Weinstadt

So umfahren Pendler die Stauhochburg Remseck

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So oft es geht, fährt Ralf Zweifel (49, links) von seinem Wohnort Ludwigsburg-Hoheneck mit dem Rad zu seiner Arbeit bei der Beutelsbacher Firma Müko. Ansonsten ist er mit dem Auto unterwegs, was er als ungleich stressiger empfindet. Arbeitskollege Tobias Braun (37) fährt seit etwa zweieinhalb Monaten mit dem E-Bike statt dem Auto von der Gemeinde Murr ins Geschäft – und genießt dabei die Natur. © Palmizi / ZVW

Weinstadt-Beutelsbach. Die Stauhochburg Remseck meidet Ralf Zweifel schon lange. Der Pendler schwört auf Schleichwege, um mit dem Auto von Ludwigsburg zu seiner Arbeit bei der Beutelsbacher Firma Müko zu kommen. Wenn es geht, radelt er jedoch lieber. Sein Arbeitskollege Tobias Braun pendelt seit zweieinhalb Monaten nur noch mit dem E-Bike von Murr ins Remstal – und genießt dabei die Natur.

Mit öffentlichen Verkehrsmitteln ist es am schlimmsten. Wenn Ralf Zweifel vom Ludwigsburger Teilort Hoheneck mit Bus und Bahn kommen will, muss er erst mal zum Omnibusbahnhof in Ludwigsburg fahren, dort in den Direktbus nach Waiblingen steigen und dann in Waiblingen selbst die S 2 nach Beutelsbach nehmen. Eine Strecke, für die er rund 75 Minuten braucht. „Da stecken Sie in Remseck genauso wie die anderen im Stau drin“, sagt der 49-Jährige.

Mit dem Auto das Nadelöhr Remseck vermeiden

Da ist er mit dem Auto schneller: Für 25 Kilometer benötigt Ralf Zweifel im besten Fall 35 Minuten, in der Regel 45. Die Zeiten schafft er freilich nur, weil er das Nadelöhr Remseck meidet – und auf Schleichwegen über den Ludwigsburger Teilort Poppenweiler, Hohenacker, Korb, Kleinheppach und Großheppach zu seinem Arbeitgeber Müko nach Beutelsbach fährt. Am allerliebsten ist Ralf Zweifel jedoch mit dem Rad unterwegs. Hier tritt er zwar eine Stunde in die Pedale, aber dafür fühlt er sich am wohlsten. „Ich bin länger frisch, ich habe mehr vom Tag.“

Tobias Braun und seine Frau haben fürs E-Bike ihr zweites Auto verkauft

Ähnlich geht es seinem Arbeitskollegen Tobias Braun, der seit rund acht Jahren bei der Maschinenbaufirma Müko arbeitet. Wenn er sich an seinem Wohnort, der Gemeinde Murr an der Murr im Landkreis Ludwigsburg, auf sein E-Bike schwingt, braucht Tobias Braun eine Stunde und fünf Minuten. Wenn er richtig fest in die Pedale tritt, schafft er es auch mal in genau einer Stunde. Früher ist der heute 37-Jährige immer mit dem Auto zur Arbeit gefahren, doch dabei musste er laut eigenem Bekunden erfahren, wie der Verkehr auf seiner Route immer schlimmer wurde – mit der Folge, dass er zuletzt eine Stunde unterwegs war. „Es ist einfach extrem geworden.“ Insbesondere bei der Rückfahrt habe es zum Teil gefährliche Situationen gegeben, vor allem durch Rückstaus bei Winnenden. Als sein Arbeitgeber anbot, Mitarbeiter in Sachen E-Bike finanziell zu unterstützen, schlug Tobias Braun zu. Seine Frau und er verkauften ihr zweites Auto – und seither pendelt der Familienvater meist mit dem E-Bike.

Jobrad bietet E-Bikes als Diensträder zum Leasen an

Laut Uwe Müller, einer der beiden Geschäftsführer, kooperiert Müko hierfür mit Jobrad, die E-Bikes als Diensträder zum Leasen anbietet. Die Mitarbeiter suchen sich eines aus, die Kosten fürs Leasing werden ihnen direkt vom Bruttolohn abgezogen, was steuerlich von Vorteil ist. Die Ersparnis gegenüber einem Kauf liegt im Fall von Tobias Braun bei etwa zehn Prozent. Zusätzlich zahlt Müko eine Vollkaskoversicherung und eine Versicherung gegen Diebstahl.

