Weinstadt

Pedelec statt Auto: Auf was ist beim E-Bike-Kauf zu achten?

Pedelec Serie Teil 1
Philip Jähnes Lasten-Pedelec und das E-Mountainbike der Autorin: Verschiedene Bauweisen für unterschiedliche Ansprüche. © Benjamin Büttner

Es ist ein dunkler, nass-kalter Mittwochabend, als ich mit Bus und Bahn in ein kleines Dorf irgendwo hinter Backnang fahre, um mir ein Pedelec anzuschauen, das ich gebraucht auf Ebay-Kleinanzeigen gefunden habe.

Nur 20 Minuten nach Ankunft bei der Wohnadresse des Verkäufers gehört das blau-orangefarbene, vollgefederte Mountainbike des Herstellers Haibike mir – ich zahle „schlappe“ 1800 Euro für ein knapp vier Jahre altes Fahrrad mit Elektromotor. Habe ich damit wirklich ein Schnäppchen gemacht?

Die hohen Spritpreise machen Lust aufs Fahrradfahren

Ganz sicher bin ich mir deswegen auch rund eineinhalb Monate später noch nicht. Ein paar Baustellen hat das gebrauchte Rad durchaus, der Besuch beim Fahrradservice steht noch aus. Dennoch: Das Timing hätte besser kaum sein können.

Nur eine Woche nach dem Kauf springt mein altes Auto, nach einem zugegebenermaßen langen Abschied auf Raten, gar nicht mehr an. Und selbst wenn ich wirklich jemand bin, der sehr gerne Auto fährt (und sehr an seinem alten Auto hängt): Inzwischen haben die Spritpreise ein Niveau erreicht, bei dem ich das Auto wirklich nicht mehr vermisse.

Weinstädter fährt ein Lastenrad

Doch davon mal ganz abgesehen: Für mich ist die Hauptmotivation hinter dieser Anschaffung die, nach Möglichkeit auf ein eigenes Auto – und damit Auto Nummer zwei im Haushalt – möglichst längerfristig zu verzichten und damit hoffentlich auch der Umwelt etwas Gutes zu tun. Den gleichen Gedanken hatte vor zwei Jahren auch Philip Jähne aus Weinstadt.

Der junge Familienvater engagiert sich beim Klimabündnis Weinstadt – und besitzt seit einiger Zeit ein Lastenfahrrad mit Trittunterstützung. Auf diese Art von E-Bike sei er über eine Fernseh-Dokumentation über Kopenhagen gekommen: In der fahrradfreundlichen Stadt gehören Lastenräder längst zum Stadtbild – oft sogar ohne Motor.

Ein nicht-motorisiertes Lastenrad sei für ihn nicht infrage gekommen, sagt Philip Jähne. Selbst für den routinierten Fahrradpendler wäre das Gewicht des Rades mit Kind oder Getränkekisten vorne im Laderaum hier im hügeligen Rems-Murr-Kreis sonst einfach zu viel. Knapp zwei Jahre nach der Anschaffung ist Jähne sehr zufrieden mit seinem Pedelec – in seinem Haushalt ersetzt das Fahrrad ebenfalls den zweiten Pkw.

Welches Pedelec für welchen Fahrer?

Wie man hier schon sieht, kommen die trendigen E-Bikes also in ganz verschiedenen Ausführungen für unterschiedliche Bedürfnisse: Mein Mountainbike ist für Fahrten mit Kindern im Gepäck oder den Transport für schwerere Einkäufe eher ungeeignet. Gleichzeitig würde ich auf dem Weg zum Pferdestall, der mich mehrmals in der Woche quer durch den Wald in Berglen führt, mit einem Lastenrad ziemlich verzweifeln.

Andreas Schwager, politischer Sprecher der Waiblinger Ortsgruppe des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs (ADFC), weiß: Es gibt ganz verschiedene Gründe, wieso für eine Person der Kauf eines Fahrrads mit elektrischer Trittunterstützung Sinn machen kann.

Da sei einmal die Gruppe, in der es in dieser E-Bike-Serie hauptsächlich gehen wird: die Pendler. Wer nicht verschwitzt oder verknittert bei der Arbeit ankommen will, für den sei ein Pedelec ein sinnvolles Upgrade zum normalen Fahrrad, sagt Andreas Schwager. Für diesen Zweck empfiehlt er Trekkingräder: Die sind vielseitig, haben meistens eingebaute Lichter, die vom Fahrradakku gespeist werden – und am Gepäckträger lassen sich Fahrradtaschen befestigen.

Fahrsicherheitskurse für ältere Pedelec-Fahrer

Doch auch im Freizeitbereich erfreuen sich die Pedelecs zunehmender Beliebtheit: „Die, die Spaß haben wollen“, nennt der ADFC-Sprecher diese Gruppe. Da sind zum einen die Mountainbike-Fahrer, die so mehr Spaß haben wollen. Denn wer den Berg schneller und leichter hochkommt, kann öfter abfahren. Außerdem gebe es Rennräder, denen man das „Tuning“ von außen auf den ersten Blick gar nicht ansieht, verrät der politische Sprecher.

Das sei eine gute Wahl für „junggebliebene Männer“, die nicht mehr so leistungsfähig seien, aber den Anschluss zu ihrer Sportgruppe und die damit verbundenen sozialen Kontakte nicht verlieren möchten. Insgesamt wachse die Zahl der Senioren, die aufs Pedelec umsteigen, jedes Jahr, so Andreas Schwager. Für diese Benutzergruppe bietet der ADFC übrigens auch spezielle Fahrsicherheitstrainings an – auch im Rems-Murr-Kreis.

