Weinstadt

„Wir müssen die Notbremse ziehen“: Silcher-Museum in Schnait schließt für immer

Kulturzentrum Silcher-Haus
Das „Silcher Lab“ war ein Versuch, das Museum in Weinstadt-Schnait zu retten. © ZVW/Gabriel Habermann

In Schnait endet eine Ära: 110 Jahre nach seiner Eröffnung hat das Präsidium des Schwäbischen Chorverbands entschieden, das Silcher-Museum nicht mehr zu öffnen. Pläne für ein alternatives Nutzungskonzept des seit 2020 zunächst vorübergehend geschlossenen Museums sind gescheitert. „Wir müssen die Notbremse ziehen“, sagt Johannes Pfeffer, Geschäftsführer des Chorverbands.

Offen ist, wie es mit dem Geburtshaus des berühmten Komponisten Friedrich Silcher weitergeht. Johannes Pfeffer sagte unserer Redaktion, dass mit anderen Museen verhandelt werden soll, ob sie Ausstellungsstücke aus Schnait übernehmen. Leicht wird das nicht – zumal Teile der Sammlung denkmalgeschützt sind.

Betroffenheit in Weinstadt - etwa beim Vorsitzenden des FDP-Ortsverbands

In Weinstadt wühlt die bevorstehende Schließung die Bürger auf. Für Hans-Jörg Polzer, Vorsitzender des FDP-Ortsverbands Weinstadt, ist Silcher eine „taktgebende Gestalt der Volksbildung“. Das Schulhaus in Schnait habe sozusagen den Weltgeist in das Land gebracht. Das Aus fürs Museum macht ihn betroffen: „Silcher muss in Schnait bleiben, damit er in der Welt bleibt.“

Das einstige Schulhaus von Schnait war das Geburtshaus von Friedrich Silcher

Das Museum wurde 1912 in Schnait vom damaligen Schwäbischen Sängerbund eröffnet, wie der Chorverband früher hieß. Dafür wurde extra das 1767 erbaute Schulhaus ausgewählt, da hier Friedrich Silcher als Sohn des Dorflehrers geboren wurde. Silcher wurde vor allem durch seine Lieder berühmt, etwa die Vertonung des Loreley-Lieds oder das von ihm adaptierte „Muss i denn, muss i denn zum Städtele hinaus“. Neben Ausstellungsstücken zu Friedrich Silcher zeigte das Museum seit dem Jahr 2000 auch die Historie der süddeutschen Laienchor-Bewegung sowie des Schwäbischen Sängerbunds, der 1849 gegründet worden ist.

Eigentlich sollte das Silcher-Museum bis 2024 wieder eröffnet werden

Die Entscheidung, das Museum in Schnait dauerhaft zu schließen, ist laut Geschäftsführer Johannes Pfeffer „kein einfacher Prozess im Verband“ gewesen. „Sonst hätten wir es vor zehn Jahren zugemacht.“ So ist zunächst versucht worden, mit einem neuen Ansatz den Betrieb noch zu retten. Denn das Silcher-Museum litt schon seit längerem unter zurückgehenden Besucherzahlen und einer laut Johannes Pfeffer „nicht mehr zeitgemäßen“ Ausstellung. 2020 wurde das Silcher-Museum deshalb geschlossen, mit dem Ziel, bis 2024 fertig zu werden, pünktlich zum 175-jährigen Bestehen des Schwäbischen Chorverbands.

Laut Geschäftsführer Johannes Pfeffer wurde versucht, das Gebäude für andere kulturelle Aktivitäten zu öffnen. So fanden ein Spieletreff und Yogakurse im Silcher-Museum statt, der Musikverein Schnait probte hier und eine Theaterpädagogin nutzte die Räume für ihr Bürgertheater. Überhaupt sollte das Gebäude durch Aufführungen und Veranstaltungen belebt werden. Das Ganze lief unter dem Begriff „Silcher Lab“, das Museum begriff sich dabei als experimentelles Kultur-Labor. Dafür gab es auch Geld auf dem Förderprogramm „Freiräume“ des Landes Baden-Württemberg, durch das Orte der Begegnung über Kunst und Kultur im ländlichen Raum bezuschusst werden.

