Weinstadt

Schwerbehinderter fliegt aus seiner Wohnung

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Er muss am 4. Oktober seine Wohnung räumen – und hat noch keinen Ersatz: Der an Multipler Sklerose erkrankte Peter Baumann. © Schneider / ZVW

Weinstadt-Beutelsbach. „Ich werde auf jeden Fall auf der Straße stehen“: Peter Baumann muss spätestens am Donnerstagvormittag, 4. Oktober, seine Beutelsbacher Mietwohnung verlassen. So steht’s im Schreiben der Obergerichtsvollzieherin. Der an Multipler Sklerose leidende Schwerbehinderte sucht schon seit langem verzweifelt eine neue Wohnung – bislang ohne Erfolg.

„Ich war ein großes Tier in diesem Wirtschaftssystem“, sagt Peter Baumann. BWL und Maschinenbau habe er studiert, danach sei er in der Automobil- und Werkzeugindustrie tätig gewesen. Heute kann Peter Baumann nicht mehr arbeiten, er ist schwerbehindert und bezieht mittlerweile Rente; eine gute, wie er sagt. Der 63-Jährige hat Multiple Sklerose, eine neurologische Erkrankung, die nicht heilbar ist und die Betroffenen bisweilen an den Rollstuhl fesselt. Peter Baumann kann noch gehen, aber trotzdem liegen bei ihm seit geraumer Zeit die Nerven blank. Das hat allerdings weniger mit seiner Krankheit zu tun als vielmehr mit der Tatsache, dass er bald obdachlos ist. Noch lebt er zwar in einer Wohnung in Beutelsbach, aber seine Vermieterin hat ihm gekündigt. Die lebt übrigens im selben Haus und ist seine Tante. Unterstützt werde diese von seiner Cousine, die ebenfalls dort lebt und seinen Auszug wünsche. „Wer solche Verwandte hat, kann auf Feinde jeglicher Art verzichten.“

Familienstreit eskaliert: Tante lässt Neffen aus der Wohnung werfen

Die nächste Stufe der Eskalation im Familienstreit steht nun am Donnerstag, 4. Oktober, bevor: Um 10 Uhr kommt die Obergerichtsvollzieherin vom Amtsgericht Waiblingen – und dann muss Peter Baumann raus. „Auch ohne weitere richterliche Anordnung bin ich befugt, verschlossene Türen und Behältnisse gewaltsam zu öffnen sowie einen etwaigen Widerstand mit Hilfe der Polizei zu brechen“, heißt es in dem Schreiben der Obergerichtsvollzieherin, das unserer Zeitung vorliegt. Eine neue Wohnung hat Peter Baumann bislang nicht gefunden, was er sich vor allem damit erklärt, dass er als Schwerbehinderter bei potenziellen Vermietern eben schlechtere Chancen hat.

Als Peter Baumann auf Vorschlag seiner Tante von Schwäbisch Hall in deren Beutelsbacher Haus zog, war nach seiner Darstellung zu Beginn alles gut. „Ich habe viele Dinge im Haus repariert und erledigt. Endlich wieder ein Mann im Haus, meinten meine Cousine und meine Tante.“ Dann aber, sagt Peter Baumann, sei der Sommer 2017 gekommen – und in seiner Dachwohnung sei es unerträglich heiß geworden. Auf der Suche nach der möglichen Ursache habe er herausgefunden, dass die Wohnung nicht isoliert sei, deshalb habe die Hitze der Dachziegel ungehindert in die Wohnung eindringen können. Als er mit einem Kühlgerät das Raumklima verbessern wollte, maß er seine Wohnung aus – und stellte fest, dass die Wohnfläche nicht, wie von seiner Tante angegeben, 56 Quadratmeter beträgt, sondern 42. Peter Baumann kürzte, nachdem nach seiner Darstellung Gespräche nichts brachten, rückwirkend die Miete – und daraufhin erhielt er prompt die Kündigung.

