Weinstadt

Masken-Start-up in Weinstadt: Was steckt hinter "Protexme"?

MüKo Maske
Müko-Chef Uwe Müller und „Protexme“-Betriebsleiter Nicolas Strachwitz an der Maskenmaschine. © Gabiel Habermann

Medizinische Masken, nicht „made in China“, sondern „made in Weinstadt“? In einer Halle des Maschinenbauers Müko in Beutelsbach hat sich jetzt das Start-up „Protexme“ eingerichtet. 20 000 Mund- und Nasenschutzmasken sollen hier bald pro Schicht vom Band gehen. Was steckt hinter dieser Geschäftsidee? Wie will das Unternehmen dem Wettbewerbsdruck aus Asien dauerhaft standhalten? Wittern die Weinstädter etwa die Chance, mit der Corona-Krise schnelles Geld zu machen? Wir haben uns mit den Menschen unterhalten, die hinter den Masken stecken, für die neuerdings auf Plakaten in Weinstadt geworben wird.

Das genaue Gegenteil von dem, was Müko eigentlich macht

Uwe Müller ist ein erfolgreicher Geschäftsmann. Der 55-jährige Weinstädter agiert mit seiner Maschinenbaufirma Müko auf dem Weltmarkt. Das Unternehmen hat an die 200 Mitarbeiter, unterhält Dependancen in China und den USA. Für Giganten wie Bosch oder Daimler fertigt Müko Sondermaschinen und Komponenten. In aller Regel müssen die Weinstädter dabei auf spezielle Wünsche eingehen. Geschäftsführer Uwe Müller sagt: „Unser Business ist: Wir bauen Sondermaschinen. Stückzahl: eins. Wenn die eine Maschine fertig ist, kommt die nächste, wieder Stückzahl: eins.“ Dieses Geschäftsmodell ist so ziemlich das genaue Gegenteil von dem, was neuerdings in einer Halle der Firma im Beutelsbacher Industriegebiet passiert. Hier wird Massenware produziert: Masken.

Rund fünf Monate ist es her, da hat Uwe Müller ein neues Unternehmen gegründet. Es gehört zur Müko-Gruppe, hat dieselben Gesellschafter im Rücken und setzt zumindest in der Startphase auf Dienstleistungen und Know-how des Maschinenbauers. „Protexme“ heißt die Firma, abgeleitet vom englischen „Protect me“, also „Beschütze mich“. Einer von Uwe Müllers Mitarbeitern, Nicolas Strachwitz, hat die Leitung des Betriebs übernommen. Müllers Tochter, Anica Müller, ist als Werkstudentin eingestiegen. Zwei weitere Mitarbeiter hat „Protexme“ neu eingestellt, sie kümmern sich um die Produktion und um die Logistik, Verpackung, Versand und Co. Seit Mitte Dezember ist der Webshop online, ein Karton mit 50 Masken made in Weinstadt kostet 24,95 Euro. Wird so in Zeiten von Corona schnelles Geld verdient?

Uwe Müller: Wollen nicht "den schnellen Euro machen"

Uwe Müller wehrt ab: „Wovon wir uns definitiv distanzieren möchten, ist, dass wir jetzt auf diesen fahrenden Zug aufspringen, um den schnellen Euro zu machen.“ Es habe durchaus Unternehmer gegeben, die das vorgehabt hätten, sagt Uwe Müller. Einige hätten auch den Weinstädtern Masken und Material angeboten – Importeure, die von der anfänglichen Knappheit an medizinischer Ausrüstung in der Corona-Krise profitieren wollten.

Der Müko-Chef sagt: „Die sind heute gekommen und morgen hat’s die nicht mehr gegeben. Zum Beispiel, weil sie keine Zertifizierung bekommen haben. Momentan sondiert sich der Markt, da trennt sich die Spreu vom Weizen.“ Der neue Protexme-Chef Nicolas Strachwitz ergänzt: „Es gab auch Berichte von Nagelstudios und Autolackierern, die Masken produzieren wollten. Da fehlt jedes technische Verständnis, für den Prozess, für die Maschine. Ich bin überzeugt, dass die gescheitert sind.“ Die Weinstädter verstehen sich als Gegenentwurf zu derlei Schnellschüssen.

"Ausschließlich Ware aus deutscher Produktion"

„Wir legen Wert auf Produktionsstabilität und auf die Materialien, die wir einsetzen. Das ist ausschließlich Ware aus deutscher Produktion“, sagt Uwe Müller. Gerade zu Beginn der Corona-Krise sei die Erkenntnis gereift: „Die Abhängigkeit von China ist groß.“ Auch die Qualität des Importguts sei zunehmend infrage gestellt worden. „Vieles, was geliefert worden ist, entspricht einfach nicht dem Qualitätsstandard, den wir hier gewohnt sind“, sagt der 55-Jährige. Nachdem viele Institutionen und Organisationen im Frühjahr bei Müko angefragt hätten, ob die Firma über die guten Kontakte nach China schnell an Masken komme, sei die Idee geboren, die Produktion selbst in die Hand zu nehmen.

