Weinstadt

Wie geht es Polen in der Corona-Krise?

Wie geht’s Polen in der Corona-Krise?_0
Bild aus besseren Zeiten: Die Europatage in der Partnerstadt Miedzychod im Jahr 2004, dem Jahr des polnischen EU-Beitritts. © Privat

Weinstadt/Miedzychod.
Wie kann eine Städtepartnerschaft in Zeiten der Coronavirus-Pandemie am Leben gehalten werden? Was ist in Polen anders als in Deutschland? Wir haben in der Weinstädter Partnerstadt Miedzychod nachgefragt, wie die Lage ist. Tadeusz Wienke ist Mitarbeiter im Bereich Kultur und Stadtmarketing beim Stadtamt von Miedzychod, er beherrscht Deutsch perfekt in Wort und Schrift. Wir haben ihm Fragen zur Corona-Krise gestellt – und sehr schnell Antworten erhalten.

Wie ist die Lage in Miedzychod? Beschreiben Sie mir bitte, wie sich das Leben in Miedzychod durch das Virus geändert hat.

Das Leben in Miedzychod hat sich, wie im ganzen Land, stark verändert. Es gibt keine Spaziergänger auf den Straßen, man kann nur mit wichtigen Gründen raus gehen: zur Arbeit, zum Einkaufen, zur Apotheke. Andere Spaziergänge sind streng verboten. Es ist auch nicht erlaubt, im Wald oder im Park spazieren zu gehen oder zu laufen. Und es ist auch nicht gestattet, ohne triftigen Grund in andere Städte zu reisen. Die Straßen sind leer, es gibt nur Warteschlangen vor den Lebensmittelgeschäften. Es können nur wenige Leute drinnen sein. Schulen und Kindergärten sind geschlossen. Dies bringt viele Probleme für die Eltern dieser Kinder mit sich. Aus Sicherheitsgründen ordnete der Bürgermeister an, die Seniorenclubs und den Marktplatz zu schließen. Verboten sind auch kulturelle und sportliche Veranstaltungen, es können nur fünf Personen an einer Messe in der Kirche teilnehmen (leere Kirchen in Polen sind eine beispiellose Situation). Vor kurzem haben wir beschlossen, die diesjährigen Stadttage abzusagen, obwohl ihre Vorbereitungen bereits weit fortgeschritten waren.

In Deutschland durften viele Geschäfte wochenlang nicht mehr öffnen wegen des Virus. Wie ist es in Miedzychod?

Dies könnte auch hier geschehen. Viele Geschäfte werden an Unternehmen von einer kommunalen Gesellschaft vermietet. Um die Situation ein wenig zu retten, reduzierten wir dort die Miete für April um 80 Prozent. Falls erforderlich, werden wir dies auch weiterhin tun. Aber es gibt eine Menge kleiner Privatunternehmen, die wahrscheinlich pleitegehen werden. Auch Handwerker und Dienstleistungsanbieter haben dasselbe Problem, zum Beispiel müssen Friseursalons geschlossen werden. Darüber hinaus sind die Grenzen geschlossen, auch Saisonarbeit ist nicht möglich. Die Arbeitslosigkeit, die es hier letztens fast nicht mehr gab, ist dabei, wieder anzufangen.
Unsere Hoffnung ist es aber, weiterhin neue Investoren anzuziehen, die neue Arbeitsplätze anbieten, daran arbeiten wir die ganze Zeit. Wir haben gerade die Zusicherung eines deutschen Investors, dass er eine große Möbelfabrik in Gorzyn bauen wird, wo wir bereits mit dem Bau einer Straße in das Investitionsgebiet beginnen. Das wird uns rund 5,7 Millionen Zloty kosten. Was unsere anderen Investitionen betrifft, so warten wir auf die Entwicklung der Situation. In diesem Jahr haben wir uns zum ersten Mal darüber gefreut, dass das geplante kommunale Budget 100 Millionen überschreiten wird. Die Krise mit dem Coronavirus wird die Dinge sicherlich verschlimmern. Wenn das Einkommen niedriger ist, werden wir auch die kommunalen Investitionen reduzieren. Wir werden dies Mitte des Jahres korrigieren, aber der Bau einer Turnhalle für die Schule in Lowyn ist bereits im Gange.

