Weinstadt

Minimalismus, Romantik und rechtliche Hürden

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Raussehen ist möglich, reinsehen nicht: Im Tiny House des Gartenexperten Michael Kupka spiegeln sich weitere Exemplare der Ausstellung im Steinbruch – das rechts ist ein umgebauter Seefrachtcontainer. © ZVW/Alexandra Palmizi
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So sieht es im Inneren aus.

Weinstadt-Endersbach. Ein minimalistisches Leben führen, sich frei machen vom Überfluss, nachhaltig hausen auf wenigen Quadratmetern – wie romantisch! Tiny Houses, also winzige Häuser, begeistern die Menschen. Das ist am großen Zuspruch zu sehen, den die Gartenschau-Ausstellung in Endersbach erfährt. Bei einem Pressetermin wurde aber auch deutlich: Erst müssen die gesetzlichen Grundlagen geschaffen werden.

„Wir haben bis jetzt kein einziges Haus verkauft“, gibt Alexander Pflaumer von der Schreinerei Obermüller zu. Für die Holz-Mini-Häuser auf Rädern hat die Firma eine eigene Sparte aufgemacht, vermarktet diese unter dem Label „Tiny House Stuttgart“. Eines davon ist noch bis 20. Oktober in Weinstadt zu sehen. Die Nachfrage sei riesig, sagt Pflaumer, „das Problem sind die Stellplätze“. Gemeinden und Städte täten sich „extrem schwer“, momentan sei es „gesetzlich fast unmöglich“, ein Stuttgarter Tiny House aufzustellen. „Ein, zwei Mutige“ hätten es bundesweit gewagt, illegal.



Wer klug argumentiert, bekommt auch eine Baugenehmigung

Minimalismus, sich verkleinern, nachhaltig, eventuell mobil leben – scheitert das Konzept Tiny House an der Realität? So drastisch wie der Mann von Obermüller schildern es die anderen Aussteller beim Pressegespräch in Weinstadt nicht. Der junge Architekt Andreas Rauch von „Cabin One“ mit Unternehmenssitz in Berlin und Produktionsstätte in Österreich berichtet von „sehr guten Erfahrungen“ mit Bauämtern. Wer klug argumentiere, der habe auch die Chance auf eine Genehmigung.

Die Kunden seiner zehn Tonnen schweren Mini-Häuser zahlen an die 100 000 Euro und bringen in der Regel ein Grundstück mit. Sieht so ein nachhaltiges, ressourcenschonendes Rezept gegen Wohnungsnot aus? Der Weinstädter Schreiner Friedrich Dippon, der mit Architekt Fritz Barth ein eigenes Holzhaus zur Ausstellung beigesteuert hat, sagt: „Auch bei reduzierten Lebensformen werden Flächen versiegelt“, die „Tiny Häusle“ seien höchstens „ein kleiner Teil der Lösung“. Gartenbauer Michael Kupka, dessen verspiegeltes Haus das spektakulärste der Ausstellung ist (man sieht die Außenwelt wie durch eine Sonnenbrille) sagt mit einem Augenzwinkern, er habe den Menschen schon immer empfohlen, in den Garten zu ziehen.

"Es muss eine übergeordnete Regelung her"

Das ist laut Fertighaus-Hersteller Johannes Schwörer mancherorts bereits Realität. seine „Flying Spaces“, zu Deutsch „Fliegende Räume“, werden über Hausdächer hinweg dorthin gehievt, „wo man seit Jahren bauen will, aber es nicht schafft“. Die Menschen zögen im Alter aus dem großen Haus in die kleine Eigentumswohnung im Garten und überließen das Haus der jüngeren Generation. „So kriegen wir Innenverdichtung hin“, sagt Schwörer. Auch für ihn liegen die größten Hürden im Baurecht, wenngleich die Zweifel groß sind, dass sich hier in absehbarer Zeit etwas tut.

„Es muss eine übergeordnete Regelung her. Wir haben 16 Landesbauordnungen“, sagt Schwörer. In diesem Punkt sind sich alle Aussteller einig. Der Gesetzgeber müsse auf den Trend reagieren, muss klären: Was ist wo erlaubt und was geht gar nicht? Schließlich stoßen die winzigen Häuser auf großes Interesse. Hans Batschauer, der die Ausstellung mit den sieben Herstellern für die Stadt Weinstadt organisiert hat, berichtet von mittlerweile mehr als 45 000 Besuchern.


Die Ausstellung

Die Ausstellung „Tiny House & Micro Living“ im Endersbacher Steinbruch im Trappeler ist noch bis 20. Oktober zu besichtigen. Die sieben ganz unterschiedlich gestalteten Häuser haben mittwochs, samstags und sonntags sowie feiertags von 10 bis 18 Uhr geöffnet. Der Eintritt ist frei.

Anfragen für individuelle Führungen nehmen die Organisatoren unter gartenschau2019@weinstadt.de entgegen.