Weinstadt

Tiere verschenken? Für Tierärztin Eva Krause aus Weinstadt eine schlechte Idee

Eva Krause
Tierärztin Dr. Eva Krause vor ihrer Praxis in Beutelsbach. © Gabriel Habermann

Sie sind so süß und so flauschig: Gerade Tierbabys üben auf Kinder eine große Faszination aus. Schnell entsteht der Wunsch, selbst so ein Tierchen zu haben – und ein flauschiger Gefährte landet ganz oben auf dem Wunschzettel für Weihnachten oder den nächsten Geburtstag. Doch wenn Eltern dem leichtfertig nachgeben, stehen sie nicht selten schnell vor einem Problem: Das Tier ist jetzt da und braucht mehr Pflege als erwartet. Und das Kind ist vielleicht gar nicht mehr ganz so interessiert daran, wie noch vor einigen Wochen. Doch was nun?

Die Weinstädter Tierärztin Eva Krause sieht das Ergebnis solcher unüberlegten Tierkäufe regelmäßig in ihrer Praxis. Sie kann bestätigen: Tiere sind immer noch ein beliebtes Geschenk – nicht nur für Kinder, sonder auch bei Erwachsenen für den Partner. Ihrer Beobachtung nach werden seltener Hunde und Katzen unüberlegt verschenkt, sondern meistens kleine Heimtiere wie Hamster, Meerschweinchen und Kaninchen.

Zu kleiner Käfig als häufigster Haltungsfehler

Das bringt typische Haltungsfehler mit sich. In den meisten Fällen sei der Käfig oder das Gehege viel zu klein, berichtet die Tierärztin. Kaum jemand weiß, dass die im Tierhandel erhältlichen Käfige für Nager und Co. eigentlich ausschließlich nicht den vom Tierschutz vorgeschriebenen Mindestmaßen entsprechen. „Die Haltungsbedingungen sind oft katastrophal“, sagt Eva Krause. Für Kaninchen sind das rund um die Uhr mindestens sechs Quadratmeter für zwei Tiere. Einzelhaltung ist tierschutzwidrig – ein weiterer verbreiteter Haltungsfehler, weiß die Tierärztin. Ähnlich sieht es bei den Meerschweinchen aus.

Bei den Hamstern seien meistens auch die Käfige zu klein. Außerdem meinen es viele unerfahrene Halter hier gut und setzen zwei Tiere zusammen in einen Käfig. Im Gegensatz zu den hochsozialen Meerschweinchen und Kaninchen sind die Vertreter der meisten Hamsterarten aber absolute Einzelgänger. Insgesamt seien Hamster als Haustiere für Kinder nur bedingt geeignet, sagt die Tierärztin. „Hamster sind nachtaktiv. Man kann sie toll beobachten, aber es sind keine Kuscheltiere.“

Pflege wird unterschätzt

Von Natur aus laufen Hamster nachts mehrere Kilometer. Deshalb ist das berühmte Hamsterrad auch heutzutage noch ein wichtiges Accessoire in jedem Hamsterkäfig. Das sei auch richtig so, sagt Eva Krause. Nur müsse man bei der Auswahl des Rades vorsichtig sein: Ist das Rad aus einem Metallgeflecht, läuft sich das Tierchen daran nicht nur die Füße wund – es kann sich auch mit den Krallen in den Löchern verfangen und sich schwer verletzen. Insgesamt unterschätzen wohl viele Eltern, die fürs Kind ein Tier anschaffen, wie viel Pflege diese doch nötig haben. „Ich sehe dem Tier ja an, ob man sich darum kümmert oder nicht, wenn es zu mir in die Praxis kommt“, sagt die Tierärztin.

Nicht selten bringt ein Kind ein Kaninchen mit überlangen Krallen und völlig verfilztem Analbereich oder ein Meerschweinchen, dessen Krallen schon spiralförmig eingewachsen sind und das ganz entzündete Füße hat.

Viele Fehlinformationen zu Lebenserwartung und Futter

Bei älteren Kindern spreche sie das dann auch direkt bei den jungen Haltern an: „Ich frage, ob man nicht schon mal daran gedacht hat, dass es das Tier woanders besser hätte“, berichtet sie. Und weist darauf hin, dass sonst die Haltung dringend verbessert werden müsse. Dadurch fange sie sich manchmal brüskierte Blicke von den Eltern ein. „Aber da bin ich rigoros“, sagt Eva Krause.

