Weinstadt

Urlaub zu Hause: Wie Kleingärtner in Weinstadt ihre Freizeit verbringen - und was wegen Corona anders ist

Gartenfreunde
Besuch bei den Gartenfreunden in Endersbach (von links): Peter Frank (Kassier), Matthias Ehmann (Erster Vorsitzender), Wolfgang Wöhrstein (Schriftführer) und Hartmut Renz. © Gabriel Habermann

Während Corona das öffentliche Leben zum Erliegen gebracht hat, haben sich viele Weinstädter in ihre Gärten gestürzt, haben gewerkelt, umgebaut, renoviert und gepflanzt. „So gut in Schuss waren die Parzellen noch nie“, sagt Matthias Ehmann, Erster Vorsitzender der Gartenfreunde Endersbach.

"Die Leute haben deutlich mehr Zeit"

An den Gärten zeigen sich Auswirkungen der Corona-Krise, die ausnahmsweise positiv gesehen werden können. „Die Leute haben deutlich mehr Zeit als sonst im Garten verbracht und viel früher gepflanzt“, sagt Ehmann.

Wer nicht acht Stunden täglich beim Arbeitgeber präsent sein muss, greift häufiger ohne Zeitdruck zum Gartenschlauch, muss das Heckeschneiden nicht irgendwie in ein Zeitfenster zwischen Terminen reinschieben und widmet sich der Unkrautentfernung ausgiebiger.

„Es ist jedes Mal ein Wunder“

Hartmut Renz, einer der langjährigen Pächter und seit mehr als 40 Jahren Mitglied, nickt zustimmend. Obwohl in Rente, habe er heuer mehr Zeit bei seinen Hochbeeten verbracht, weil der Lockdown das gesamte gesellige Leben zum Erliegen gebracht hat. Und dann hat noch das Wetter mitgemacht. Froh um Garten und Pflanztätigkeit ist auch Peter Frank, der Kassier des Vereins: „Es ist faszinierend, zu sehen, wie etwas wächst.“ Oft sei abends noch nichts zu sehen, anderntags rage dann zartes frisches Grün aus der braunen Erde. „Es ist jedes Mal ein Wunder, wie aus einem Samen so viel Unterschiedliches entstehen kann.“

Ein Drittel der Parzelle muss ein Nutzgarten sein

Die Gartenfreunde legen ihr Motto des „naturgemäßen Gärtnerns“ großzügig und aus Sicht des Vorsitzenden Ehmann „nicht so streng“ aus. Rund ein Drittel der Parzelle sollte Nutzgarten sein – allerdings laufe niemand die Parzellen ab und messe auf den Millimeter genau ab, versichern die Vorstandsmitglieder. In ihren Reihen könnten sich jene ausleben.

Über den ökologischen Erfolg und den Nutzgartenaspekt hinaus steht der Freizeitwert im Vordergrund: „Man will sich entspannen, die Menschen sehnen sich nach einem kleinen Paradies“, sagt Schriftführer Wolfgang Wöhrstein. Während der strengen Kontakteinschränkungen sei der Parkplatz vor der Anlage voller als sonst gewesen.


Neue Pools und Planschbecken sind entstanden

Wer ein selbst gestaltetes grünes Eckchen sein Eigen nennt, konnte flüchten vor dem zwischen Home-Office, Kurzarbeit und Home-Schooling nahenden Lagerkoller. „Man konnte raus ins Freie, mit der Familie zusammen sein und hatte einen Rückzugsort, um sich wohlzufühlen“, sagt Wöhrstein. Für Familien mit kleiner Stadtwohnung ohne Balkon und Garten wurden die Gärten zu Ersatz-Inseln für den entgangenen Urlaub in der Ferne umgestaltet. „Es sind einige neue Pools und Planschbecken hinzugekommen, mit denen man die Kinder begeistern kann“, sagt Matthias Ehmann.

Verein hat 100 Mitglieder

Insbesondere unter der jüngeren Generation finde der Garten immer mehr Anhänger: „Er hat hohen Freizeitwert und Erholungsqualität“, sagt der Vorsitzende. Aktuell zähle der Verein 100 Mitglieder, davon sind 37 Pächter. Der Altersdurchschnitt liege zwischen 50 und 60 Jahren. Seit 2013, seit Matthias Ehmann Vorsitzender ist, habe er mehr als die Hälfte der Parzellen an Neupächter übergeben. In zehn der 37 Gärten seien die Pächter jünger als 40 Jahre. Derzeit seien alle Gärten belegt. Ein coronabedingter Anstieg an Pachtanfragen sei nicht zu beobachten.

