Weinstadt

Verzweiflungstat in Weinstadt: Frau legt Feuer in Mehrfamilienhaus

Amsgericht Waiblingen
Eine 45-Jährige aus Weinstadt musste sich vor dem Amtsgericht Waiblingen verantworten. © Benjamin Büttner

Im Frühsommer 2020 hat eine Frau aus Weinstadt eine gefährliche Verzweiflungstat begangen: Sie legte Feuer in der Wohnung eines Mehrfamilienhauses, in dem sie mit ihrer Familie lebt. Weil der Ehemann rasch reagierte, fand die Geschichte ein glimpfliches Ende. Sie hätte aber auch böse enden können. Jetzt musste sich die Frau vor dem Amtsgericht in Waiblingen verantworten.

Wer daran denkt, sich das Leben zu nehmen, dem kann die Telefonseelsorge helfen, die rund um die Uhr und kostenfrei unter Tel. 08 00/11 10 111 oder Tel. 08 00/11 10 222 zu erreichen ist.

Gutachterin: Angeklagte leidet unter Anpassungsstörung 

Die 45-jährige Angeklagte aus Weinstadt hegte solche Gedanken. Sie hat sich mittlerweile in therapeutische Behandlung begeben. Inzwischen ist bei ihr eine Anpassungsstörung diagnostiziert worden. Es sei nicht auszuschließen, sagte eine psychiatrische Gutachterin vor Gericht, dass diese Störung zu einer „erheblichen Einschränkung der Steuerungsfähigkeit“ geführt habe. Doch was trieb die Frau dazu, vor einem Jahr ihr Zuhause anzuzünden – nach eigenen Angaben in der Absicht, sich das Leben zu nehmen? Die Antwort: Es kam offenbar einiges zusammen.

Zum einen hatte sich die Weinstädterin in der 88 Quadratmeter großen Wohnung um ihren Ehemann, drei jugendliche bis erwachsene Kinder sowie die jüngst eingezogenen pflegebedürftigen Schwiegereltern zu kümmern. Für sieben Personen, darunter zwei mit erhöhtem Betreuungsbedarf, bot die Wohnung allerdings nicht ausreichend Platz. Dann mangelte es der Hausfrau offenbar an Unterstützung durch die restliche Familie. Insbesondere der Schwiegervater stellte immer neue Forderungen. Weil die Frau kaum Deutsch spricht, obwohl sie seit mehr als 20 Jahren hier lebt, hat sie zudem kaum soziale Kontakte. Die Situation verschärfte sich weiter, als ihr Mann wegen der Corona-Krise seinen Job verlor.

Die Dreizimmerwohnung sei viel zu klein gewesen für die vielen Menschen, die darin gelebt haben, sagt eine Polizistin, die zum Tatort gerufen worden war, vor Gericht aus – aber alles sei doch „sehr sauber und aufgeräumt“ gewesen. Die Beamtin erinnert sich allerdings auch an den starken Brandgeruch am Tatort und die beiden Feuerstellen: Eine befand sich im Schlafzimmer, eine in der Küche.

Der Ehemann löscht beide Brände und verhindert Schlimmeres

Die Frau auf der Anklagebank räumt vollumfänglich ein, was ihr die Staatsanwaltschaft vorwirft, den Versuch der schweren Brandstiftung.

Ihr Schwiegervater habe nach einer Zigarette verlangt, „da ist es passiert“, übersetzt eine Dolmetscherin. Mit dem Feuerzeug, das die Hausfrau gegriffen hatte, zündete sie keinen Glimmstängel an, sondern Klamotten, die sie im Schlafzimmer aufgehäuft hatte. Das Feuer wurde rasch bemerkt, der Ehemann löschte es. Da verlagerte die verzweifelte Frau ihr Vorhaben in die Küche, zündete Müllsäcke an, die dort gestapelt waren. Auch dieser Brand loderte nur kurz, ehe der Mann ihn stoppte. Der 60-Jährige hatte zudem den Notruf gewählt, doch die Feuerwehr musste nicht mehr eingreifen.

Amtsrichter Kärcher, der von zwei Schöffinnen unterstützt wird, hat zur Verhandlung einen Brandsachverständigen geladen. Dieser gibt seine Einschätzung ab: Wie groß war die Gefahr, die von den Brandstiftungen der 45-Jährigen ausgelöst worden ist?

In der Küche standen Gasflaschen in der Nähe des Feuers

„Für einen Vollbrand war in dem Zimmer genügend Brandlast vorhanden“, sagt der Experte über den ersten Versuch im Schlafzimmer. In der Küche seien außerdem Flaschen mit Butangas in der Nähe der entzündeten Müllsäcke gestanden.

Für beide Versuche gilt: Hätte der Ehemann nicht reagiert, hätte sich das Feuer in der ganzen Wohnung und darüber hinaus ausbreiten können. Wobei die restlichen Bewohner des Mehrfamilienhauses vermutlich durch vorhandene Rauchmelder gewarnt worden wären und das Haus rechtzeitig hätten verlassen können.

An die anderen Menschen im Haus habe sie nicht gedacht, gibt die Frau auf eine Frage Richter Kärchers hin zu. Nach der Tat befand sie sich eine Zeit lang in einer Heilanstalt. Seit sie Antidepressiva nimmt, geht es ihr besser.

Vom Schöffengericht wird sie schließlich zu acht Monaten Freiheitsstrafe auf Bewährung verurteilt. Der Staatsanwalt hatte in seinem Plädoyer gesagt, die Tat sei „als Hilferuf zu verstehen“. Dass aber „Menschenleben gefährdet werden“, dazu hätte es aus seiner Sicht bei aller Überlastung nicht kommen dürfen, weshalb er zehn Monate Freiheitsstrafe, ausgesetzt zur Bewährung, gefordert hatte.

Verteidiger: Sie wollte nicht „die Bude abfackeln“

Der Verteidiger der Frau hatte hingegen für eine Geldstrafe plädiert. Er sagte: „Ihr Fokus lag nicht darauf, die Bude abzufackeln, sondern Aufmerksamkeit zu finden.“ Sonst hätte seine Mandantin die Klamotten und die Müllsäcke wohl kaum am helllichten Tage und quasi unter Zeugen in Brand gesteckt. Auf das Urteil hin verzichten allerdings sowohl er als auch der Staatsanwalt darauf, Rechtsmittel einzulegen. Es ist somit rechtskräftig.

Die Kosten des Verfahrens trägt die Frau – darauf, Arbeitsstunden zu verhängen, verzichtete das Schöffengericht. Ein Bewährungshelfer wird allerdings darauf achten, dass sich die Frau weiterhin professionell helfen lässt.

Im Frühsommer 2020 hat eine Frau aus Weinstadt eine gefährliche Verzweiflungstat begangen: Sie legte Feuer in der Wohnung eines Mehrfamilienhauses, in dem sie mit ihrer Familie lebt. Weil der Ehemann rasch reagierte, fand die Geschichte ein glimpfliches Ende. Sie hätte aber auch böse enden können. Jetzt musste sich die Frau vor dem Amtsgericht in Waiblingen verantworten.

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