Hohe Anwaltskosten für Baumann

Der ganze Streit ging vor Gericht, wodurch Peter Baumann laut eigener Aussage hohe Anwaltskosten entstanden. „Die letzten paar Monate habe ich 5000 Euro bezahlt.“ Seine Anwältin, sagt er, habe ihm dabei geraten, die Kürzung der Miete zurückzunehmen und vorläufig alles zu bezahlen. Das habe er auch getan, am Ergebnis habe er aber nichts mehr ändern können. Nun muss Peter Baumann spätestens am 4. Oktober die Wohnung verlassen – und ist dementsprechend verzweifelt. „Ich kann nix dafür, dass ich keine Wohnung finde.“

Tante gibt zu, die Wohnungsgröße irrtümlich falsch berechnet zu haben

Unsere Zeitung hat auch mit Peter Baumanns Tante gesprochen. Die 90-Jährige gibt im Gespräch zu, dass sie irrtümlich die Quadratmeterzahl falsch angegeben habe und die Dachwohnung im Sommer tatsächlich sehr heiß sei. Letzteres habe sie ihrem Neffen allerdings vorab gesagt. Dass dieser keine neue Wohnung finde, liegt laut der Tante daran, dass ihr Neffe geizig sei. „Der will bloß nix zahlen.“ Die 90-Jährige betont zudem, dass ihr Neffe zwar „wunderschön schwätzen“ könne, dass man ihm aber nichts glauben dürfe. „Das ist ein ganz böser Mann.“ Zudem betonte die Beutelsbacherin, vor Peter Baumann Angst zu haben, und verweist darauf, dass sie bereits Kontakt mit der Polizei hatte. Es liegen mehrere Anzeigen vor, umgekehrt hat Peter Baumann auch seine Cousine angezeigt, die in diesem Konflikt zu ihrer Tante hält.

Als unsere Zeitung die 90-Jährige mit der Aussage ihres Neffen konfrontierte, dass dieser angab, alle seine Mietschulden zurückgezahlt zu haben, konterte die 90-Jährige wie folgt: „Nein, das stimmt nicht. Ich habe immer noch zwei Mieten, die ich noch guthabe.“ Laut der Beutelsbacher Rechtsanwältin Nicole Kern, die Peter Baumann in der Sache vor Gericht vertrat, spricht gegen diese Behauptung doch einiges: Ursprünglich, nach einem Vergleich zwischen beiden Streitparteien im November 2017, sollte Peter Baumann die Wohnung bis zum 31. März räumen. Das Gericht verlängerte die Frist jedoch, weil dieser seinerzeit alle Mietrückstände beglichen hat. Auch der Umstand, dass Peter Baumann nachweisen konnte, dass er sich intensiv um eine neue Wohnung bemüht, hat zur Fristverlängerung beigetragen. Dass die Tante im Gespräch mit unserer Zeitung eingeräumt hat, irrtümlich eine falsche Wohnungsgröße angegeben zu haben, wundert indes Nicole Kern: „Sie hat immer gesagt: Die Wohnungsgröße war korrekt.“


Neue Vermieter können sich direkt melden

Peter Baumann freut sich über jeden potenziellen Vermieter, der sich bei ihm meldet. Laut eigenen Angaben kann er bislang selbstständig in einer Wohnung leben. Auch wegen des Finanziellen müsse sich niemand Sorgen machen. „Ich habe im Prinzip eine gute Rente – ich kann das bezahlen.“ Das heißt: Mit dem Jobcenter hätte ein Vermieter nach Baumanns Angaben nichts zu tun, da er alles selbst finanziert.

Wer dem 63-Jährigen eine Wohnung anbieten will, meldet sich unter 01 70/3 81 05 71 oder unter peter_a._baumann@web.de. Peter Baumann ist bereit, für eine neue Mietwohnung umzuziehen – und zwar auch in andere Landkreise in der Region.