Weinstadt

Wengerter und ihre Wirtschaften in Weinstadt: Im „Besen“ ist es wegen Corona still geworden

Corona Mödinger
Kerstin Mödinger vom Weingut in Strümpfelbach: Im „Koppa-Besa“ der Mödingers wird es in diesem Jahr wohl nicht mehr gesellig. © Benjamin Büttner

In Besenwirtschaften gilt in aller Regel das Prinzip: Wo ein Plätzchen frei ist, darf ich mich hinsetzen – auch, wenn am selben Tisch bereits zwei wildfremde Pärchen hocken, die sich ebenfalls erst vor einer halben Stunde kennengelernt haben. Müssen sie eben noch etwas enger zusammenrücken! In der Corona-Pandemie funktioniert das freilich nicht. Abstand halten gehört nicht zum weinseligen Konzept, das sich die Wengerter einst überlegt haben, um ihre Tropfen direkt vor Ort auszuschenken. Die Folge, nicht erst seit dem Gastro-Lockdown, sind geschlossene Gasträume – und Sorgen bei den Besenwirten, weil ihnen ein wichtiges Instrument zur Direktvermarktung fehlt.

Da ist zum Beispiel Jörg Schwegler, der den Käppeles-Besen in Endersbach betreibt. Traditionell öffnet er die Gaststube im Keller seines Weinguts nach der Lese. In diesem Jahr ist daraus nichts geworden. Der Wengerter wird deshalb für November einen Antrag auf Finanzhilfe stellen. „Ich bin zwar kein reiner Gastronom, aber wir können über Jahrzehnte hinweg nachweisen, dass bei uns der November für fast 30 Prozent des Gesamtumsatzes im zweiten Halbjahr verantwortlich ist. Das sind fünfstellige Beträge, die da fehlen.“

Ausschank unter freiem Himmel – auch im Winter eine Option?

Im Januar hatte Jörg Schwegler seine Besenwirtschaft noch ganz normal geöffnet, im März, zur zweiten von drei Öffnungszeiten im Jahr, wegen der Corona-Pandemie schon nicht mehr. Im Oktober noch veranstaltete Jörg Schwegler als Alternative an der frischen Luft einen mehrtägigen „Hofbesen“. Die Leute saßen direkt vor der Kelterhalle, in der er seinen Wein herstellt. Den Termin, der fürs erste Novemberwochenende geplant war, musste der Wengerter wegen des Teil-Lockdowns aber abblasen. Wie Schwegler haben viele Weingüter die warmen Monate genutzt, um ihre Weine unter freiem Himmel auszuschenken. Die Weingüter Idler und Knauss in Strümpfelbach oder Sigle und Zimmerle in Großheppach zum Beispiel lockten viele Gäste an, als sich die Corona-Lage im Sommer entspannt hatte. Und auch die ein oder andere Gaststube war zwischenzeitlich geöffnet – die klassische Besen-Atmosphäre, in der man „mit Wildfremden über Gott und die Welt babbelt“, wie es Jörg Schwegler ausdrückt, ist dabei aber nicht aufgekommen.

Hinzu kommt die Ungewissheit, wann der Besen überhaupt wieder vor dem Weingut aufgehängt werden kann, um zu signalisieren: Gäste willkommen. Ob er sich traut, in diesem Jahr Glühwein am Weingut auszuschenken, weiß Jörg Schwegler noch nicht – selbst wenn es erlaubt wäre. „Ich habe keine Lust, dass es nachher heißt: Ich hab mir beim Schwegler Corona geholt.“

Im „Koppa-Besa“ war im März nach nur einer Woche Schluss

Kerstin Mödinger vom gleichnamigen Weingut in Strümpfelbach plagen ähnliche Ungewissheiten. Auch Mödingers haben den Sommer gut genutzt und ihre Weine im Freien angeboten. Doch ihre Besenwirtschaft, der „Koppa-Besa“, die traditionell einmal im März und noch einmal direkt nach Weihnachten öffnet, wirft in diesem Jahr nichts ab. Im Frühjahr war nach nur einer Woche Schluss, und für die Jahreswende sieht Mödinger eher schwarz. „Wir sind eine ganz kleine traditionelle Besenwirtschaft, die nicht konzessioniert ist. Wir sind angewiesen auf den Besen und auf unsere Veranstaltungen“, sagt Kerstin Mödinger. Doch auch der Leuchtende Weinberg, die Nacht der Keller, ein Ausschank auf der Luitenbacher Höhe – all das fiel flach im Corona-Jahr 2020.

Und das Wengerthäusle der Mödingers in den Weinbergen bietet in Zeiten verschärfter Hygiene-Regeln nicht die notwendigen sanitären Anlagen für einen gemütlichen Ausschank im Freien. Selbst der Adventsmarkt, den Mödingers traditionell veranstalten, kann nicht wie gewohnt stattfinden, sondern in abgespeckter Form – quasi ohne die Geselligkeit.

Immerhin wird mehr Wein gekauft

Wie kommen die Wengerter trotzdem über die Runden? Es gibt auch gute Nachrichten: Sowohl Jörg Schwegler als auch Kerstin Mödinger berichten, dass der Weinverkauf aus dem Hofladen besser läuft als sonst. „Wir liefern im Umkreis von zehn Kilometern aus und bieten auch kontaktlose Abholung an. Das läuft gut“, sagt Kerstin Mödinger. Dass ihr Mann Sven Mödinger noch einen zweiten Beruf hat, hilft natürlich zusätzlich. Jörg Schwegler hofft darüber hinaus auf die Finanzspritze für Gastronomen.

Die Chancen stehen also gut, dass die Weingüter die harte Zeit überstehen werden und ihre Gaststuben in Weinstadt irgendwann wieder öffnen. Ob es dann wieder so gesellig wird wie vor der Corona-Krise? Zu hoffen ist es. Schließlich gehören die Besen zum Remstal einfach dazu.

In Besenwirtschaften gilt in aller Regel das Prinzip: Wo ein Plätzchen frei ist, darf ich mich hinsetzen – auch, wenn am selben Tisch bereits zwei wildfremde Pärchen hocken, die sich ebenfalls erst vor einer halben Stunde kennengelernt haben. Müssen sie eben noch etwas enger zusammenrücken! In der Corona-Pandemie funktioniert das freilich nicht. Abstand halten gehört nicht zum weinseligen Konzept, das sich die Wengerter einst überlegt haben, um ihre Tropfen direkt vor Ort auszuschenken. Die

Alle Abos jederzeit kündbar:
ZVW+ MONATLICH
Erster Monat gratis, danach 5,99 €/mtl.
ZVW+ JÄHRLICH
Statt 71,88 € (Zwei Monate gratis)
ZVW+ JÄHRLICH mit ePaper
mit täglichem Zugriff zum ePaper