Auf der Warteliste stehen fünf Interessenten – hauptsächlich junge Familien. „Da die Wartezeit nicht vorhersehbar ist, springen einige wieder ab und suchen anderweitig ein Gartengrundstück, weil es ihnen zu lange dauert“, so Ehmann.

Veranstaltungen sind ausgefallen

Gleichwohl hat der Lockdown dem Verein einen gehörigen Schlag verpasst. Anfang Februar: Die jährliche Pächterversammlung sei noch regulär über die Bühne gegangen, danach war zappenduster. Das Jahresprogramm wurde gekappt: Seewiesenfest Mitte Mai, der Ausflug am Vatertag mit anschließendem Verkauf vorm Vereinsheim, das Göckelesfest im September und der Vereinsausflug, der heuer nach Würzburg geführt hätte – gestrichen.

„Es hat uns nicht das Genick gebrochen“

Die Herzsportgruppe und der Naturschutzbund, die das Vereinsheim der Gartenfreunde für ihre Versammlungen und Feste gegen Gebühr nutzen, haben alles abgesagt. Die geplanten Anschaffungen wie die Pergolaüberdachung und ein Defibrillator, die im Wirtschaftsplan standen, seien zurückgestellt worden, so Peter Frank. „Sämtliche Einnahmen sind weg, die laufenden Kosten für Instandhaltung, Gas und Strom fallen aber weiterhin an.“ Und dennoch: Bis jetzt seien sie glimpflich durch die Krise gekommen. „Es hat uns nicht das Genick gebrochen, wir können es noch stemmen, aber es muss nächstes Jahr wieder besser werden.“

Durch die Corona-Lockerungen bewegen sich alle wieder freier

Was allen derzeit am meisten fehlt, ist Geselligkeit. „Wir hoffen, dass wir bald wieder in gemeinsamer Runde beisammensitzen können“, sagt Wolfgang Wöhrstein. Eine Hoffnung, dass vielleicht doch nicht alles restlos begraben werden muss, liege auf einer Alternative zum ausgefallenen Helferfest. „Wir denken darüber nach, es in ein Familienfest umzumodeln, eventuell im November, um mal wieder eine Zusammenkunft zu ermöglichen.“ Erst seit den Lockerungen Anfang Juni könne man sich wieder freier auf dem Gelände bewegen und mit den Mitgliedern persönlich sprechen, denen man wochenlang nur Winkzeichen über den Zaun gegeben habe.


Türklinken in Toiletten müssen desinfiziert werden

Als klar war, dass die Parzellen als Privatraum und nicht als öffentlicher Raum eingestuft werden, haben die Verantwortlichen des Vereins nach eigenen Angaben die Regeln des Landesverbands der Gartenfreunde umgesetzt. Vereinsheim, Spielplatz und WC seien vorübergehend geschlossen gewesen. Mit den schrittweisen Lockerungen habe sich der Alltag auf der Kleingartenanlage allmählich wieder dem Normalzustand genähert. Jeder Pächter besitze einen Toilettenschlüssel, sei aber verpflichtet, Türklinken nach der Nutzung zu desinfizieren oder sie erst gar nicht zu berühren. Etwa indem die Tür statt mit den Händen mit dem Schlüssel geöffnet wird.

Spielplatz wieder geöffnet

Nur eine Person darf sich in der Toilette aufhalten. Der Spielplatz sei inzwischen wieder freigegeben worden. Bei Begegnungsverkehr, der den erforderlichen Abstand nicht zulässt, gelte Mundschutzpflicht.

Kein Thema seien die Masken beim Frühschoppen, der gerettet werden konnte. Sonntagmorgens hocken nach Auskunft von Matthias Ehmann immer vier Mitglieder zusammen und freuen sich des Gärtner-Lebens. „Der Tisch ist groß genug, dass wir Abstand halten können.“

Während Corona das öffentliche Leben zum Erliegen gebracht hat, haben sich viele Weinstädter in ihre Gärten gestürzt, haben gewerkelt, umgebaut, renoviert und gepflanzt. „So gut in Schuss waren die Parzellen noch nie“, sagt Matthias Ehmann, Erster Vorsitzender der Gartenfreunde Endersbach.

"Die Leute haben deutlich mehr Zeit"

An den Gärten zeigen sich Auswirkungen der Corona-Krise, die ausnahmsweise positiv gesehen werden können. „Die Leute haben deutlich mehr Zeit als sonst

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