Auch für Paare, bei denen leistungsmäßig ein größerer Unterschied besteht, könne ein Pedelec helfen: So habe auch seine eigene Partnerin nun seit mehreren Jahren ein Pedelec, verrät Andreas Schwager. Mit seinem unmotorisierten „Carbon-Renner“ und ihrem E-Bike gelängen gemeinsame Ausfahrten am Wochenende harmonischer – und ohne Frustration beim weniger trainierten Part.

Pedelecs gebraucht kaufen: Top oder Flop?

Wer beim Händler neu ein E-Bike kauft, muss schon etwas tiefer in die Tasche greifen als bei einem herkömmlichen Fahrrad. So bei 3000, eher 4000 Euro geht es los. Nach oben hin sind dem Preis keine Grenzen gesetzt. Wer nicht so viel bezahlen möchte, für den lohnt sich vielleicht die Suche nach einem gebrauchten Fahrrad, diese sind deutlich billiger: „Sobald das Ding beim Händler vom Hof gefahren ist, ist es nur noch halb so viel wert“, erklärt der ADFC-Sprecher.

Natürlich gibt es bei E-Bay-Kleinanzeigen und Co. ganz verschiedene Gebrauchtangebote: Das eine Pedelec ist so gut wie neu, hat vielleicht 200 Kilometer auf dem Tacho: ein klassischer Fehlkauf. Aber auch dank Leasing-Modellen wie zum Beispiel Jobrad kommen regelmäßig circa dreijährige Pedelecs auf den Markt.

Akku-Leistung kann auch nach Jahren noch gut sein

Andreas Schwager findet: Gegen ein gebrauchtes Pedelec spricht an sich nichts. Auch wenn oft die Rede davon ist, dass die Ladeleistung der Akkus schon nach einem Jahr extrem nachlasse: Das könne er aus eigener Erfahrung so nicht bestätigen.

Bei dem jetzt sechs Jahre alten Fahrrad seiner Partnerin sei bis jetzt keine nennenswert schlechtere Akkuleistung aufgefallen, sagt Andreas Schwager. Und auch ich selbst muss zugeben, dass mich der knapp vier Jahre alte Akku meines Mountainbikes in dieser Hinsicht wirklich positiv überrascht hat.

Räder verschleißen unterschiedlich stark

Eine konkrete Anzahl von gelaufenen Kilometern, ab der Experten vom Kauf eines E-Bikes abraten würden, gebe es nicht. Der Verschleiß sei bei jedem Fahrrad verschieden, generell gelte: Je leichter die Bauweise, desto schneller verschleißt das Rad, so Schwager.

Beim Gebrauchtkauf empfiehlt er, sich den Akku, das Gehäuse des Motors und auch den Rahmen ganz genau anzuschauen: Sind hier Dellen oder große Kratzer zu sehen, können diese auf einen Unfall und vielleicht auch schwerere, nicht gleich sichtbare Defekte hindeuten. Jedoch seien Schäden am Rahmen seiner Meinung nach auch nur beim Carbonrahmen ein echtes Problem. Bei Alu und Stahl könne so etwas meistens vergleichsweise einfach repariert werden.

Warnung vor den "Haifischzähnen"

Außerdem gilt zu beachten: Welche Art von Antrieb hat das Fahrrad? Bei einem Nabenmotor sitzt der Motor im Hinterrad, bei einem Mittelmotor unterhalb der Sattelstütze – bei Letzterem wirken also stärkere Kräfte auf Kette und Zahnräder.

Seien an den Zahnrädern „Haifischzähne“ sichtbar, deute das auf einen starken Verschleiß hin, so der Experte. Die betroffenen Teile lassen sich allerdings wie bei jedem Fahrrad auch bei Pedelecs relativ unkompliziert ersetzen. Das Ladegerät sollte ein Originalteil des Herstellers sein, auch sollte der Motor natürlich keine seltsamen Geräusche machen.

Das Zubehör: Sicher unterwegs mit dem neuen Pedelec

Ist das geeignete Pedelec erst einmal gefunden, braucht es noch einiges an Zubehör: Ein Muss ist ein gutes Schloss. Andreas Schwager stellt hier die Faustregel auf: Der Preis des Schlosses sollte ungefähr ein Zehntel des Fahrrad-Kaufpreises ausmachen.

Je nachdem, wie das Rad vom Werk aus ausgestattet ist, muss es auch noch verkehrssicher gemacht werden: Reflektoren an den Pedalen, an den Speichen und vorn und hinten sind laut StVO Pflicht, ebenso eine Klingel und ein Vorder- und Rücklicht. Anders als früher dürfen die Lichter seit 2017 allerdings tagsüber abmontiert werden und müssen nicht mehr zwingend mit einem Dynamo betrieben werden. Außerdem empfiehlt es sich, einen Helm zu tragen und gut sichtbare Kleidung anzuziehen.

Es ist ein dunkler, nass-kalter Mittwochabend, als ich mit Bus und Bahn in ein kleines Dorf irgendwo hinter Backnang fahre, um mir ein Pedelec anzuschauen, das ich gebraucht auf Ebay-Kleinanzeigen gefunden habe.

Nur 20 Minuten nach Ankunft bei der Wohnadresse des Verkäufers gehört das blau-orangefarbene, vollgefederte Mountainbike des Herstellers Haibike mir – ich zahle „schlappe“ 1800 Euro für ein knapp vier Jahre altes Fahrrad mit Elektromotor. Habe ich damit wirklich ein

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