Mangel an Stellplätzen im Beutelsbacher Gewerbegebiet

Etwa 15 Beschäftigte am Standort Weinstadt mit seinen rund 135 Mitarbeitern (inklusive Azubis) nutzen das Angebot derzeit. Uwe Müller sieht darin viele Vorteile, sei es für die Zufriedenheit und Fitness der Mitarbeiter, aber auch mit Blick auf die Parkplatzsituation. „Im Winter kommt es schon zu Engpässen“, weiß der Geschäftsführer und verweist darauf, dass es im Beutelsbacher Gewerbegebiet nun mal allgemeinen Mangel an Stellplätzen gibt. Klar, am Bahnhof stehen viele Parkplätze bereit, aber die sind nach Uwe Müllers Erfahrung unter der Woche oft schon voll, wenn die meisten seiner Mitarbeiter kommen – und das ist so zwischen 7.30 Uhr und 8 Uhr der Fall.

Bei vereisten Straßen auf Auto oder Bahn umsteigen

Uwe Müller will freilich nicht, dass seine Mitarbeiter um jeden Preis mit dem E-Bike oder Fahrrad zur Arbeit kommen. Gerade an Tagen, an denen die Straßen vereist sind, wünscht sich der Müko-Geschäftsführer, dass seine Beschäftigten auf Auto oder Bahn umsteigen – um einfach das Risiko eines Sturzes zu vermeiden. Gefährlich ist es vor allem dann, wenn Schnee auf vereisten Flächen liegt.

Rund 1,5 Stunden mit öffentlichen Verkehrsmitteln von Murr nach Beutelsbach

Was Tobias Braun an solchen Tagen machen wird, muss sich der 37-Jährige noch überlegen. Würde er auf öffentliche Verkehrsmittel umsteigen, wäre er nach eigenen Angaben rund 1,5 Stunden unterwegs. Er müsste den Bus nach Marbach nehmen, dort in die S-Bahn einsteigen und nach Backnang fahren. Von dort aus müsste er in die S 3 nach Waiblingen umsteigen – und dort wiederum in die S 2 nach Beutelsbach. Mit dem Rad braucht er wie gesagt täglich eine Stunde hin und eine Stunde zurück. Macht zehn Stunden zusätzliche Bewegung in der Woche, die dem Familienvater guttut. So kann er den Sport, zu dem er sonst keine Zeit finden würde, bequem in seinen Alltag packen.

Dazu kommt die Entspannung. „Ich kann unterwegs Themen reflektieren.“ Genauso sieht es auch sein Kollege Ralf Zweifel, der versucht, so oft wie möglich mit dem Rad ins Geschäft zu kommen. „Auf jeden Fall kann man besser abschalten.“


Ärger auf Radwegen

Wer mit dem E-Bike oder Rad zur Arbeit fährt, erlebt immer wieder rücksichtsloses Verhalten. Tobias Braun fährt gerne auf dem aus seiner Sicht ausgezeichneten Radweg zwischen Korb und Großheppach. Nur muss er sich regelmäßig über Hundebesitzer ärgern, die dort mit ihren Tieren Gassi gehen und gern mal mitten auf dem Weg stehen.

Eine Nachfrage unserer Zeitung bei der Stadtverwaltung hat übrigens ergeben, dass es sich hier um den Landesfernradweg Altneckar handelt. Es ist eine touristische Route, auf der aber nicht nur Radfahrer unterwegs sein dürfen, sondern auch Fußgänger oder landwirtschaftliche Fahrzeuge. Somit gilt auf diesem Weg das Gebot der gegenseitigen Rücksichtnahme.

Ralf Zweifel hat es schon erlebt, dass er von Fußgängern angemacht wurde, weil sein Licht angeblich zu stark geblendet habe. Nun will der 49-Jährige gar nicht so tun, als ob so was nie vorkommen kann. „Die meisten Radfahrer haben ihr Licht zu hoch eingestellt.“ Zur Wahrheit gehöre aber auch, dass man als Radfahrer immer wieder Leute beinahe übersieht, weil sie ohne Licht unterwegs sind und sich viel zu dunkel kleiden.

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