungenentzündungen habe er selten gleichzeitig, besonders der Anteil an schwer kranken Kindern sei ungewöhnlich. Oft seien kleine Kinder betroffen, aber auch einzelne Jugendliche seien schon dabei gewesen, berichtet der Arzt. „Das geht schon über das Normale hinaus.“

Auch er hält die Isolation der zwei Pandemie-Jahre für den Auslöser, die Immunsysteme der Kinder seien dadurch jetzt besonders anfällig. Außerdem seien sowohl die RSV-Erkrankungswelle als auch die Influenza-Welle dieses Jahr gleichzeitig aufgetreten. „Häufung und Schweregrad sind ungewöhnlich.“

Eltern sollen sich direkt an die Politik wenden

Volker Kemmerich weiß selbst, dass viele Eltern gerade verzweifelt nach einem Kinderarzt suchen und so wie Elena Ehrmann teils weite Anfahrtswege auf sich nehmen. Aber was können Betroffene überhaupt tun, um an der Situation etwas zu verändern? „Die sollen sich direkt an die Bundesabgeordneten wenden“, fordert der Facharzt für Kinder- und Jugendheilkunde. Denn nur die Politik könne an der sich seit Jahren immer weiter zuspitzenden Notlage noch etwas ändern.

Wie sehr den Praxen im Kreis die Hände gebunden seien, zeige auch die Zulassungssperre für neue Kinderarztpraxen, bemängelt Kemmerich. Nach einer Regelung aus den 1990ern, erwirkt vom damaligen Gesundheitsminister Horst Seehofer, wurde eine Zahl an Ärzten pro Landkreis festgelegt, beruhend auf der damals bestehenden Anzahl an Praxen. Mehr bekommen keine Zulassung.

Sechs Kinderärzte in Waiblingen, einer in Weinstadt

Wie willkürlich und unsinnig das sei, sehe man ja schon, wenn man Weinstadt mit Waiblingen vergleiche, so der Kinderarzt: Im rund 55.500 Einwohner starken Waiblingen gebe es sechs Kinderarztpraxen, im benachbarten Weinstadt, das immerhin annähernd halb so viele Einwohner hat, ist Volker Kemmerich allein mit seiner Praxis.

Die RSV-Welle hält Eltern, Kinderärzte und Kliniken in Atem - die Krankheitswelle bei den Kleinsten macht nun Probleme bei der medizinischen Versorgung deutlich, die an und für sich nicht neu sind, jetzt aber auf dramatische Weise in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt werden.

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