Irgendwann ist die Corona-Krise hoffentlich vorbei – und dann?

Als die Entscheidung Mitte des Jahres gefallen war, eine neue Firma zu gründen, ging alles ganz schnell: Die Kontakte in China wurden genutzt, um zwei Maschinen zu testen und zu bestellen. Nicolas Strachwitz hat sie in Deutschland nach der Anlieferung weiter modifiziert. Eine produziert bereits die einfachen Alltagsmasken, die es schon zu kaufen gibt. Das Material dürfte eigentlich nicht knapp werden. Mit den Produzenten der verschiedenen Fließstoffe, die in den Masken verarbeitet werden, wurden Verträge geschlossen, die laut Uwe Müller die Produktion bis Ende 2021 sichern. Die zweite Maschine soll in Kürze zur Herstellung von FFP2-Schutzmasken in Betrieb genommen werden. Momentan läuft die Zertifizierung. Dafür arbeitet Müko nach eigenen Angaben auch mit anderen Maskenproduzenten zusammen.

Irgendwann, wenn der Businessplan für das Start-up aufgegangen ist, soll „Protexme“ in eigene Räume ziehen, sagt Uwe Müller. Doch was macht ihn so zuversichtlich, dass er rund 300 000 Euro für die Maschinen ausgegeben und insgesamt einen „mittleren sechsstelligen Betrag“ in die Firmengründung gesteckt hat? Die Corona-Krise wird doch hoffentlich irgendwann vorbei sein? Der Bedarf an Masken wird sinken.

Masken sind mittlerweile "ein Accessoire"

„Wir sind uns natürlich bewusst, dass die Nachfrage dauerhaft nicht so hoch bleibt“, sagt Uwe Müller. „Wir sind aber auch überzeugt, dass die Pandemie die Grundeinstellung der Menschen verändert hat. Am Anfang war so eine Maske ein Fremdkörper – mittlerweile ist sie ein Accessoire. Völlig normal, jeder trägt sie. Das wird wieder weniger werden. Wir glauben aber, dass ein gewisser Anteil auch nachhaltig mit Maske unterwegs sein wird in besonderen Situationen.“

Mit dem Verkauf an Privatpersonen, wie ihn die Firma aktuell betreibt, wird sich Protexme trotzdem nicht halten können, weiß Uwe Müller: „Wir produzieren nachher 20 0000 Masken pro Schicht auf einer Maschine. Das werden wir über Päckchenverkauf nicht abgesetzt kriegen.“ Aber: Ganz unabhängig von Corona sei „der medizinische Markt schon vorhanden: Krankenhäuser, Diakonie, ... dieser Markt wird ja nicht kleiner“, sagt Anica Müller. Und mit genau diesen Institutionen hätten in den vergangenen Wochen schon gute Gespräche stattgefunden, nimmt ihr Vater den Ball auf: „Die machen sich Gedanken über die Qualität, die sie derzeit im Einsatz haben, und darüber, wie sie sich gegen Lieferunterbrechungen schützen können.“

„Wir wollen nicht mit der Maske aus Asien konkurrieren“

Aber was ist mit dem Preisdruck? Für die Masken made in Weinstadt werden die Abnehmer höhere Preise bezahlen müssen als für Billigware aus Fernost. „Wir wollen nicht mit der Maske aus Asien konkurrieren, das werden wir definitiv nicht können. Sie wird ein paar Cent teurer sein“, sagt Uwe Müller. Allerdings sei die Qualität besser, die weiten Transportwege entfielen, die Gefahr einer Lieferkettenunterbrechung wird minimiert.

Und noch ein strategisches Argument hat ihn bewogen, ins unternehmerische Risiko zu gehen: Die ganze Müko-Gruppe könnte davon profitieren, wenn die Weinstädter Fuß fassen auf dem medizinischen Markt.

Medizinische Masken, nicht „made in China“, sondern „made in Weinstadt“? In einer Halle des Maschinenbauers Müko in Beutelsbach hat sich jetzt das Start-up „Protexme“ eingerichtet. 20 000 Mund- und Nasenschutzmasken sollen hier bald pro Schicht vom Band gehen. Was steckt hinter dieser Geschäftsidee? Wie will das Unternehmen dem Wettbewerbsdruck aus Asien dauerhaft standhalten? Wittern die Weinstädter etwa die Chance, mit der Corona-Krise schnelles Geld zu machen? Wir haben uns mit den

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