In Deutschland arbeiten wegen des Virus viele Menschen von zu Hause aus statt in der Firma. Wie ist es in Miedzychod?

Wenn möglich, haben auch Unternehmen hier diese Betriebsart eingeführt. Was die Arbeit von zu Hause aus betrifft, so ist es auch für Eltern von Schulkindern schwierig, denn die Schüler hier müssen über das Internet lernen, und manchmal ist es eine Menge an Aufgaben. In unserem Amt arbeiten einige Mitarbeiter von zu Hause aus und der Rest in einem abgeschlossenen Amtsgebäude. Wir benutzen E-Mails und Telefone, und wir arbeiten weiter. Es ist viel zu tun.
Die Gemeinde hat 14 000 Gesichtsmasken für die Einwohner gekauft und verteilt, die von nun an obligatorisch sind. Aus dem kommunalen Haushalt wurden auch viele notwendige Schutzausrüstungen für das Krankenhaus, das Feuerwehrpersonal und die Polizei bereitgestellt. Es sollte betont werden, dass es viele Fälle von gegenseitiger Hilfe und Volontäre gibt, die vor allem älteren Menschen bei ihren täglichen Problemen helfen wollen.

Wie viele Menschen in Miedzychod sind Stand heute mit dem Coronavirus infiziert worden? Und wie viele Menschen in Miedzychod sind bislang an dem Coronavirus gestorben?

Bisher wurden in dem gesamten Kreis Miedzychodzki keine Infizierten mit dem Coronavirus gefunden. Und Gott sei Dank ist niemand tot. Circa 100 Menschen sind immer in Quarantäne. Sie müssen isoliert werden, weil sie aus dem Ausland kamen oder sie hatten möglicherweise Kontakt mit jemandem, der krank war.

Welche gemeinsamen Veranstaltungen von Miedzychod und Weinstadt sind wegen der Corona-Krise abgesagt worden?

In diesem Jahr jährt sich die Unterzeichnung des Städtepartnerschaftsabkommens mit Weinstadt zum 30. und Ostricourt in Frankreich zum 45. Mal. Deshalb haben wir geplant, im Juli ein großes Fest der Partnerstädte zu organisieren. Aufgrund der Epidemie hat sich die Situation jedoch geändert, und wir wissen jetzt nicht, ob wir sie absagen oder verschieben müssen. Wir werden entsprechend reagieren. Jetzt ist die Zeit der Proben, aber es wird die Zeit des Feierns auch kommen.

Wie wollen Sie die jahrelange Städtepartnerschaft zwischen Weinstadt und Miedzychod trotz der Corona-Krise pflegen?

In dieser Krise sind die Prioritäten anders. Aber die Krise wird vorübergehen und es wird so weitergehen wie bisher oder noch besser. Wir werden so handeln, wie es die Situation erlaubt. Wir wollen uns treffen, unser 30-Jahr-Jubiläum mit einer lustigen Veranstaltung feiern, und wir wollen die Kontakte zwischen jungen Menschen, Sportlern, Senioren und Künstlern weiter ausbauen. Wir wollen unsere Städte weiter kennenlernen und in einem vereinten Europa leben. Wir wünschen uns allen eine Rückkehr zur Normalität.

Weinstadt/Miedzychod.
Wie kann eine Städtepartnerschaft in Zeiten der Coronavirus-Pandemie am Leben gehalten werden? Was ist in Polen anders als in Deutschland? Wir haben in der Weinstädter Partnerstadt Miedzychod nachgefragt, wie die Lage ist. Tadeusz Wienke ist Mitarbeiter im Bereich Kultur und Stadtmarketing beim Stadtamt von Miedzychod, er beherrscht Deutsch perfekt in Wort und Schrift. Wir haben ihm Fragen zur Corona-Krise gestellt – und sehr

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