Schwäbischer Chorverband vertritt rund 54.000 Sängerinnen und Sänger

Ein Model für die Zukunft wurde es nicht. Damit das Silcher-Museum ein Haus für Veranstaltungen werden kann, müssten laut Johannes Pfeffer einige große bauliche Fragen geklärt werden. So wäre eine zweite Fluchttreppe nötig, auch müsste wegen weiterer Brandschutz-Auflagen umgebaut werden. Erschwerend kommt hinzu, dass der vordere Teil des Gebäudes denkmalgeschützt ist. Bei seinen Überlegungen musste der Schwäbische Chorverband auch daran denken, inwiefern mit dem Erhalt des Museums etwas für die Chöre im Land getan wird. Schließlich vertritt er laut seiner Internetseite rund 54.000 Sängerinnen und Sänger sowie circa 1500 Vereine und Ensembles. All die Überlegungen führten letztlich zum Ergebnis, dass das Museum in der Silcherstraße 49 nicht mehr zu halten ist. „Das ist ein Prozess für uns als Verband, der traurig ist.“

Letzte Chance zum Besuch des Museums am Sonntag, 15. Januar 2023

Johannes Pfeffer ist sich natürlich bewusst, dass sich viele Menschen vor Ort mit dem Museum identifiziert haben. Eine letzte Chance, das Haus zu besuchen, gibt es am Sonntag, 15. Januar 2023. Das Künstlerkollektiv Zeitraum lädt zum Abschluss des Projekts „Das ist unser Haus!“ ein, das vom Fonds Soziokultur gefördert wurde. Die Künstler beschäftigten sich damit, welchen Kulturraum Schnait benötigt. Los geht es um 16 Uhr mit einer Kaffeetafel, von 17 Uhr an gibt es ein Kulturprogramm. Im Rahmen dieses Tages ist auch ein Treffen von Oberbürgermeister Michael Scharmann und dem Präsidenten des Schwäbischen Chorverbandes vorgesehen.

Chorverband spricht mit Literaturarchiv in Marbach und Museum in Tübingen

Die derzeitige Nutzung des Silcher-Museums als Kulturraum soll im Februar 2023 enden. Das Jahr 2023 will der Chorverband nutzen, um für die Sammlungen rund um Silcher und die Sängergeschichte in Baden-Württemberg neue Orte zu finden, wo sie aufbewahrt werden. Dabei sollen laut Johannes Pfeffer bereits im Januar Gespräche mit dem Museum in Tübingen geführt werden, schließlich war die Stadt die Hauptwirkungsstätte des Komponisten, in der er auch 1860 gestorben ist. Auch mit dem Deutschen Literaturarchiv in Marbach will der Chorverband reden. Dieser hat 2021 bereits Original-Handschriften von Silcher erhalten, die zuvor in Schnait aufbewahrt wurden. Mit dem Haus der Geschichte in Stuttgart sowie dem Sängermuseum in Feuchtwangen möchte Johannes Pfeffer ebenso sprechen wie mit der Stadt Weinstadt. 2021 gingen bereits 127 Stücke des Silcher-Museums im Rahmen einer Schenkung ins Eigentum der Stadt über.

Verkauf an Privatleute wäre für den Chorverband die letzte Option

Dass Ausstellungsstücke in den Privatbesitz von jemandem übergehen, ist für Johannes Pfeffer die letzte Option. Angedacht ist, dass alles aus dem Museum in Schnait öffentlich zugänglich bleibt, auch mit Blick auf die künftige Forschung zu Silcher. Aus Sicht des Chorverband-Geschäftsführers ist das Aus für das Schnaiter Museum indes nicht das Ende der örtlichen Verbindung zu dem Komponisten. „Es wird immer der Geburtsort von Friedrich Silcher sein.“

In Schnait endet eine Ära: 110 Jahre nach seiner Eröffnung hat das Präsidium des Schwäbischen Chorverbands entschieden, das Silcher-Museum nicht mehr zu öffnen. Pläne für ein alternatives Nutzungskonzept des seit 2020 zunächst vorübergehend geschlossenen Museums sind gescheitert. „Wir müssen die Notbremse ziehen“, sagt Johannes Pfeffer, Geschäftsführer des Chorverbands.

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Offen ist, wie es mit dem Geburtshaus des berühmten Komponisten Friedrich Silcher weitergeht. Johannes

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