Sie weiß aber auch: Bei vielen Haltern nützt aller guter Rat nichts. Die Vernachlässigung der dann doch oft zähen Tiere hält teilweise über viele Jahre an. Denn anders als Hamster, die wirklich nur wenige Jahre leben, haben Meerschweinchen eine Lebenserwartung von fünf bis acht Jahren. Kaninchen werden sogar bis zu zwölf Jahre alt. „Viele denken: Ach, die werden eh nicht alt“, sagt die Tierärztin. Doch das trifft auf diese Tierarten eben nicht zu. „Das ist total falsch.“

Weiter geht es bei der richtigen Fütterung: In den Regalen von Einzelhändlern für Heimtierbedarf winken unzählige verschiedene Arten Futter in Form von Pellets, Körnermüslis, teils mit hübschen bunten Ringen vermischt. Für Hamster gibt es nette Leckerlis wie Joghurtdrops oder Ähnliches. „Die Leute sehen das im Fachhandel und denken sich: Es wird angeboten, das wird schon seine Richtigkeit haben“, sagt die Tierärztin. „Dabei ist gerade solches Körnerfutter wirklich Gift für Kaninchen.“

Was die meisten nämlich nicht wissen: Kaninchen sind keine Nagetiere, sondern gehören zur Familie der Hasenartigen. Sie sind Folivoren, zu Deutsch Blattfresser. Zu hartes und zu energiereiches Futter wie Getreide oder auch Pellets führen oft zu Zahn- und Verdauungsproblemen. Meerschweinchen gehören zwar zu den Nagetieren, viele der gängigen Futtermittel sind aber trotzdem ungeeignet.

Viele auf Unwissenheit zurückzuführende Notfälle

Insgesamt wissen einige Halter einfach nicht genug über ihre Tiere, um im Ernstfall richtig zu reagieren, sagt Eva Krause: „Viele wissen zum Beispiel nicht, dass es bei Meerschweinchen und Kaninchen sofort gefährlich ist, wenn sie nichts fressen. Nicht erst nach ein oder zwei Tagen“, sagt die Tierärztin. Denn dann droht bei den kleinen Heimtieren eine Aufgasung des Verdauungstrakts, die sehr schnell lebensbedrohlich wird. Besonders viele auf Unwissenheit zurückzuführende Notfälle gibt es laut der Tierärztin im Sommer: Wer Meerschweinchen oder Kaninchen ohne Sonnenschutz in ein Freigehege im Garten setzt, riskiert einen Hitzschlag. Auch aufgeheizte Wohnungen stellen eine echte Gefahr dar: Die Tiere sind sehr hitzeempfindlich.

Fliegen sind eine ernste Bedrohung

Im Sommer werden auch Fliegen, besser gesagt ihre Maden, zu einem Problem für Heimtierhalter – besonders, wenn die Hygiene im Gehege nicht stimmt. Die Fliegen folgen dem Geruch und legen in den Toilettenecken ihre Eier ab. Setzt sich das Tier darauf, kriechen ihm die Maden ins Fell. Ist dieses verfilzt und verschmutzt, fühlen sich die Fliegenmaden besonders wohl. Bemerken Halter den Befall nicht sofort, wird das betroffene Tier regelrecht von den Maden aufgefressen. Dann kommt jede Hilfe zu spät. „Das habe ich im Sommer wirklich zwei- bis dreimal pro Woche“, berichtet Eva Krause aus der Praxis.

Kommt ein Halter zum ersten Mal mit einem betroffenen Tier, habe sie dafür natürlich Verständnis. „Wenn sie dann aber das zweite oder dritte Mal kommen, finde ich das dann schon einfach schrecklich.“ Denn dann liegt ihrer Meinung nach eindeutig ein Haltungsfehler vor – und die Menschen lassen die Tiere wissentlich leiden.

Tierärztin Eva Krause plädiert dafür, dass sich Menschen, die sich oder ihrem Kind ein Tier anschaffen wollen, sich richtig informieren – und zwar am besten, bevor sie sich ein Kaninchen, Meerschweinchen, Hamster oder Ähnliches anschaffen. Man könne auch einfach mal zum Tierarzt gehen und sich dort beraten lassen. Oder bei einem Tierschutzverein. Denn auch bei der Fachliteratur seien längst nicht alle Quellen unbedenklich, sagt Eva Krause.

Inzwischen gibt es allerdings auch einige Seiten im Internet, die versuchen, über die artgerechte Haltung von kleinen Heimtieren aufzuklären. Bei Kaninchen ist das zum Beispiel die Internetseite der bayrischen Tierschützerin und Veterinärmedizin-Studentin Viola Schillinger "kaninchenwiese.de". „Kaninchenwiese ist super für die Kaninchen und hat sich mittlerweile zum Glück auch durchgesetzt“, findet die Tierärztin. Für Meerschweinchenhalter gibt es Internetseiten wie "meerschweinchenhilfe.de", die von einem Tierschutzverein mit Sitz in Ostfildern betrieben wird.

Sie sind so süß und so flauschig: Gerade Tierbabys üben auf Kinder eine große Faszination aus. Schnell entsteht der Wunsch, selbst so ein Tierchen zu haben – und ein flauschiger Gefährte landet ganz oben auf dem Wunschzettel für Weihnachten oder den nächsten Geburtstag. Doch wenn Eltern dem leichtfertig nachgeben, stehen sie nicht selten schnell vor einem Problem: Das Tier ist jetzt da und braucht mehr Pflege als erwartet. Und das Kind ist vielleicht gar nicht mehr ganz so interessiert

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