Weinstadt

Vom Polarkreis ins Remstal

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Seit Jahrzehnten ist Gerhard Edel (70) begeisterter Radfahrer. Der Strümpfelbacher war sogar mal Württembergischer Meister im Straßenvierer. © ZVW
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Radtour_Nordkap-Strümpfelbach © ZVW

Weinstadt-Strümpfelbach. Sie trotzten Wind und Wetter, wurden von ihren Navis an der Nase herumgeführt und erfuhren unglaubliche Gastfreundschaft: Der Strümpfelbacher Gerhard Edel und drei Freunde radelten mehr als 3000 Kilometer – und zwar vom Polarkreis aus. „Das habe ich mir zu meinem 70. Geburtstag gewünscht.“

Video: Gerhard Edel unterwegs

Bei Sonnenschein und 20 Grad Celsius hat Gerhard Edel schon öfter ein Zelt aufgebaut – allerdings war es da nie gleichzeitig Mitternacht. So ist das eben im Sommer am Rand des Polarkreises, wenn die Tage lang und die Nächte extrem kurz sind. Auch die Heimsuchung durch Mücken hat dort eine ganz andere Qualität. „Das ist eine Plage da unten“, sagt Gerhard Edel. Selbst wer sich mit Autan einsprüht, bekommt trotzdem noch genug Stiche ab. Aber der 70-Jährige ist keiner, der sich darüber beschwert, er hat ja gewusst, dass bei langen Radtouren Abstriche beim Komfort normal sind. Er hatte 25 Kilo schweres Gepäck bei sich, musste Kälte und Regen ertragen – und über weite Strecken einen äußerst üblen Gegenwind. Durchhalten lässt sich das nur mit einem starken Willen. „Man muss sich immer motivieren“, sagt Gerhard Edel. Er weiß schließlich aus Erfahrung, dass sich das letztlich auszahlt – auch dank all der Menschen, die er diesmal wieder auf seiner Tour kennengelernt hat. Menschen, denen er nie begegnet wäre, wenn er einfach nur von Hotel zu Hotel gefahren wäre. „Wir haben nie gewusst, wo wir übernachten.“

Eine Radtour von Nordnorwegen nach Strümpfelbach

Genau durch diese Offenheit haben Gerhard Edel sowie seine drei Mitstreiter Hubert Seiter, Peter Biler und Eberhard Wolf bei ihrer Radtour von Nordnorwegen nach Strümpfelbach große Gastfreundschaft erfahren – vor allem dann, wenn die Technik versagt hat. Ein Beispiel: Das Navi zeigte ihnen glasklar an, dass sich an einer bestimmten Stelle ein Campingplatz befindet. Als die vier Männer dann allerdings ankamen, war dort nur ein Acker, sonst nichts. Es regnete stark, an einen Schlaf unter freiem Himmel war nicht zu denken. Also beschlossen Gerhard Edel und seine Gefährten, unter dem Dachvorsprung eines Geschäfts zu übernachten. Da wären sie auch geblieben, wäre nicht ein junger Mann gekommen, der ihnen seine Hilfe anbot.

„Die haben einfach uns Fremde aufgenommen“

Er lotste sie zum Anwesen seiner Schwester. „Die Oma war gestorben, deshalb stand dort ein Haus leer.“ Und da durften dann Gerhard Edel und seine Weggefährten schlafen – ohne dafür zahlen zu müssen. Obendrein heizte die Familie für die vier Deutschen noch die Sauna an. Gerhard Edel hat das berührt. „Die haben einfach uns Fremde aufgenommen.“

Auch sonst hatten die vier Männer Glück. Niemand verletzte sich bei einem Sturz. Die technischen Pannen, die es an den Rädern gab, konnten durch Reparaturen behoben werden. „Bei mir ist bloß die Felge gerissen“, sagt Gerhard Edel. Und das bei einem Rad, das schon 23 Jahre alt ist. Bei aller Freude am Abenteuer haben die vier Männer auch Pragmatismus bewiesen. Als der Gegenwind in Finnland einmal einfach nicht zu ertragen war, sind sie kurzerhand eine Strecke mit dem Bus gefahren. Und die letzten Kilometer von Nürnberg nach Waiblingen ist Gerhard Edel dann mit dem Zug gefahren. „Meine Frau hatte Ende Juli Geburtstag – und da wollte ich unbedingt zu Hause sein.“

Geht es nach Gerhard Edel, war das freilich nicht seine letzte große Tour. Er ist früher schon von Portugal und Griechenland nach Strümpfelbach geradelt, nun würde der 70-Jährige noch gerne von Moskau aus starten. „Jetzt fehlt mir nur noch die Tour vom Osten her.“