Weinstadt

Selbstversuch: Einmal Taekwondo-Training an der S.C.-Kampfsportschule Weinstadt

S.C. Kampfsportschule
Unser freier Mitarbeiter Benjamin Mündler (20, blaues T-Shirt) wagte in Salvatore Ciaramitaros (Mitte) Kampfschule den Selbstversuch im Taekwondo. Kursteilnehmerin Julia (24) hat ihn dabei unterstützt. © Alexandra Palmizi

Es ist Mittwochabend, eine Stunde vor Trainingsbeginn. Suchend stehe ich vor meinem Kleiderschrank, allerdings finde ich dort zunächst kein Sportshirt. Vor fünf Jahren hätte ich davon noch eine schöne Auswahl vorgefunden. Sport habe ich zwar schon immer gerne gemacht, darunter elf Jahre Fußball und sieben Jahre Handball im Verein, mit Kampfsport kam ich bislang allerdings noch nie in Kontakt.

Umso mehr interessiert es mich, was sich genau hinter der südkoreanischen Kampfsportart Taekwondo verbirgt und wie ich mich bei den Übungen schlagen werde.

Hier kommt man besser nicht zu spät

Das Erwachsenentraining an der Taekwondo-Akademie der S.C.-Kampfsportschule Weinstadt findet immer mittwochs und freitags zwischen 19.30 und 21 Uhr statt. Als ich in der Kampfsportschule ankomme, bin ich bereits drei Minuten zu spät. Die Musik tönt laut aus dem Trainingsraum.

Alle stehen geordnet in weißen Anzügen mit Gürteln in unterschiedlichen Farben in Reih und Glied. Der Blick nach vorne zum Trainer gerichtet. Vor dem Betreten der Matte werde ich gleich darauf hingewiesen, mich kurz vor der koreanischen Flagge an der Wand zu verbeugen. Dann verstummt die Musik, und Trainer Salvatore Ciaramitaro ruft mich nach vorne – zehn Liegestütze gibt’s als Strafe fürs Zuspätkommen.

Salvatore Ciaramitaro hat viele Kampfsportarten ausprobiert 

28 Leute sind heute einschließlich mir ins Training gekommen. Die Altersspanne unter den Teilnehmern reicht von 15 bis etwa 40 Jahren, nach oben gibt es aber an und für sich keine Altersgrenze.

Trainer Salvatore ist der Leiter der Kampfsportschule und 34 Jahre alt. Mit sieben Jahren hat er bereits mit Judo begonnen. Anschließend probierte er sich mit Kickboxen, Karate und Boxen durch die Kampfsportwelt.

Hauptberuf: Justizbeamter

Geblieben ist er dann seit 2009 beim Taekwondo: „Mir gefällt die Wertevermittlung, die Zielstrebigkeit und Disziplin. Außerdem mag ich es, dass der Sport so vielseitig ist.“ Die Werte im Taekwondo lassen sich zusammenfassen mit Respekt, Disziplin, Höflichkeit, Hilfsbereitschaft und Zielstrebigkeit. Salvatores Start als Trainer war dann 2013 im Rahmen von Taekwondo-AGs an vier Schulen.

Hauptberuflich ist er Justizbeamter in Stuttgart: „Im Kontakt mit den Gefangenen begegne ich im Alltag viel Negativität. Durch das Training lädt man sich wieder positiv auf, alle hier sind gut drauf. Das ist mein Ruhepol“, sagt Salvatore.

Schreien gehört dazu

Nach meinen Strafliegestützen und Salvatores Nachfrage, ob's mir denn gut geht, reihe ich mich bei den anderen ein. Aufwärmen und Dehnen stehen zu Beginn auf dem Programm. Das Training startet gleich so intensiv, dass ich bereits nach fünf Minuten total am Schwitzen bin. Koordination, Beweglichkeit und Schnelligkeit werden in den Übungen abverlangt.

Die 24-jährige Julia wärmt sich neben mir auf und gibt mir immer wieder ein paar hilfreiche Tipps: „Die Fäuste auf Brusthöhe halten und das Schreien nicht vergessen.“ Etwas, das für mich ungewohnt ist und sich zunächst auch etwas komisch anfühlt.

Die Kampfsportschule ist frisch umgezogen

Trainer Salvatore sind die kurzen Schreie, „Kihap“ genannt, während der Übungen noch zu leise. Das bedeutet Liegestütze für alle. Nach einer halben Stunde ist die Aufwärmphase vorbei. Ich bin bislang durchaus zufrieden mit mir: Denn gefühlsmäßig bin ich nicht arg viel mehr außer Puste als die anderen Kämpfer auch.

Heute ist zudem ein besonderes Training, denn erst seit dem 1. Februar findet der Unterricht der Kampfsportschule in den neuen Räumlichkeiten statt. Zuvor tanzten hier die Teilnehmer der Tanzschule „Fun and Dance“.

