Weinstadt

Remstalistan: Debatte über Zaun

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Schülersprecher Valentin Roth beim Wahlkampf von Remstalistan. © Sarah Utz

Weinstadt. Ihren fiktiven Staat Remstalistan haben die Schüler des Remstal-Gymnasiums vier Tage lang mit einem Bauzaun abgesperrt. Daran hat sich Kritik eines Lesers entzündet. Ist es in Zeiten von Trumps Mauerplänen das richtige Signal? Schülersprecher Valentin Roth hat zu dem Thema Stellung genommen.

Als Tourist hat der Remshaldener Erziehungswissenschaftler Christoph Rose in der vergangenen Woche Remstalistan besucht – und aus seiner Sicht ein überaus gelungenes Fest vorgefunden. Beim Projekt „Schule als Staat“ machte die ganze Schulgemeinschaft mit. Es gab ein Parlament, Behörden, eine Bank, Firmen, ein Theater sowie eine eigene Währung – und all das wurde von einem Team aus rund 60 Schülern monatelang mit Unterstützung von Lehrern vorbereitet. „Die Schulgemeinschaft wird sicher lange davon profitieren“, schreibt Christoph Rose. Eines hat ihn allerdings gestört: der Bauzaun, mit dem das Schulgelände abgeriegelt wurde. „Ist er eine Hommage an den amerikanischen Präsidenten oder ein Mahnmal für Ungarn?“, fragte sich Christoph Rose. Nein, er sei Mittel zum Zweck, wie ihm der Parlamentssekretär von Remstalistan laut eigener Aussage überzeugt bestätigt habe: „Wir haben eine Grenze und Grenzen müssen gesichert werden.“

Einzäunungen entgegenwirken

Solch ein Grenzzaun ist für den Remshaldener in Zeiten, in denen weltweit die Dramatik von Grenzsicherungen aufscheint, indes ein falsches Signal. „Effektivität ist verführerisch. Aber vielleicht nicht immer gut. Es wäre schön gewesen, modellhaft auszuloten, wie sich ein Staat organisieren könnte, ohne durch Barrieren ein Drinnen von einem anderen Draußen abzugrenzen.“ Dass die Lehrerschaft die Entscheidung des Schülerparlaments anerkannte und den Zaun aufstellen ließ, findet Christoph Rose richtig. Aber seiner Auffassung nach ist nun Reflexion angesagt. „Es ist die große Bildungsherausforderung unserer Zeit, Einzäunungen entgegenzuwirken. Die Schule muss diese annehmen, damit die Staatsschüler von heute, als Staatsbürger von morgen, nicht noch mehr Grenzen bauen.“

Der Schülersprecher hält dagegen

Valentin Roth, Schülersprecher am Remstal-Gymnasium und Mitorganisator von „Schule als Staat“, hält dagegen. Ihm ist durchaus bewusst, dass ein Staat mit der Endung „stan“ und einem Zaun rund ums Staatsgebiet, der diesen Staat begrenzt, erst mal wenig demokratisch erscheint, obwohl er sich ja in Deutschland, genauer gesagt in einer Schule in Weinstadt befindet. Im ersten Moment sei das eher merkwürdig, gerade in Zeiten des Populismus und dann in einer Bildungseinrichtung. „Scheint nicht ganz zu passen – im ersten Moment.“ Die Betonung liegt für Valentin Roth auf „im ersten Moment“. Wer Schule als Staat besucht hat, konnte seiner Meinung nach sehen, was mit einer Gemeinschaft passiert, die in vier Tagen zusammen lebt, arbeitet und Zeit verbringt. „Sie wächst zusammen und verbindet sich. Schule als Staat ist vielmehr als ein großes Schulfest, bei dem Besucher Eintritt zahlen müssen.“ Schule als Staat ist seiner Erfahrung nach ein Projekt, das Lernen, Interagieren und Spaß verbinde. Während dieser Woche sei nicht nur die Schülerschaft zusammengewachsen, sondern die Schule sei zu neuem Leben erwacht. Valentin Roth kann verstehen, wenn jemand die Frage stellt, ob die Grenze nötig war – aber auch seine Antwort lautet: „Ja, man braucht sie.“

Abgrenzung ohne Ausgrenzung

Nur ist dieser Zaun laut Valentin Roth nicht ein Zaun, der vor feindlichen Eindringlingen schützen soll oder Menschen ausgrenzt. „Unsere Grenze hat abgegrenzt, aber nicht ausgegrenzt.“ Kommen konnte nach Remstalistan jeder, „egal ob alt oder jung, unabhängig von jeglichen Hintergründen, ob religiös oder kulturell, egal welcher sexuellen Orientierung.“ Remstalistan sei der Ort, an dem all das keine Rolle spiele und jeder sich heimisch fühlen konnte. „Keiner musste Beweggründe angeben, wieso er in den Staat wollte. Remstalistan ist somit der friedliche Vorreiter für Integration, Gleichheit und Vielfalt.“

Grenzen die verbinden?

Die Abgrenzung nach außen ist nach Valentins Meinung essenziell gewesen. Als Projekt, das mit Kosten von mehr als 10 000 Euro verbunden sei, hätten die Organisatoren an die wirtschaftliche Stabilität und Sicherheit denken müssen. „Kapitalströme, hauptsächlich in Form von Waren, mussten reglementiert werden, da wir nur so gewährleiten konnten, dass auch jeder die gleichen Chancen hatte und sein Geld auch zurückbekam. Somit reiner Schutz, statt Schikane.“ So wurde zum Beispiel auch ein Pfand einbehalten, da nur so Unternehmen, also Schüler, nicht auf den Pfandkosten sitzenblieben. „Freiheit in einem Staat mit Grenzzäunen scheint absurd, aber solange diese nicht ausgrenzen, verbinden sie.“