Weinstadt

So schützen Angehörige Demente vor Betrug

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Wer als älterer Mensch bereits leichte Anzeichen von Demenz aufweist, ist für Betrüger ein besonders leichtes Opfer. © Pixabay/CC0 Creative Commons

Weinstadt-Beutelsbach. Wie können Senioren, die bereits leicht dement sind, besser vor Betrügern geschützt werden? Der Fall einer 78-Jährigen, die von einem ehemaligen Weinstädter und seinem Komplizen um 30 000 Euro betrogen wurde, zeigt, wie leicht es Täter mitunter haben. Wir sprachen dazu mit Sylvia Weltz-Wintergerst von der Evangelischen Fachschule für Altenpflege in Beutelsbach.

Mehrfach am Tag hat im Februar bei der 78-Jährigen das Telefon geklingelt – und ein angeblicher Herr Weber von Kripo Ludwigsburg versprach ihr mal 7000 Euro, mal 245 000 Euro, mal gar 350 000 Euro. Dafür sollte die Frau eine Gebühr bezahlen. Nach diversen Drohungen übergab die Seniorin schließlich 30 000 Euro in bar. Das 78-jährige Betrugsopfer hat, wie bei der späteren öffentlichen Verhandlung am Waiblinger Amtsgericht deutlich wurde (siehe Weinstadtseite vom 14. August), nur eingeschränkt verstanden, was passiert ist.

Verunsichert und überfordert

Wie genau ihr geistiger Zustand ist, weiß unsere Redaktion nicht. Topfit kann sie aber nicht sein, denn darauf wiesen unter anderem die folgenden Umstände hin: In den Zeugenstand hat die 78-Jährige ein Zeugenbeistand begleitet. Sie wirkte dort verunsichert und überfordert, erinnerte sich aber an die Anrufe. Die Übergabe des Geldes zur Wiedergutmachung schien sie nicht zu berühren. Vor vier Jahren ist die Seniorin bereits einem ähnlichen Betrug aufgesessen. Der anschließenden notariellen Aufsicht über ihre Vermögensführung hat sie nach zwei Jahren widersprochen. Noch wenige Tage, nachdem die Polizei Wind von der Sache bekommen und sie gewarnt hat, ist die 78-Jährige den Betrügern erneut aufgesessen. Aus dem Überwachungsprotokoll hat ein Polizist zitiert, sie habe am Telefon zu den Betrügern gesagt, sie werde langsam dement. Unsere Redaktion hat deshalb bei Sylvia Weltz-Wintergerst nachgefragt, wie Angehörige Senioren, die bereits leicht dement sind, besser vor Betrügern schützen können – und wie diese den Betrug eigentlich empfinden.

Hilfe bei der notwendigen Anzeigeerstattung anbieten

Laut der Schulleiterin der Evangelischen Fachschule für Altenpflege der Großheppacher Schwesternschaft ist bei Opfern allgemein oft Scham im Spiel, wenn sie auf Trickbetrüger hereinfallen. „Menschen mit Demenz hingegen begreifen im fortgeschrittenen Stadium ihrer Erkrankung nicht mehr, dass sie Opfer eines Schwindels wurden. Diese Tatsache nutzen Betrüger aus.“ Offenbaren sich die Betroffenen ihren Angehörigen, ist das nach ihrer Einschätzung ein großer Vertrauensbeweis. „Keinesfalls sollten diese mit Vorhaltungen reagieren, sondern Verständnis zeigen und ihre Hilfe bei der notwendigen Anzeigeerstattung anbieten.“

Post-its am Telefon

In einem frühen Stadium der Krankheit ist es laut Sylvia Weltz-Wintergerst sicher sinnvoll, über Machenschaften krimineller Banden zu informieren, diverse Warnbroschüren auszuhändigen und Post-its am Telefon anzubringen. „Da viele Senioren über keinen Internetzugang verfügen, fehlt es ihnen oftmals an Informationen. Wichtig ist zudem, mit dem Angehörigen in regelmäßigen Kontakt zu bleiben und nachfragen, wer sich gemeldet hat oder zu Besuch kam.“ Hier gibt es laut der Schulleiterin kein Standardvorgehen, denn neben dem Stadium der Erkrankung spiele auch die Persönlichkeit der Betroffenen eine Rolle. Also sei auch hier wieder Empathie gefragt. „Im fortgeschrittenen Stadium der Demenzerkrankung gestaltet sich eine Prävention schwierig, denn die gegebenen Informationen werden vergessen.“

Bankvereinbarung: Größere Summen nur nach Absprache abheben

Ulrich Strack, Lehrer an der Fachschule, rät Angehörigen, eine Bankvollmacht zu besorgen und zu vereinbaren, dass sie benachrichtigt werden, falls größere Beträge abgehoben werden. „Den Vormund für Erwachsene gibt es nicht mehr. Wenn Angehörige merken, dass ein älterer Mensch Anzeichen einer Demenz aufweist, sollten sie sich rechtzeitig um eine notarielle General- und Vorsorgevollmacht bemühen.“ Auch eine Betreuungsverfügung sei sinnvoll oder bei fortgeschrittener Demenz eine Betreuung. Dafür sind die Betreuungsbehörde respektive das Amtsgericht zuständig.

Lösung: Betreuung

Wer früher einen dementen Angehörigen vor fatalen Geschäften bewahren wollte, musste ihn letztlich entmündigen lassen. Heute, sagt der Waiblinger Amtsgerichtsdirektor Michael Kirbach, gebe es das Instrument der Betreuung. Das bedeutet, dass ein Betreuer die Möglichkeit hat, sich im Namen des dementen Angehörigen um dessen Finanzen zu kümmern. Hier besteht allerdings immer noch die Gefahr, dass der Demente eigenständig Geschäfte tätigt, die sich nachteilig für ihn auswirken.

Wirklichen Schutz bietet laut Kirbach eine Betreuung mit Einwilligungsvorbehalt, die auf Antrag von einem Richter genehmigt werden muss. Dann ist der Betroffene nur noch beschränkt geschäftsfähig. Alle Verträge, die er abschließt, werden erst dann rechtswirksam, wenn der Betreuer im Nachhinein zustimmt. Ausnahme davon ist ein sogenanntes Taschengeld, über das der Demente frei verfügen kann, um sich Kleinigkeiten zu kaufen.

Der Einwilligungsvorbehalt bietet für Demente indes keine 100-prozentige Sicherheit. „Sie sind nicht vor kriminellen Machenschaften geschützt“, betont Kirbach. Wer Schmuck und große Bargeldmengen im Haus habe, könne beides trotzdem verlieren.