Viele neue Mitglieder trotz Corona 

Salvatore Ciaramitaros Kampfschule wächst – trotz Corona. „Zu Beginn von Corona sind die Mitgliederzahlen gleich geblieben, aber im Juni 2021 haben wir zum Beispiel in einem Monat 30 neue Mitgliedschaften abgeschlossen.“ Mittlerweile zählt die Kampfschule 170 Mitglieder, die Nachfrage ist hoch.

Ab dem Alter von vier Jahren kann man in vier verschiedenen Altersgruppen mittrainieren. Außer Taekwondo bietet die S.C.-Kampfschule unter anderem auch Kickboxen, Boxen, Jiu-Jitsu, Zumba oder Yoga an.

24-Jährige kämpft seit 19 Jahren

Dann geht es in Zweierteams ans Pratzentraining. Pratzen sind die Schlagpolster, gegen die die Sportler während des Trainings treten. Julia ist an diesem Abend meine Partnerin. Vor 19 Jahren hat sie zusammen mit ihren Geschwistern mit dem Taekwondo begonnen und trägt inzwischen den schwarzen Gürtel.

An der Sportart gefällt ihr, dass es wie ein Teamsport ist. „Man kämpft zwar im Wettkampf auf der Matte allein, aber drum rum stehen deine Leute und feuern dich an.“

Verschiedene Tritte erfordern gute Koordination und Beweglichkeit

Salvatore macht die Übungen in der Mitte des Raumes vor. Der erste Tritt heißt „Paltong“. Ausgehend von der Grundstellung hebt man ein Bein an und kickt den Fuß gegen die Pratze. Im Anschluss geht es an den Tritt „Dwitjagi“. Hierbei dreht man sich einmal um die eigene Achse und stößt dann mit dem Fuß mit voller Wucht in die Pratze.

Koordinativ ist diese Übung für mich schon anspruchsvoller: Entweder bleiben die Arme nicht am Oberkörper, ich vergesse, das Standbein bei der Drehung mitzunehmen, oder natürlich den Kampfschrei. Doch Julia erinnert mich geduldig an diese Punkte, so dass es mit der Zeit immer besser wird. Nach einer kurzen gegenseitigen Verbeugung wechseln wir dann die Pratze. Nun wird mir bewusst, dass meine Tritte noch sehr zurückhaltend sind. Trotz des dicken Polsters spüre ich Julias Stoß deutlich im Bauch, und es haut mich vier Schritte nach hinten.

20 Sekunden Höchstleistung und zehn Sekunden Pause

Die dritte Übung ist eine Kombination aus „Paltong“ mit anschließendem „Dwitjagi“. Spätestens jetzt habe ich koordinativ einen Knoten im Kopf. „Das braucht ein Jahr, bis alles richtig sitzt“, sagt Julia. Nach dem Pratzentraining und einer kurzen Pause folgt das „Tabata“.

Ein Wechsel aus 20 Sekunden Höchstleistung und zehn Sekunden Pause. Zunächst kicken wir möglichst schnell von unten und dann von der Seite gegen die Pratze. Anschließend folgen Liegestütze, „Burpees“, Froschsprünge und Sit-ups, wobei man sich mit den Füßen seines Trainingspartners verhakt und beim Hochkommen gegenseitig abklatscht.

Wie lief es fürs erste Mal? 

„Jeder so, wie er kann“, sagt Trainer Salvatore. Hier muss keiner über seine Grenzen gehen. Wer nicht mehr kann, darf natürlich auch pausieren. Ich schaffe es, durchzuhalten. Die ein oder andere Liegestütze lasse ich aber aus. Zum Abschluss des Trainings sitzen alle Teilnehmer im Schneidersitz und schließen die Augen. Mucksmäuschenstill ist es für zwei Minuten im Trainingsraum. Auch so etwas habe ich bisher noch nie nach einem Training erlebt.

Salvatore, der mich während des Trainings immer wieder beobachtet hat, ist durchaus zufrieden mit mir: „Du hast es für den Anfang gut gemacht. Die Drehung kriegen zu Beginn nicht viele hin. Aber du darfst ruhig noch mit mehr Mut und Wucht zutreten.“ Auch an meinem Kampfschrei kann ich noch arbeiten.

Es ist Mittwochabend, eine Stunde vor Trainingsbeginn. Suchend stehe ich vor meinem Kleiderschrank, allerdings finde ich dort zunächst kein Sportshirt. Vor fünf Jahren hätte ich davon noch eine schöne Auswahl vorgefunden. Sport habe ich zwar schon immer gerne gemacht, darunter elf Jahre Fußball und sieben Jahre Handball im Verein, mit Kampfsport kam ich bislang allerdings noch nie in Kontakt.

Umso mehr interessiert es mich, was sich genau hinter der südkoreanischen Kampfsportart

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